Projekt „R.I.P.“

Friedhöfe mit eigenem Fingerabdruck

Immer häufiger sieht man neben den traditionellen Blumen und Kerzen auch individuelle Mitbringsel der Grabbesucher in Form von Figuren und Grabplättchen mit eingravierten Fotos.
Immer häufiger sieht man neben den traditionellen Blumen und Kerzen auch individuelle Mitbringsel der Grabbesucher in Form von Figuren und Grabplättchen mit eingravierten Fotos.
Foto: Inna Ganschow

von Inna Ganschow

Ein Friedhof ist wie ein offenes Buch und verrät mehr über die Gesellschaft, als ihr manchmal lieb ist. Zum Beispiel, dass Trauerbewältigung und Grabmalpflege auch etwas mit Mode, Trends und sozialer Kontrolle zu tun haben.

2015 haben die Forscher Christoph Streb und Thomas Kolnberger sich vorgenommen, Gräber in Luxemburg, Belgien, Frankreich und Deutschland zu fotografieren, auszumessen und sie unter anderem nach Form, Größe und Material zu klassifizieren. Aus dem Fenster ihres Büros an der Universität Luxemburg in Walferdingen blickten sie direkt auf ihr Untersuchungsobjekt: einen Friedhof

Im Lauf ihrer Arbeit haben die Wissenschaftler eine Software entwickelt, mit deren Hilfe sie die erhobenen Daten erfassen und eine „Grabbiografie“ erstellen. Im Rahmen ihres vom Fonds national de la recherche (FNR) finanzierten Projekts „R.I.P“ versuchen sie herauszufinden, wie sich die Grabgestaltung in den letzten 200 Jahren verändert hat. Ihr erstes Fazit: Gräberkultur unterliegt Moden und Trends.

Fotoapparat, Messband und App im Telefon sind die wichtigsten Werkzeuge, mit denen Christoph Streb auf dem Friedhof arbeitet. Jedes Grab wird mit Namen, Daten und Charakteristika in die Datenbank eingetragen, einem bestimmten Typus zugeordnet und für weitere Auswertungen abgespeichert.
Fotoapparat, Messband und App im Telefon sind die wichtigsten Werkzeuge, mit denen Christoph Streb auf dem Friedhof arbeitet. Jedes Grab wird mit Namen, Daten und Charakteristika in die Datenbank eingetragen, einem bestimmten Typus zugeordnet und für weitere Auswertungen abgespeichert.
Foto: Inna Ganschow

Ästhetik versus Pragmatik

Die Optik eines Grabes bestimmt meist derjenige, der das Grabmal bezahlt. Nur in seltenen Fällen hat ein Verstorbener zu Lebzeiten einen Wunsch dazu geäußert. Der Kunde eines Grabsteinfabrikanten wählt also eher ein Modell, das ihm persönlich gefällt. Das Angebot und der Geschmack des Steinmetzen determinieren dann die Umsetzung.

Was schlussendlich zugelassen wird, entscheidet in der Regel das auch für Straßen, Parkanlagen und Spielplätze zuständige Bauamt. Dabei wird auf die Bestimmungen geachtet, die eine Integration des Friedhofs in das Stadtleben ermöglichen und die Kosten der Friedhofspflege niedrig halten. Auch für die Trauernden spielt der praktische Aspekt eine große Rolle, denn die Grabpflege wird oft von älteren Menschen übernommen und darf nicht zu aufwendig sein.

„Das individuelle Grab ist heutzutage selten“, sagt der Forscher Christoph Streb. „Die meisten Grabsteine sind eine industriell vorgefertigte und standardisierte Ware. Ein sehr verbreiteter Typus auf dem Walferdinger Friedhof ist beispielsweise eine Dreier-Platte, die man leicht aufmachen kann, da diese Gräber für bis zu sechs Personen vorgesehen sind. Zum anderen bietet die steinerne Plattenfläche Raum für die neuerdings populär gewordenen Grabplaketten, Blumentöpfe und andere Deko-Objekte.“ Solch ein Grab ist leicht zu pflegen und ermöglicht gestalterische Abwechslung.

Historische und regionale Trend

Auf einer Grafik zeigt Streb, wie sich die Grabmaltypen über die Jahre auf dem Friedhof verbreitet haben, woraus er schließt, dass die Friedhofkultur einer sozialen Kontrolle unterliegt. Man tendiere dazu, Grabsteine zu bestellen, die den vorhandenen ähneln und den bereits eingeschlagenen Trends folgen, denn das würde die Gesellschaft erwarten. Mode für Grabsteine? „Ja“, ist Streb überzeugt. Aber sie spielt sich meist innerhalb der Grenzen jedes einzelnen Friedhofs ab.

Bei jedem der 15 von Streb untersuchten Friedhöfe der Großregion lässt sich ein besonderer „Fingerabdruck“ identifizieren. Das, was auf einem Friedhof „en vogue“ ist, ist es bei Ruhestätten in nur kurzer Entfernung vielleicht nicht mehr. Aber es gibt dennoch große Gemeinsamkeiten, die sich einer historischen und architektonischen Epoche zuordnen lassen.

Granit und Marmor sind beliebte Steinsorten zur Herstellung von Grabplatten.
Granit und Marmor sind beliebte Steinsorten zur Herstellung von Grabplatten.
Foto: Inna Ganschow

So waren vor einem Jahrhundert die Hochkreuzen gängig. In der Mitte des 20. Jahrhunderts kamen die Steinbruchplatten mit niedrigem Grabmal in Mode. Heutzutage tendiert man zu minimalistischen Stelen. Immer beliebter werden die Grabplaketten zum Aufstellen, die man individuell mit einer Inschrift, dem Foto des Verstorbenen oder einer Lasergravur seines Lieblingsautos versehen kann – dies vor allem in Frankreich.

Auf luxemburgischen Friedhöfen bevorzugt man die Dreiheit in der Gestaltung. Zudem macht sich unter anderem ein starker Einfluss der südeuropäischen Einwandererkulturen mit einem Hang zu mehr Dekor bemerkbar. Auf deutschen Friedhöfen hingegen stehen oft zweiteilige Familiengrüfte. Außerdem hat sich die allgemeine Tendenz in den letzten Jahrzehnten von der Erdbestattung in Richtung Einäscherung gewendet, was allerdings noch untersucht wird.

Interviewpartner gesucht

Für sein Dissertationsprojekt sucht Christoph Streb noch Grabbesitzer, die bereit sind, dem Wissenschaftler zu verraten, wie das Grab ihrer Angehörigen gestaltet wurde. Mögliche Interviewfragen: Warum hat man sich für ein bestimmtes Design, Material, Farbe oder Symbole entschieden? Steckt eine bestimmte Geschichte hinter dem Grabstein? Warum sieht er so aus? Wie war die Zusammenarbeit mit dem Steinmetzen?

  • Kontakt: christoph.streb@uni.lu, Tel. +49 157 3935 1505