Change Edition

„Ich kann endlich die Mutter sein, die ich immer sein wollte“

Am 5. Oktober, sofern keine unvorhergesehenen Umstände in letzter Minute eintreten, öffnet das neue Foyer der Fondation Autisme Luxembourg (FAL) in Rambrouch seine Türen. Hier werden 6 neue Personen mit einer Autismus-Spektrum-Störung ihr neues Zuhause finden.


Zu diesen 6 Personen gehört Jorge. Jorge ist 15 Jahre alt und bekam bereits im Alter von 4 Jahren, nachdem er mit dem Sprechen aufgehört hatte, seine Diagnose: schwerer Grad an Autismus mit Verhaltensproblemen.


Da sich seine Verhaltensprobleme in den vergangenen Monaten stark verschlimmerten und seine Familie, bestehend aus seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern, nicht mehr mit der Situation umgehen konnte, nahm ihn die FAL bereits im Dezember 2019 in ihren Notfallbetten auf.


Um mehr über Jorges Geschichte zu erfahren, habe ich mich mit seiner Mutter Rosa getroffen. Wie sie mir erzählte, war es schon immer ihr größter Traum, dass ihr Sohn einen festen Platz in der Stiftung bekommt:


„Ich bin der FAL sehr dankbar dafür, dass sie im Dezember letzten Jahres so schnell reagiert hat und uns die Lösung mit den Notfallbetten angeboten hat. Wir hatten wirklich sehr viel Geduld mit Jorge, bis zu dem Tag, an dem es einfach nicht mehr ging und wir nicht mehr weiter wussten.


Jorges Aggressionsprobleme fingen bereits im frühen Kindesalter an, doch sie wurden im Laufe der Zeit immer schlimmer. Gerade in den letzten Monaten, in denen er noch hier zuhause gewohnt hat, bekam er so gut wie jeden Tag eine Krise. Dies ging so weit, dass er seiner Schwester körperlich wehtat. Wir brauchten also dringend eine Lösung, nicht nur, damit es ihm wieder besser geht, sondern vor allem auch um mich und seine beiden Geschwister zu beschützen.


Ich denke, dass sich seine Aggressionen so sehr verschlimmerten, weil auch er mit der Situation überfordert war und mit sich selbst nicht mehr klar kam. Er pendelte Monate lang zwischen der Schule (dem CTSA – „Centre pour enfants et jeunes présentant un trouble du spectre de l’autisme“ in Leudelange), dem Tageszenter der FAL und unserem Zuhause hin und her. Dieser ganze Stress, dem er ausgesetzt war, verstärkten seine Krisen nur. Und wenn er dann abends nach Hause kam, wurde er von einer Familie betreut, die tagsüber arbeiten ging und abends nicht mehr die nötige Energie und Kraft dazu hatte, um ihm die Betreuung zu bieten, die er gebraucht hätte.


Zudem konnten wir ihm nicht die nötige Struktur, die er so dringend gebraucht hätte, bieten. Für Personen mit einer Autismus-Spektrum-Störung ist es sehr wichtig, dass sie eine feste Alltagsstruktur haben, die ihnen Halt gibt.


Und irgendwann fehlte dann auch mir die Kraft, um so weiter machen zu können. Da Jorge niemals ein selbstständiges Leben führen würde, waren wir bereits früh darauf vorbereitet, dass er einmal in eine Wohnstruktur einziehen müsste. Diese Zeit war nun gekommen, und es ist für uns als Familie, wirklich eine große Entlastung. Es wurde einfach an der Zeit, dass es uns allen wieder besser geht.

Die FAL bietet ihm die Struktur, die er braucht


Seit er nun bei der FAL lebt, haben sich seine Aggressionsprobleme stark verbessert und seine Krisen sind zurückgegangen. Ich glaube, dass es vor allem an der festen Struktur liegt, die ihm die Erzieher der Stiftung bieten können. Die Tagesstruktur ist auf seine Bedürfnisse angepasst und er bekommt eine rund um die Uhr Betreuung geboten.


Sein Verhalten hat sich wirklich von 0 auf 100 so positiv entwickelt, so dass ich als Mutter nur noch ins Staunen gerate. Man merkt ihm richtig an, dass er sich innerhalb der Stiftung sehr wohl fühlt. Auch hat er eine innerliche Ruhe, wie beispielsweise dass er sich ab und zu in Ruhe einen Film anschauen kann, entwickelt. Diese Ruhe hatte er vorher nie.

Ich werde diese Entscheidung niemals bereuen


Auch wenn ich ihn natürlich sehr stark vermisse, weiß ich, dass die Entscheidung, ihn der FAL anzuvertrauen, die Richtige für uns alle war. Natürlich hatte ich anfangs meine Zweifel, ob es wirklich die richtige Entscheidung ist, ihn in ein Wohnheim zu geben.

Doch, wenn ich nun sehe, wie gut es ihm mittlerweile geht und auch wie gut sich die Erzieher um ihn kümmern, dann bin ich mir sicher, dass es das einzig Richtige war. Er hat bei ihnen seine zweite Familie gefunden. Die Erzieher machen ihre Arbeit mit Leidenschaft und Hingabe, man merkt ihnen richtig an, dass es für sie mehr als nur ein Beruf ist. Für sie ist Jorge ein Teil ihrer Familie geworden, genauso wie die anderen Bewohner der Wohnstruktur. Sie freuen sich mit ihm wenn er glücklich ist und trauern mit ihm wenn es ihm schlecht geht.


Zudem hat sich unser Familienleben sehr zum Positiven entwickelt. Es ist uns jetzt möglich, einfach mal spontan in ein Restaurant zu gehen oder etwas zusammen zu unternehmen. Diese Spontanität hatten wir früher nie und vereinfacht unser Leben sehr.


Es hat also nicht nur Jorge, sondern wir alle haben durch die Hilfe der FAL eine viel bessere Lebensqualität erhalten.

Ich kann nun endlich die Mutter sein, die ich immer sein wollte


Da ich jetzt unter der Woche mehr Zeit für mich habe und mich auch mal ausruhen kann, kann ich nun endlich die Mutter sein, die ich immer sein wollte. Als er noch hier gewohnt hat, wollte ich immer die für ihn bestmögliche Mutter sein und habe mir deswegen nie eine Auszeit gegönnt. Und wenn man sich diese Zeit nie nimmt, gelangt man irgendwann an einen Punkt, an dem man keine Kraft mehr hat.


Nun ist es so, dass wenn er zu uns zu Besuch kommt und wir uns nach einiger Zeit wiedersehen, ich wieder die nötige Energie habe, um ihm die Aufmerksamkeit zu schenken, die er verdient hat. So können wir die gemeinsame Zeit viel besser genießen.

Jorge hat mein Leben verändert

Wenn man ein Kind mit besonderen Bedürfnissen bekommt, ändert sich alles. Jorge hat mir sehr viel beigebracht. Seit er in meinem Leben ist, weiß ich, was wirklich zählt. Der sogenannte „Schein“, wie ich auf andere Menschen wirke, ist etwas, was mir vollkommen egal geworden ist. Wenn man ein autistisches Kind hat, muss man automatisch mehr kämpfen und lernt dadurch, die Welt mit anderen Augen zu sehen.


Jorge hat dringend professionelle Hilfe gebraucht und bei der FAL hat er diese Hilfe bekommen. Nachdem wir auf dieser langen Reise so viel für Jorges Glück kämpfen mussten, ist er endlich in seinem Leben angekommen. Und das ist alles, was man sich als Mutter wünschen kann.


Jorge, das hier geht an dich: Ich liebe dich von ganzem Herzen, und ich bin so glücklich, dass es dir nun endlich besser geht!“

Vielen Dank für das emotionale Gespräch, Rosa.


Die FAL erhofft sich, mit ihrem neuen Foyer in Rambrouch weiteren Familien in Not helfen zu können und sie in Zukunft von ihrer großen Verantwortung entlasten zu können.


Jodie Schmit - FAL