Science Center

Für die Ingenieure von morgen

Hörst du was? Schüler aus Mersch erkunden den Weg der Schallwellen.
Hörst du was? Schüler aus Mersch erkunden den Weg der Schallwellen.
Foto: Anouk Antony

von Kim Meyer

Die Gesetze im Luxembourg Science Center sind anders. „Hier ist es verboten, etwas nicht anzufassen“, sagt Projektleiter Stuart Atkinson. Die Kinder sollen erkunden, testen, staunen, nachmachen, horchen, fühlen und dabei etwas lernen. Manchmal komme es vor, dass Lehrer ihre Schüler bremsen. Vermutlich spricht aus ihnen die erzieherische Angst, sie könnten etwas beschädigen. „Aber wir sind kein Museum. Hier wird getüftelt“, stellt Atkinson klar.

Im Zentrum für Natur- und Ingenieurwissenschaften in Differdingen sieht vieles noch neu aus. Kein Wunder, erst seit Ende März sind die Tore auf Reservierung für Schulklassen geöffnet. Ab Oktober wird das Science Center auch der Öffentlichkeit zugänglich sein. Der Erfolg der ersten Wochen spreche jedenfalls für sich. Laut Direktor Nicolas Didier sollen bis zum 15. Juli knapp 5 000 Besucher gezählt werden.

Im Auftrag der Wissenschaft

Das Science Center soll eine missionarische Funktion erfüllen. „Uns geht es um die Demystifikation von Schulfächern wie Mathematik, Physik oder Chemie“, erklärt Didier. In der großen Halle in Differdingen soll gezeigt werden, dass diese Fächer nicht immer trocken sein müssen. „Hier kann jeder sehen, was für Auswirkungen eine abstrakte Formel im realen Leben haben kann.“

Im Rahmen der Luxembourg Science Week war auch Bildungsminister Claude Meisch zu Gast. Er brachte die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt sofort auf den Punkt: „Wir sind händeringend auf der Suche nach Ingenieuren.“ Mit diesem Problem stehe das Großherzogtum nicht alleine da, in allen Ländern Europas sei die Situation ähnlich. Konkret bedeutet das, dass sich viele Studenten für Wirtschaftswissenschaft, Jura oder Psychologie entscheiden. „Als ich die Zahlen betrachtete, war ich erstaunt, wie wenige Luxemburger in den Technikwissenschaften eingeschrieben sind“, erzählt Meisch. Dabei sei das eine Ausbildung mit einer vielversprechenden Zukunft.

Hier lernen die Schüler, wie sich die Zugkraft mit verschiedenen Übersetzungen verändert.
Hier lernen die Schüler, wie sich die Zugkraft mit verschiedenen Übersetzungen verändert.
Foto: Anouk Antony

Mittlerweile beschäftigen sich die meisten Berufszweige mit technologischen Entwicklungen wie der „Digitalisierung“ oder „Industrie 4.0“. Zudem wird die Technik zusehends alltäglicher – allen voran für die jüngeren Generationen. Dennoch ist das wissenschaftliche Interesse daran eher gering. Woran liegt das?

„Vielleicht wurde das Handwerk in den letzten Jahren ganz einfach zu sehr vernachlässigt“, sagt Meisch. Dies gelte vor allem im Bezug auf die Generation, die gerade ins Hochschulalter kommt. Dazu stoßen wohnbaupolitische Gründe: Früher gab es in vielen Häusern einen Hobbyraum oder Platz im Keller zum Basteln, der in modernen Wohnungen fehlt. „Wir müssen den jungen Menschen wieder zeigen, dass Technik sexy ist“, so der Bildungsminister.

Freies Erkunden und Workshops

Das pädagogische Konzept im Science Center besteht aus zwei Teilen. „Zuerst dürfen die Kinder und Jugendlichen die verschiedenen Experimentierstationen selbstständig entdecken“, erklärt Didier. Nach der freien Erkundungstour geht es dann zu einem der Workshops in die Labore. Aktuell sind drei im Angebot, in naher Zukunft sollen es zehn werden.

So gibt es einen Raum mit mehreren Küchen. Hier steht aber nicht nur das Kochen im Mittelpunkt. Vielmehr sollen im Teamwork Gesetze aus Biologie, Physik, Chemie und Mathematik vermittelt werden. „Zudem haben die Kinder dann eine Kleinigkeit, die sie mit nach Hause nehmen können“, sagt Didier. Der Merscher Lehrer Claude Schiltz, der mit seiner Klasse das Science Center besucht, ist begeistert: „Es ist doch schön zu sehen, wie sich die Schüler selbstständig mit wissenschaftlichen Phänomenen auseinandersetzen.“

Ob dieser Turmbau den Gesetzen der Schwerkraft folgt?
Ob dieser Turmbau den Gesetzen der Schwerkraft folgt?
Foto: Anouk Antony

Wer jetzt befürchtet, die Geisteswissenschaften sterben aus, kann beruhigt werden. Technik verändert die Welt. „Und gerade deswegen brauchen wir neben den Ingenieuren auch Menschen, die auf einer Metaebene über diese Entwicklung nachdenken“, so Meisch.