Change Edition

Tageseltern in Luxemburg vernetzen sich

Am gestrigen Sonntag, den 08. Mai 2016 um 15:00 Uhr fand unter der Schirmherrschaft des Vereins DAGESELTEREN NETWORK ASBL die zweite Info-Veranstaltung für Tageseltern, diesmal in Esch-Sûr-Alzette im Saale des Schachclubs Esch Rochade Reine, statt.

Unter dem Vorsitz der Präsidentin Frau Stella Falkenberg, der Sekretärin Frau Arlette Kayser und dem Kassierer Herrn Guy Hengel wurden zahlreiche Tagesordnungspunkte besprochen, die die Tätigkeit der Tageseltern betreffen.

Neben verschiedenen administrativen Punkten wurde aber besonders die prekäre Situation der Tageseltern im Süden des Landes hervorgehoben.
Dadurch, dass im Süden Luxemburgs etwas über 300 Tageseltern tätig sind, das entspricht in etwa 40% der insgesamt registrierten und offiziell arbeitenden Tageseltern in Luxemburg, kommt es speziell in dieser Region zu erhöhter Konkurrenz unter den Tageseltern.

Diese Konkurrenz wird jedoch in erster Linie nicht von den Tageseltern selber produziert, sondern ist ein Resultat der ungleichen Zuzahlung für Eltern bei der Nutzung des Chèque Service Systems.

Da in der südlichen Region, laut Aussage und Erfahrungsaustausch mit den dort ansässigen Tageseltern, zum großen Teil sozial schwache Familien leben, in der beide Elternteile arbeiten gehen müssen, um zu überleben, liegt der maximale Stundensatz für die Betreuung von Kindern bei Tageseltern gerade mal bei der maximalen Zuzahlung, die vom Chèque Service dafür geleistet wird.
Dieser Betrag liegt bei 3,50 € pro Stunde. (Zum Vergleich, die Kosten für eine Putzhilfe liegen bei mindestens 12,50 € pro Stunde.)

Die Eltern üben augenscheinlich in dieser Region massiven Druck auf die dort ansässigen Tageseltern aus, damit sie selber keine Zuzahlung für die Betreuung ihrer Kinder leisten müssen. Neben den Eltern, bei denen der Lebensunterhalt mit 2 Gehältern gerade so zum Überleben reicht, gibt es wohl auch Eltern, die bewusst eine Tagesmutter nach der anderen besuchen, um den geringstmöglichen Preis zu bekommen. Wehe dem, eine Tagesmutter wagt sich zu sagen, dass sie 4,- € pro Stunde nimmt. Dann wird argumentiert, dass es ja genug andere Tagesmütter in der Nähe gäbe, die für 3,50 € pro Stunde Kinder betreuen.

Was bleibt einer Tagesmutter da quasi anderes übrig, als sich dem Druck der Eltern zu beugen und den gleichen Preis wie die anderen Tagesmütter zu nehmen.
Gesund ist diese Entwicklung sicherlich nicht, denn sie hat nicht nur Auswirkungen auf die soziale Struktur im Land, sondern auch auf die Qualität der Kinderbetreuung. Dadurch gerät das Ansehen aller Tageseltern in Misskredit und selbst diejenigen, die nicht in dieser Zone Luxemburgs leben und arbeiten, bekommen diese Auswirkungen zu spüren.

Fakt ist, dass es wohl genügend Tagesmütter gibt, die inoffiziell mehr Kinder versorgen, als sie vom Ministerium gestattet bekommen. Die maximal mögliche Anzahl von Kindern, die zur selben Zeit bei Tageseltern versorgt werden dürfen, beläuft sich auf 5 Kinder. Diese Zahl ist abhängig von der Größe der Wohnung/des Hauses, in welcher/em die Kinder betreut werden und wird durch das offizielle Agrément, welches durch das Ministerium für Erziehung ausgestellt wird, reglementiert.

Der Verein DAGESELTEREN NETWORK ASBL will an dieser Stelle aber weder anklagen, noch verurteilen, sondern zur Lösung dieses Problems aufrufen.
Denn Schuld an dieser Situation ist allein die Tatsache, dass bei der Zuzahlung durch den Chèque Service, die ja den Eltern der Kinder zusteht, noch immer Unterschiede zwischen einer Unterbringung der Kinder in Strukturen, wie Maison Relaien und Crèchen bzw. bei Tageseltern gemacht wird.

Warum bekommen Eltern, die ihre Kinder in Strukturen versorgen lassen bis zu 6,- € pro Stunde (nach dem neuen Gesetz) durch den Chèque Service dazu bezahlt? Warum bekommen Eltern, die ihre Kinder lieber in einem kleinen familiären Kader von maximal 5 Kindern bei Tageseltern versorgen lassen wollen, nur maximal 3,50 € pro Stunde dazu bezahlt?

Natürlich könnte man jetzt sagen, dass die Eltern, die weniger bezahlen möchten, doch bitteschön ihre Kinder in den Strukturen versorgen lassen sollen. Aber das geht im Süden nicht, weil es nicht genügend Strukturen mit freien Plätzen gibt und die Bevölkerungsdichte so groß ist, dass man als Eltern quasi gezwungen ist (was allein schon fürchterlich klingt) sein Kind zu Tageseltern zu geben, die ja viel teurer sind, als die Strukturen.
Und warum ist das so? Weil die Zuzahlung beim Chèque Service eben nicht egalisiert ist.

Würde man als Eltern für die Betreuung in Strukturen und bei Tageseltern gleichwertig 6,- € pro Stunde dazu bezahlt bekommen, wäre erstens die freie Wahl des persönlich bevorzugten Betreuungsplatzes wirklich eine freie Wahl und zweitens könnten die Tageseltern im Süden ihren Stundenlohn auf 6,- € pro Betreuungsstunde erhöhen, ohne dass die Eltern für diesen Service mehr dazu bezahlen müssen. Des Weiteren würde sich somit die Betreuung von 5 Kindern für diese Tageseltern tatsächlich insoweit lohnen, als dass zumindest die Unkosten gedeckt wären. Man wäre also nicht mehr darauf angewiesen sich evtl. auf das illegale Terrain der Schwarzarbeit zu begeben um zu überleben. Damit könnten auf lange Sicht die sozialen Brennpunkte im Süden entschärft werden.

Solange dies aber noch nicht bei den verantwortlichen Politikern durchgedrungen ist, besteht die soziale Diskrepanz weiterhin und die Tageseltern sind dem Druck der Eltern, die ja aufgrund ihrer Situation auch nicht anders können, hilflos ausgeliefert. Denn welche Tagesmutter mit vielen KonkurrentInnen im Umfeld gibt freiwillig ein Kind ab, mit dessen Betreuung sie ihren Lebensunterhalt verdienen muss? Dann arbeitet sie lieber unterhalb des Mindestlohnes, um wenigstens etwas zu verdienen.
Der Konkurrenzdruck ist so groß, dass viele Tageseltern mit nur einem oder zwei zu betreuenden Kindern um ihr Überleben kämpfen müssen. Da ist es quasi vorprogrammiert, dass inoffiziell mehr Kinder versorgt werden, um wenigstens die Kosten, die man als Tageseltern hat, decken zu können.

Denn das von den Politikern vertretene Argument, dass die geringere Zuzahlung bei der Versorgung eines Kindes bei Tageseltern darin begründet liegt, dass Tageseltern ja nicht so hohe Kosten wie Strukturen hätten, hinkt.
Das Verhältnis von der Anzahl der Angestellten in einer Struktur, den laufenden Kosten für Lebensmittel, Strom, Gas, Wasser, Putzmittel, Fahrzeug für den Schultransport, Versicherungen etc. zum Verhältnis der Anzahl der dort betreuten Kinder ist im Endeffekt ähnlich, wie bei einer Tagesmutter, wo 5 Kinder auf eine Betreuungsperson kommen. Der einzige Unterschied der dort besteht ist, dass die Tagesmutter alle Kosten alleine tragen muss, bei einer minimal möglichen Anzahl von betreuten Kindern. Und in den Strukturen sind ganz oft viel mehr Kinder pro Betreuungsperson untergebracht, als es ihnen gut tut.

Dies wirft wiederum die Frage auf, darf man Kosten eines Geschäftes, egal ob Struktur oder Tageseltern, zu Kalkulation einer Zuzahlung, die den Eltern durch den Chèque Service zuteil wird, überhaupt heranziehen? Denn es ist doch völlig egal, wie viele Ausgaben eine Struktur oder eine Tagesmutter hat, denn die wirtschaftlichen Ausgaben eines Unternehmens sollten nicht als Berechnungsgrundlage für die staatliche Zuzahlung für Kinderbetreuung dienen, da man dann den privatwirtschaftlichen Bereich mit dem staatspolitischen Bereich mischt.

Wir als Kunden irgendeines Geschäftes bekommen ja schließlich auch keine Preisreduktionen für die dort zu kaufenden Produkte, wenn der Betreiber des Geschäftes mehr Ausgaben für z.B. die Ladeneinrichtung hat, als das Konkurrenzgeschäft. Das wäre rein wirtschaftlich betrachtet auch unlogisch. Denn da wo mehr Unkosten entstehen, sind im Allgemeinen die Produktkosten im Verkauf auch höher (siehe Marken- bzw. Designerware).

Abschließend kann gesagt werden, dass der Verein DAGESELTEREN NETWORK ASBL seine Aufgabe zur Vernetzung aller Tageseltern in Luxemburg ernst nimmt und dazu beitragen möchte Kommunikationsschwierigkeiten zu beseitigen. Der Verein macht sich die modernen Mittel wie z.B. soziale Netzwerke wie Facebook zunutze, um auch über größere Distanzen den Tageseltern die Möglichkeit zu geben schnell und zeitnah an Informationen zu gelangen.

Da viele Tageseltern auch noch Kinder betreuen, wenn die für Verwaltung zuständigen Behörden, wie z.B. das Ministerium für Erziehung oder die Agence Dageselteren, die für die administrativen Vorgänge zuständig sind, bereits Büroschluss haben, ist das Netzwerk für alle Tageseltern quasi rund um die Uhr zu erreichen. D.h. in Notfällen können die Tageseltern auf die Zusammenarbeit ihrer KollegInnen zurückgreifen und von deren Erfahrungen profitieren.

Selbst bei Arbeitsunfällen und dringenden Fragen kann das Netzwerk schnell und unbürokratisch helfen, wenn in der dafür vorgesehenen Facebook-Gruppe, die ausschließlich den offiziell zugelassenen Tageseltern zugänglich ist, eine Frage an die Mitglieder gestellt wird. Bei mittlerweile über 140 Mitgliedern in der Facebook-Gruppe hat bestimmt irgendeiner eine passende Antwort zeitnah parat. Somit wird eine Kommunikationsverbesserung durch Vernetzung erreicht.

Bisher sind noch zwei weitere INFO-Veranstaltungen geplant, nämlich am:

Sonntag, den 22. Mai 2016 von 15:00 bis ca. 17:00 Uhr im Café de la Ville, 47, Place de l'Hôtel de Ville, L-3590 Düdelingen und am

Sonntag, den 05. Juni 2016 von 15:00 bis ca. 17:00 Uhr in der ASSOCIACAO DE PAIS DOS ALUNES DA ESCOLA PORTUGESA, 1, Rue Michel Weber, L-9089 Ettelbrück.

Zu diesen lädt der Verein DAGESELTEREN NETWORK ASBL nicht nur seine Vereinsmitglieder und alle Tageseltern aus der Umgebung ein, sondern auch Tageseltern in der Ausbildung, interessierte Eltern und alle Stellvertreter der Gemeinden, in denen sich der Verein vorstellt.
Ebenso eingeladen sind am Thema interessierte Personen, seien es Erzieher, Pädagogen, Mitarbeiter in privaten oder öffentlichen Strukturen, Vertreter des Ministeriums für Erziehung und Familie, Mitarbeiter der Agence Dageselteren, Politiker, Journalisten etc. Jeder ist willkommen, um sich über den Verein und seine Arbeit zu informieren. Um Anmeldung unter info@dageselteren-network.lu wird gebeten.