Change Edition

Förderung der frühen mehrsprachigen Bildung - Crèche Margréitchen

Bis zum Alter von zwei Jahren bilden sich aus dem anfänglichen Gebrabbel des Kleinkindes nach und nach spezifische Laute, die dann Worte ergeben. Im Alter von 18 Monaten kennt ein Kind im Durchschnitt ungefähr 20 bis 50 Wörter und in den darauffolgenden Monaten erlernt es durchschnittlich 6 neue Wörter am Tag. Im zweiten Lebensjahr geht es mit dem Spracherwerb des Kindes sehr schnell voran und das Kind lernt Sätze zu bilden. Erstaunlich wie ein kleiner Mensch die Sprache erlernt. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich dass das Thema Sprache einen großen und wichtigen Platz in den Tagesstrukturen für Kleinkinder einnimmt.


Auch in der Gemeinde Bissen, in der sich unsere Crèche Margréitchen befindet, treffen sehr viele verschiedene Nationalitäten, Kulturen und Sprachen aufeinander. Tagtäglich sieht unser Personal sich somit mit dem Thema Mehrsprachigkeit konfrontiert. Deshalb stellen wir uns schon länger die Frage, wie wir diese Gegebenheit pädagogisch umrahmen sowie eine frühe mehrsprachige Bildung unterstützen können.


Unser Team beherrscht mehrere Sprachen, dennoch war uns klar, dass die Erzieher und Erzieherinnen, die sonst luxemburgisch mit den Kindern sprechen, nicht einfach die Sprache wechseln können. Dies führe lediglich zu einer Verunsicherung der Kinder gegenüber ihren Bezugspersonen und gegenüber einer neuen Sprache. Es musste also eine Methode gefunden werden, welche uns erlaubt eine neue Sprache durch spielerische Impulse in den Alltag der Crèche Margréitchen einzuführen, und welche die Kinder motiviert mitzumachen – und so stießen wir auf die Handpuppen.


Handpuppen bieten vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Sie können in der sozialen Gruppenarbeit oder im Spiel mit einem einzelnen Kind in Anspruch genommen werde; sie können Situationen auflockern oder einfach nur unterhalten. Gezielt eingesetzt stellt das Handpuppenspiel eine geeignet Methode dar, um soziale, emotionale sowie kognitive Fähigkeiten bei den Kindern aufzubauen und zu stärken, denn durch das Spiel kommt es automatisch zu einer verbalen als auch emotionalen Interaktion. Kinder, die sonst besonnener sind, oder Kinder mit Sprachschwierigkeiten werden lebhafter und nehmen aktiv an der Interaktion, dem Spiel und der Situation teil.


In unserer Institution in Bissen gab es bereits Handpuppen, wodurch der Einsatz dieser nicht spezifisch eingeführt werden musste und sich ausschließlich auf die Ankunft einer fremdsprachigen Handpuppe – also die Einführung einer neuen Sprache – konzentriert werden konnte. Wir nutzten also die bereits in den Gruppen integrierten luxemburgischen Puppen, um die neue, fremdsprachige Handpuppe einzuführen.


Eine Woche lang erhielten die Kindergruppen der Crèche Margréitchen Postkarten aus Frankreich: die Kusine der luxemburgischen Handpuppe kündigte ihren Besuch an. Jeden Morgen nach dem Singkreis wurde der Briefkasten, der jeweils vor dem Gruppenraum befestigt wurde, geleert. Die Postkarten, welche das Team vorab gebastelt hatte, zeigten die neue Handpuppe in verschiedenen Kontexten mit jeweils einer kleinen Nachricht, um die Kinder auf ihren Besuch vorzubereiteten.


Eine Woche später klopfte es an der Tür und der Briefträger überreichte jeder Gruppe einen Korb. Nachdem sich alle Kinder um diesen mysteriösen Korb versammelt hatten, zogen sie das Tuch herunter und da war sie: die Kusine aus Frankreich. Die Kinder erkannten sie sofort und riefen ihren Namen. In diesem Moment nahm die Erzieherin die Puppe und sprach zum ersten Mal mit der neuen Handpuppe auf Französisch zu den Kindern. Daraufhin nahm die andere Erzieherin die luxemburgische Handpuppe, begrüßte ihre Kusine und übersetzte das von ihr Gesagte auf luxemburgisch.


Die französische Handpuppe wurde Schritt für Schritt in den Tagesablauf der Kindertagesstätte eingeführt. Anfangs nahm sie nur am morgendlichen Begrüßungslied teil. Nachdem für jedes Kind auf luxemburgisch gesungen wurde, sangen wir auch für die Handpuppen: der luxemburgischen Handpuppe wurde auf Luxemburgisch gesungen und der französischen Handpuppe schließlich auf Französisch. Nach und nach führten wir neue französische Lieder ein. So wurde beispielsweise unser Lied, welches wir gemeinsam vor jeder Mahlzeit singen, um eine französische Strophe erweitert, welche die französische Handpuppe zusammen mit den Kindern singt. Es ist nämlich äußerst wichtig, dass immer die gleiche Handpuppe die gleiche Sprache spricht und in keiner Situation von dieser abweicht.


Später tauchten die Handpuppen allmählich im Freispiel auf, indem sie zum Beispiel von den Kindern bekocht wurden. Zu diesem Zeitpunkt sprachen die Kinder eher die luxemburgische Handpuppe an: „Soll ech dir e Kuch baken?“. Um die Sprachbarriere allmählich zu beheben, sprach die französische Handpuppe jedes Mal ein paar einfache und kurze Sätze, die dann von der luxemburgischen Puppe auf Luxemburgisch wiederholt wurden. In der angesprochenen Situation äußerte sich die französische Puppe folgendermaßen: „Moi aussi, j’ai faim“. Nachdem die luxemburgische Handpuppe auf diese Äußerung eingegangen war, reagierten auch die Kinder auf den Wunsch der französischen Puppe und integrierten sie in ihr Spiel.


Schlussendlich wurden die Handpuppen punktuell (nicht länger als 5 Minuten) in Aktivitäten eingebunden. So halfen sie eine Geschichte vorzulesen, schauten zu wenn der Kuchen im Ofen aufging oder beteiligten sich an einer Massage.


Auch wenn die französische Handpuppe anfangs fast ausschließlich durch die Ideen der Erzieher Anwendung fand, so fingen die Kinder nach und nach an, sie in alltäglichen Situationen sowie im Spiel mit zu berücksichtigen: „Muss sech de Kroko net och seng Zänn wäschen?“, „D’Julie wëll och eng Massage. Ech masséieren hatt mam Ball“. Sie antworteten ihr nicht auf Französisch, reagierten jedoch durch ein Nicken oder ein Lachen auf sie. Da die Handpuppen in wiederkehrenden Situationen eingesetzt wurden und sich die gleichen französischen Wörter und Sätze täglich wiederholten, nahmen die Kinder stückweise Wörter auf und verstanden zum Beispiel, wenn die französische Handpuppe nach Wasser oder einem Kuss fragte („eau et bisou“).


Ein Beispiel für die Interaktion der Kinder mit der französischen Handpuppe:


Eine Erzieherin spricht für Julie und die andere für Kroko. Es befinden sich 9 Kinder im Raum. Kind A ist portugiesischer und Kind B luxemburgischer Nationalität.

Kroko: „Ech hunn Honger. Ech wëll eppes iessen. Du net och, Julie?”

Julie: „Si, moi aussi j’ai faim.”

Kind A : „Da muss du eppes iessen. ”

Julie : „Est-ce que tu peux m’apporter quelque chose à manger stp ?”

Kind A zeigt auf das Stoff-Gemüse auf dem Tisch und sagt: „Hei, huel, läit um Dësch.“

Julie: „Non, je n’aime pas ces légumes-là. Est-ce que tu as une carotte pour moi ?”

Kind B hat das Gespräch mitgehört und hilft Kind A die Möhre zu finden: „Du muss am Tirang kucken.“, er öffnet die Schublade, nimmt die Möhre und gibt sie Julie.

Julie: „Merci!“


Wir hatten, haben und werden uns keine Ziele, wie etwa „das Kind sollte 20 französische Wörter sprechen können, wenn es von der Kindertagesstätte zum Précoce wechselt“, setzen. Es geht hierbei nicht darum, die französische Sprache zu unterrichten, sondern darum, sie in unserem Alltag bewusst miteinfließen zu lassen, um die Kinder mit der französischen Sprache vertraut zu machen.


Das eigentliche Ergebnis dieses Projektes übertraf jedoch unsere Erwartungen und ließ uns alle staunen. Die Kinder reagierten nicht nur auf die französische Sprache, sondern zeigen deutlich weniger Scheu vor und mehr Freude am Ausprobieren anderer Sprachen. Auch eines unserer Kinder, welches Französisch zur Muttersprache hat, ist nun aufgeschlossener, kommuniziert viel mehr mit anderen Kindern und nimmt aktiv an Spielsituationen teil.


Jeder der mit Kindern arbeitet, hat bereits beobachtet wie sie sich zu verständigen wissen, auch wenn sie keine gemeinsame Sprache sprechen. Sie wollen kommunizieren und sich mitteilen und finden Wege dies zu tun. Wir beobachten wie die Kinder Freude an den Sprachen gewinnen. Man wird gehört, auch wenn man eine andere Sprache spricht. Man wird unterstützt, wenn einem die Worte fehlen und man wird dazu ermutigt mit den Sprachen zu spielen.


Es wird viel gesprochen in der Crèche Margréitchen und das Gesagte bekommt angemessene Rückmeldungen. Sprache war immer teil unserer Arbeit, doch wo sie sonst oft unbewusst benutzt wurde, wird sie nun bewusst im Alltag gefördert.


elisabeth

Anne asbl - Crèche Margréitchen

Chargée de direction: Linda Reuter

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