Change Edition

Tageseltern versus Strukturen -> Was ist Eltern die adäquate Versorgung ihrer Kinder wert?

Am Sonntag, den 22.05.2016 fand die dritte INFO-Veranstaltung des Vereins DAGESELTEREN NETWORK ASBL (Handelsregisternr.: F10700) in Düdelange im Café Hôtel de Ville statt.

Der Verein, der erst im Februar diesen Jahres gegründet wurde, zählt mittlerweile rund 120 aktive Mitglieder, zu denen bislang ausschließlich Tageseltern gehören. War die erste Veranstaltung noch recht zaghaft besucht, freut sich der Verein mittlerweile über eine größere Teilnahme von interessierten Tageseltern, die bei den regen Diskussionsrunden begeistert mitmachen.

Ziel des Vereins ist nach wie vor die Verbesserung der Kommunikation zwischen den Tageseltern und den zuständigen Behörden, sowie die Vernetzung aller in Luxemburg tätigen und offiziell zugelassenen Tageseltern. Auch die Kommunikation zwischen Tageseltern und Eltern soll verbessert werden, damit evtl. Unklarheiten zwischen diesen vorgebeugt wird.

Ein weiterer großer Punkt der Versammlung war diesmal die in der Gesellschaft fehlende Wertschätzung der Tageseltern und ihrer Arbeit, der individuellen Kinderbetreuung. Oftmals sehen sich die Tageseltern mit negativen Meinungen über ihren Beruf konfrontiert, die durch mangelnde Aufklärung und Information seitens der Eltern und auch der Politiker zustande kommen.

Bislang wurden die Tageseltern bei wichtigen Entscheidungen seitens der Regierung schlicht und einfach vergessen. Und das, obwohl sie mit einer Anzahl von knapp 700 praktizierenden Tageseltern in ganz Luxemburg zu einem der flexibelsten Kinderbetreuungszweige gehören.
Wenn man mal bedenkt, dass viele Tageseltern schon morgens ab 5:00 Uhr und dann bis spät in den Abend, z.T. bis 22:00/23:00 Uhr und teilweise auch über Nacht den vielen berufstätigen Eltern (die in Schichten arbeiten müssen und/oder die keine innerfamiliäre Unterstützung haben) in der Woche und auch am Wochenende zur Verfügung stehen, dann fragt man sich natürlich, warum Tageseltern hier im Land so schlecht angesehen sind.

Warum müssen sie um eine angemessene Bezahlung ihres professionellen und sehr individuellen Kinderbetreuungsservice so hart kämpfen? Wie kann es sein, dass berufstätige Eltern eher bereit sind 12,- bis 15,- € pro Stunde für eine Putzkraft zu bezahlen, als die Tageseltern angemessen zu entlohnen, die sich um ihre Kinder kümmern?

Sogar ein Babysitter bekommt in Luxemburg zwischen 4,- und 10,- € pro Stunde bei der Betreuung eines Kindes im Hause der Eltern, während viele Tageseltern für maximal 3,50 € pro Stunde Kinder versorgen.

Zitat: „Tarification and the babysitting calculator
The hourly rate for babysitting depends on the number of children as well as the respective babysitter's rate. The babysitter's rate depends on her/his age and her experience
A babysitter's hourly rate ranges in between 4 and 10 EUR...
...The rate of an overnight stay is up for discussion between the parents and the babysitter“
Quelle: http://www.babysitting.lu Menüpunkt: Book a babysitter

Dazu kommt, dass Babysitter bis auf ihre Fahrtkosten keinerlei Unkosten haben im Gegensatz zu Tageseltern, die neben der vom Gesetz obligatorischen Sozial- und Rentenversicherung auch noch alle anfallenden Nebenkosten wie Miete, Strom, Wasser, Gas, KFZ-, Unfall- und Haftpflichtversicherung, Lebensmittel, Getränke, Putzmittel etc. komplett selbst bezahlen müssen.
Ebenso erhalten Babysitter bei den Gemeinden einen Eintrag in der offiziellen Babysitterliste und werden durch die Gemeinde an die Eltern weiterempfohlen. Dies ist für Tageseltern nicht möglich, da diese selbständig sind und somit in den Gemeinden keine öffentliche Werbung machen dürfen.

Somit stellen sich gleich mehrere Fragen wie z.B.: Was ist den Eltern die individuelle Betreuung ihres eigenen Kindes eigentlich wert? Und warum werden die Tageseltern gegeneinander ausgespielt, nur um einen Billigtarif von 3,50 € pro Stunde zu bekommen? Was treibt die Eltern dazu, den geringst möglichen Preis von den Tageseltern zu verlangen? Ist den Eltern die individuelle und persönliche Betreuung „ihres eigenen Fleisch und Blutes“, ihres Kindes, nicht mehr wert?

Liegt es tatsächlich daran, dass die soziale Situation speziell im Süden Luxemburgs so sehr angespannt ist, dass sich Eltern auf so ein Niveau herablassen müssen, um mit ihren Einkünften auszukommen? Oder liegt es vielmehr daran, dass Eltern nicht einsehen, mehr bei den Tageseltern zu bezahlen, weil ihnen die angemessene Zuzahlung vom Staat beim Cheque Service System vorenthalten wird? Wieso bekommen Eltern für die Unterbringung ihrer Kinder in Strukturen mehr Zuzahlung vom Staat, als wenn sie ihre Kinder von Tageseltern versorgen lassen?

Es stellt sich wirklich die Frage, ob die Politiker noch nicht verstanden haben, dass durch dieses Ungleichgewicht beim Cheque Service System soziale Spannungen geradezu gefördert wurden und noch werden.
Diese sozialen Ungerechtigkeiten haben sich seit der Einführung des Cheque Service im Jahre 2007 gebildet und verschärft. Wir reden also von einer negativen Entwicklung innerhalb der letzten 9 Jahre.
Und solange diese Ungerechtigkeit nicht ausgeglichen wurde, nämlich durch die Angleichung der Zuzahlung beim Cheque Service für ALLE Kinder-Betreuungs-Systeme gleichermaßen, können sich die Tageseltern dem sozialen Druck durch die Eltern nicht entziehen.

Klar ist, dass alle Tageseltern, deren Stimmen bei der Versammlung gehört wurden, sich einig darüber sind, dass ihre Arbeit im Kinder-Betreuungs-Sektor mehr respektiert werden sollte und zwar nicht nur finanziell.

Wir Tageseltern respektieren jeden Wunsch der Eltern, deren Kinder wir betreuen. Wir kümmern uns mit Herz und Seele persönlich um jedes Kind, das uns anvertraut wurde. Wir respektieren und ermöglichen eine größtmögliche Flexibilität was Betreuungszeiten und -modelle angeht.
Aber auch wir sind Menschen, die es verdient haben, respektiert zu werden. Und dazu gehören auch unsere Verträge und Betreuungsmodalitäten.

Wir können und wollen nicht länger „so nebenbei“ erwähnt werden. Tageseltern zu sein bedeutet, genauso Verantwortung zu tragen, wie es vom Personal der Strukturen erwartet wird. Auch wir müssen regelmäßig Fortbildungen machen und unsere Wohnungen und Häuser mit den Sicherheitsstandarts ausstatten, um auf dem neuesten Stand der Dinge zu bleiben. Von uns wird in einem sehr großen Maße Professionalität verlangt, die bis jetzt aber noch nicht entsprechend honoriert wurde, nämlich mit einer Gleichstellung bei der Zuzahlung vom Cheque Service System.

Wir sind der Meinung, dass Qualität in der Kinderbetreuung von allen gleichermaßen geleistet werden kann, egal welchen Ausbildungsstand man hat. Denn wir müssen alle tagtäglich dazulernen, egal ob wir studiert haben oder nicht.

Aber in erster Linie hängt eine gute Qualität bei der Kinderbetreuung doch davon ab, ob man seinen Job mit Leib und Seele macht und ob man einfach einen guten Draht zu Kindern hat. Da kann man noch so professionell studiert und ein Diplom erworben haben, wenn man mit Kindern nicht gut auskommt, weil es einem einfach nicht liegt, dann nutzt einem so ein Diplom gar nichts.

Kinder habe so feine Antennen, sie merken, bei wem sie es gut haben. Ihnen ist es egal, ob man diplomierte/r ErzieherIn oder Tagesmutter/vater ist, wenn sie sich wohl fühlen, dann hat man einen guten Job gemacht. Und das verdient eben den Respekt, den man uns Tageseltern noch nicht zollt.

Der Verein DAGESELTEREN NETWORK ASBL will auf diesem Wege mehr Verständnis für die Tageseltern und deren Situation erreichen und durch Aufklärung und Information die sozialen Ungleichheiten beseitigen.

Weitere INFO-Veranstaltungen sind geplant am Sonntag, den 05.06.2016 von 15:00 – 17:00 Uhr im Saal der ASSOCIACAO DE PAIS DOS ALUNES DA ESCOLA PORTUGESA in 1, Rue Michel Weber, L-9089 Ettelbruck (Ettelbréck) und am Sonntag, 03.07.2016 von 15:00 – 17:00 Uhr im Saal des Schachclub Wasserbillig im Annexe des Centre Culturel, am Parkplatz zwischen 12 und 18 route de Luxembourg, L-6633 Wasserbillig.