Fake News

"Kritisches Denken unentbehrlich"

Analyse von digitalen Informationen wird in PISA-Studien aufgenommen

Hinter vielen Falschinformationen im Internet steht eine politische Motivation.
Hinter vielen Falschinformationen im Internet steht eine politische Motivation.
Foto: Shutterstock

„Fake News zu erkennen, oder einfach nur zu wissen, dass es Dinge wie Fake News gibt, ist ein wichtiger Teil des für einen Schüler unentbehrlichen kritischen Denkens“, sagte vor wenigen Tagen der Direktor des Direktorats für Bildung der OECD, Andreas Schleicher.  

Der deutsche Statistiker, der auch Berater des Generalsekretärs Angel Gurria ist, kündigte außerdem an, dass ab 2018 die Fähigkeiten zur kritischen Analyse von digitalen Informationen und Social Media in die PISA-Studien aufgenommen werden, Schulleistungsuntersuchungen, in denen Jugendliche der höheren Schule in allen Mitgliedsländern getestet werden.

Eckpfeiler europäischer Werte  

Man kann nur hoffen, dass die von Schleicher vertretene Linie viele andere Institutionen dazu bewegen wird, in diesen Bereich zu investieren, denn der Zugang zu Informationen ist ein entscheidendes Element jeder demokratischen Gesellschaft und einer der Eckpfeiler der europäischen Werte. 

Die von den Algorithmen gewonnene Bedeutung bei der Verteilung der verschiedenen Informationen an jeden Webnutzer birgt in der Tat das Risiko, die modernen Demokratien zu unterminieren.

Können Sie zum Beispiel ein politisches Programm, das den Wählern in 50.000 verschiedenen Versionen vorgestellt wird, noch ein politisches Programm definieren? Das ist das, was bei den letzten US-Wahlen geschehen ist, dank der Möglichkeit, Benutzer-Profile auf Basis ihrer Daten zu erstellen und fast maßgeschneiderte Inhalte zu versenden.

Grundsätzliche Ironie  

Es ist eine so umstrittene wie effektive Praxis, aber mit großer grundsätzlicher Ironie. Denn eben das digitale Netz, das als offener Raum gegründet worden war und dank der nicht nur institutionellen, sondern auch wirtschaftlichen und technologischen Dezentralisierung die größtmögliche Neutralität beim Zugang zu den Informationen auf Kosten der Kontrolle gewährleisten sollte, ist das bevorzugte Mittel geworden, um den Wählern nur einen Teil der Wirklichkeit zu zeigen. 

Eine nicht unbedingt falsche, aber äußerst parteiische Version, sodass von „Echo-Kammern“ gesprochen wird, echte Informationsblasen, die möglich sind dank der Algorithmen, die den Fluss von dem, was wir sehen, regulieren. Es ist eine Erfahrung, die jeder von uns täglich macht, aber lebhaft von Tom Steinberg, dem digitalen Aktivist und Gründer der britischen NGO mySociety, nach dem Brexit erzählt wird. 

„Ich bin auf Facebook aktiv auf der Suche nach Menschen, die den Sieg des Leave-Lagers feiern, aber die „Filterblase“ ist so stark und so allgegenwärtig, auch in den nutzerorientierten Facebook-Suchfunktionen, dass ich niemanden finde, der glücklich ist, obwohl für die Hälfte meines Landes heute eindeutig ein Tag zum Feiern ist. 

Nichts zu tun, um dieses Problem zu beheben, bedeutet, die Zerstörung des sozialen Gefüges unserer Gemeinschaft aktiv zu unterstützen und zu finanzieren. Es kommt bald soweit, dass die eine Hälfte des Landes ganz einfach nichts von der anderen Hälfte weiß.“

Ein ernstes Problem für das Netz  

Die Epidemie der Fake News, die auch von Advertising- Modellen unterstützt werden, die den Online-Traffic lukrativ machen, ist ein ernstes Problem für das Netz und große Technologie-Unternehmen wie Google und Facebook, die den Fluss der Inhalte verwalten, untersuchen, was dagegen getan werden kann. 

Aber wer glaubt, dass das Netz unwiederbringlich zu einer Fabrik von falschen Informationen geworden ist, ist auf dem Holzweg. Seine wahre Natur ist eher die eines zweischneidigen Schwerts, das die Digitalisierung der Inhalte und die Ausweitung des Rechts auf Wissen katalysiert hat, indem es Unternehmen miteinbezogen hat, die entschieden For-Profit-Unternehmen sind. 

Der Wissenschaftsverlag Elsevier, der einen Jahresumsatz von mehr als drei Milliarden Euro aufweisen kann, hat durch den Dienst ScienceDirect 3 800 wissenschaftliche Zeitschriften (von denen 1 800 auch für jedermann ohne Abonnement zugängliche Open Access-Artikel veröffentlichen) und mehr als 35 000 Bücher mit insgesamt über 14 Millionen von der wissenschaftlichen Gemeinschaft validierten Publikationen zur Verfügung gestellt.

Neue Räume und Möglichkeiten für die Demokratie   

Auch im Bereich der Zivilgesellschaft hat das Netz neue Räume und Möglichkeiten für die Demokratie geschaffen. Beispiele hierfür sind der arabische Frühling, der erst durch die Verbreitung der Smartphones möglich wurde, aber auch früher, die sofortige Mobilisierung in Madrid im Jahr 2004, die zum Sturz der Regierung Aznar nach dessen falschen Anschuldigungen gegen die baskischen Separatisten für die von islamistischen Terroristen verübten Bombenanschläge am Bahnhof Atocha führte. 

Schließlich hat Estland im Bereich des E-Government gezeigt, allen anderen voraus zu sein, indem es eine neue Form der E-Residenz geschaffen hat, ein digitales Zuhause, das entwickelt worden ist, um Talente und Unternehmen zu gewinnen, und ohne eine massive Netznutzung undenkbar wäre.  

Die Beziehung zwischen Demokratie, Information und digitalem Netz ist daher unauflöslich und heute ist die Herausforderung nicht etwa, anachronistische Gerichte der Wahrheit zu entwerfen, sondern Strategien zu entwickeln, die die positiven Auswirkungen des Netzes auf unsere Gemeinschaft unterstützen und erweitern. 

Es handelt sich um eine kollektive Anstrengung, an der nicht nur die nationalen Regierungen beteiligt sind, sondern auch die Europäische Kommission. Deshalb möchten wir wissen, was Sie darüber denken. Der beste Weg, um Ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, ist auch unsere Konsultation zu beantworten.