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Tour de France: Bardet verzückt ganz Frankreich
Romain Bardet könnte der nächste französische Tour-de-France-Sieger werden.

Tour de France: Bardet verzückt ganz Frankreich

Foto: Reuters
Romain Bardet könnte der nächste französische Tour-de-France-Sieger werden.
Sport 3 Min. 14.07.2017

Tour de France: Bardet verzückt ganz Frankreich

Daniel WAMPACH
Daniel WAMPACH
Seit Bernard Hinault 1985 hat kein Franzose mehr die Tour de France gewonnen. Diesmal ist der Coup möglich. Romain Bardet lässt Frankreich träumen. Nur noch 25 Sekunden trennen den 26-Jährigen vom Gelben Trikot.

(dpa) - Über viele Jahre war Bernard Hinault in die Siegerehrungen der Tour de France eingebunden. Der fünfmalige Triumphator schüttelte auf dem Podium viele Hände, gratulierte Generationen von Siegern. Nur sein legitimer französischer Nachfolger war nicht darunter. Inzwischen hat sich Hinault zurückgezogen. Vielleicht hätte die Radsportikone noch ein wenig warten sollen. Denn seit dem Triumph von Romain Bardet (F/Ag2r) auf der ersten Pyrenäen-Etappe darf die „Grande Nation“ tatsächlich auf den ersten Gesamtsieg seit 1985 hoffen.

„Allez Bardet“, titelte das Tour-Organ „L'Equipe“ am Nationalfeiertag und schrieb: „Das Gelbe Trikot ist nicht mehr nur ein Traum.“ Acht Seiten war dem Blatt das Spektakel in Peyragudes am Donnerstag wert, als Bardet in 1 580 m Höhe zum Sieg stürmte und Titelverteidiger Christopher Froome (GB/Sky) eine empfindliche Niederlage zufügte. Plötzlich ist alles offen. Der Italiener Fabio Aru (I/Astana) übernahm das Gelbe Trikot, doch Froome und Bardet sind nach der zwölften Etappe mit winzigen sechs und 25 Sekunden Rückstand in Schlagdistanz.

Intelligent und bodenständig

Frankreich ist verzückt von Bardet, dem jungen Mann aus Brioude in der Auvergne. Mit seiner freundlichen und netten Art schafft der 26-Jährige Eindruck. Starallüren gibt es bei dem Leichtgewicht nicht. Der blasse Bardet kommt aus gutem Hause, sein Vater war Lehrer, seine Mutter Krankenschwester. Neben seiner Karriere hat Bardet Betriebswirtschaft studiert, er liest Bücher und interessiert sich für das Weltgeschehen.

Romain Bardet (3.v.r.) ist einer der besten Abfahrer der Welt.
Romain Bardet (3.v.r.) ist einer der besten Abfahrer der Welt.
Foto: Reuters

Aber in erster Linie ist er ein erstklassiger Radprofi. Schon mit dem zweiten Platz im vergangenen Jahr - damals aber noch deutlich hinter Froome - hatte er die Erwartungen geweckt. Längst lastet auf Bardet der Druck und die Sehnsucht eines ganzen Landes. 32 Jahre sind eine lange Zeit, für die begeisterte Radsportnation viel zu lang. Als Hinault 1985 gewann, war Bardet nicht einmal geboren. „Wenn mich jemand auf der Straße erkennt, spricht er über nichts anderes als die Tour und das Gelbe Trikot. Dieser Wunsch kommt mehr von den Leuten, nicht von mir“, sagt Bardet.

Der nächste französische Toursieger sollte noch auf den Champs Élysées seine Karriere beenden. Es wäre schwer, mit der ganzen Aufmerksamkeit und dem Druck zu leben.

Vom Toursieg hat der Kapitän vom Ag2r-Team um Ben Gastauer nie zu träumen gewagt. „Doch es ist möglich“, sagt Bardet nun, der sich stetig verbessert hat. Schon bei seinem Tour-Debüt 2012 wurde er auf Anhieb 15., es folgten die Plätze sechs, neun und zwei. Dazu gewann er drei Etappen.

Funktionierendes Nachwuchszentrum

Hinter dem Erfolg steckt ein Plan. In der "Chambéry Cyclisme Formation" (CCF) wurde er wie drei weitere Fahrer aus dem Tourkader ausgebildet, darunter Gastauer. Die Möglichkeit besteht, dass in den kommenden Jahren auch der Luxemburger Kevin Geniets den Sprung aus dem Nachwuchszentrum in die Profimannschaft schafft.

Gute Freunde seit ihrer gemeinsamen Zeit im Nachwuchszentrum: der Luxemburger Ben Gastauer (l.) und Romain Bardet.
Gute Freunde seit ihrer gemeinsamen Zeit im Nachwuchszentrum: der Luxemburger Ben Gastauer (l.) und Romain Bardet.
Foto: Serge Waldbillig

Das Projekt entstand Anfang des Jahrtausends, als der französische Radsport im Zuge des Festina-Skandals in Trümmern lag. „Wir sind durch schlimme Jahre gegangen“, erinnert sich Bardets Teamchef Vincent Lavenu und fügt hinzu: „Wir haben jetzt eine Reihe guter Fahrer, die unbelastet von der Vergangenheit ist.“

Einer der besten Abfahrer

Und der Beste von ihnen ist Bardet, der seine Grenzen ausreizen will. Mit seinem Trainer Jean-Baptiste Quiclet hat er im Winter an seiner Explosivität gearbeitet, dazu gehört er inzwischen zu den besten Abfahrern der Welt. Die gefährliche Abfahrt vom Mont du Chat, wo Richie Porte (AUS/BMC) so schlimm stürzte, legte er mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 61,2 Stundenkilometern zurück und fuhr dabei sogar Froome davon. Bardet interessiert sich für Material, Ernährung und Trainingswissenschaft, um sein Optimum zu erreichen. Seine einzige Schwäche ist das Zeitfahren.

Da am vorletzten Tag in Marseille noch 22,5 km im Kampf gegen die Uhr warten, muss er weiter attackieren. Damit der Traum Frankreichs gelingt. Und wenn er tatsächlich die Tour gewinnt? „Der nächste französische Toursieger sollte noch auf den Champs Élysées seine Karriere beenden. Es wäre schwer, mit der ganzen Aufmerksamkeit und dem Druck zu leben“, sagt Bardet. Womöglich wird er bald die Erfahrung machen.