Bioinnovation-Award des LIST

Avocadokerne gegen Krebs

LIST-Preisträger Paul Spagnuolo.
LIST-Preisträger Paul Spagnuolo.
Foto: Christophe Olinger

Interview: Julia Maria Zimmermann

Herr Spagnuolo, Sie haben eine Fettsäure im Kern der Avocado entdeckt, die die Zellen einer sehr aggressiven Form der Leukämie zerstört. Wie sind Sie darauf gekommen, ausgerechnet in einer Avocado zu suchen?

Am Anfang haben wir gar nicht gezielt nach Avocados als Heilungsmöglichkeit von Leukämie gesucht. Wir waren mehr daran interessiert, die sehr große Gruppe der sogenannten „Nutraceuticals“, gesundheitsfördernder Nahrungsbestandteile, als mögliche Quelle künftiger Krebsmedikamente anzusehen. Wir wollten sehr systematisch und unvoreingenommen vorgehen. Mithilfe eines robotergestützten Auswahlverfahrens haben wir simultan etwa 800 Nahrungsbestandteile ausgewertet, und haben eine sehr simple Frage gestellt: Welches von diesen 800 Molekülen zerstört die Krebszellen am besten? Und durch dieses Auswahlverfahren wurden wir auf Avocatin B aufmerksam. Wir wollten also nicht einfach wissen, welches der beste Bestandteil in der Avocado ist, sondern welcher Bestandteil in unserem ganzen Datenpool am besten gegen den Krebs wirkt. Das macht unsere Forschung sehr viel überzeugender.

Sie haben „Nutraceuticals“ analysiert – was genau ist das?

Der Begriff „Nutraceutical“ setzt sich zusammen aus „nutrition“ (Nahrung) und „pharmaceutical“ (Arzneimittel). Bei „Nutraceuticals“ wird der gesundheitsfördernde Bestandteil eines Lebensmittels extrahiert, konzentriert und als Arzneimittel vertrieben. Es handelt sich also im Grunde um ein Nahrungsergänzungsmittel.

Nun ist der medizinische Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln ja umstritten. Ist es wissenschaftlich erwiesen, dass „Nutraceuticals“ überhaupt einen Effekt haben?

Genau das ist die größte Herausforderung in meinem Forschungsfeld. Medizinwissenschaftler bezweifeln in der Regel die Relevanz von Nahrungsmittelbestandteilen im Kampf gegen konkrete Krankheiten. In diesem Bereich gibt es auch nur wenig gute Forschung, dafür aber viel nicht so gute Forschung. Hinzu kommt, dass viele Firmen sehr interessiert an „Nutraceuticals“ sind und sie mit großem Erfolg vermarkten, aber nicht sicherstellen, ob die Wirkung auch wissenschaftlich erwiesen werden kann. Da greifen wir ein und versuchen, diesen Beweis zu erbringen. Ich versuche, „Nutraceuticals“ medizinwissenschaftlich aufzuwerten.

Wie genau wenden Sie Pharmaforschung auf Nahrungsmittel an?

Wenn ich Ihnen sage, dass mehr als 70 Prozent der Chemotherapien aus pflanzlichen Bestandteilen hergestellt werden, würden Sie mir glauben? Nun, es stimmt. Die Mehrzahl der derzeit in der Chemotherapie verwendeten Arzneimittel wurde aus Pflanzen gewonnen. Von Pflanzenbestandteilen als Arznei zu Lebensmittelbestandteilen als Arznei ist es also nur ein ganz kleiner Schritt.

Was ist so besonders an dem Lipid, das Sie entdeckt haben?

Die Struktur des Avocatin B im Avokadokern ist einzigartig, denn sie greift in den Fettstoffwechsel der Leukämiezelle ein. Der Stoffwechsel der Leukämiezellen unterscheidet sich von dem anderer Zellen. Einer dieser Unterschiede besteht darin, dass sie Fett benötigen, um zu überleben. Avocatin B ähnelt den Lipiden, von denen sich die Leukämiezellen ernähren, sehr. Vor allem in der Weise, wie es von den Zellen aufgenommen wird. Die Leukämiezellen halten das Molekül somit für Nahrung. Und da kommt der kleine Unterschied ins Spiel: Avocatin B kapert die Leukämiezellen und stört ihren Stoffwechsel. Gesunde Zellen können mit dieser Störung umgehen, Leukämiezellen nicht. Sie sterben ab.

Wie genau geht diese Zerstörung vonstatten?

Avocatin B besteht aus einer langen Kohlenstoffkette. Es ähnelt damit anderen Fettsäuren, unterscheidet sich aber in einigen zentralen Punkten, und das macht es gefährlich. Zum Beispiel haben die allermeisten Fettsäuren, die wir zu uns nehmen, eine gerade Anzahl von Kohlenstoffatomen. Avocatin B hat eine ungerade Anzahl. Und das macht es interessant: Die Natur liebt gerade Zahlen. Mit ungeraden Zahlen weiß sie oft nichts anzufangen. Eine bereits angeschlagene Leukämiezelle muss dann kapitulieren. Aber auch andere Eigenschaften von Avocatin B erschweren den Stoffwechsel und tragen zur zerstörerischen Wirkung auf die Leukämiezellen bei.

Warum haben Sie gerade nach einem Heilmittel gegen Leukämie gesucht?

Aus zwei Gründen. Zum einen ist die Art der Leukämie, gegen die Avocatin B eingesetzt werden kann, AML, eine unglaublich tödliche Krankheit. Bei älteren erkrankten Menschen überleben höchstens zehn Prozent die nächsten fünf Jahre. Bei Kleinkindern – wo AML die häufigste Form der Leukämie ist – überleben nur 60 Prozent die nächsten fünf Jahre. Darüber hinaus wurden in den letzten 30 bis 40 Jahren nur wenige Fortschritte in der Behandlung erzielt. Da musste also etwas getan werden.

Und was sind die nächsten Schritte?

Wir haben in den letzten Jahren viel Forschung betrieben. Jetzt wird es Zeit, daraus ein Produkt zu machen und es konkret an Menschen zu testen. Daneben forschen wir weiter an der Wirkungsweise von Avocatin B, zum Beispiel, ob es auch gegen andere Krankheiten eingesetzt werden kann, bei denen der Fettstoffwechsel eine Rolle spielt. Nicht unbedingt andere Krebserkrankungen, aber zum Beispiel als Medikament gegen Frühformen von Diabetes oder als Prävention gegen andere Krankheiten.