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Sportgeschichte: Luxemburgs (vergessene) Fußballvereine
Seltene Aufnahme des Daring Club Eich aus dem Jahr 1908: Der Vereins existierte nur vier Jahre während der euphorischen Anfangszeit der Fußballkultur in Luxemburg.

Sportgeschichte: Luxemburgs (vergessene) Fußballvereine

Foto: Henri Bressler
Seltene Aufnahme des Daring Club Eich aus dem Jahr 1908: Der Vereins existierte nur vier Jahre während der euphorischen Anfangszeit der Fußballkultur in Luxemburg.
Sport 8 3 Min. 14.06.2017

Sportgeschichte: Luxemburgs (vergessene) Fußballvereine

Kennen Sie den SC Dommeldingen? Oder den Daring Club Eich? Wenn nicht, keine Sorge. So wird es wohl den meisten Lesern gehen. Das waren Fußballvereine aus Luxemburg-Stadt. Eine kurze Kulturgeschichte.

Von Kim Meyer

Die Geschichte des Fußballs in Luxemburg fängt bei einer Person an. Es war der Englischprofessor Jean – genannt: John – Roeder, der das Spiel um das runde Leder sozusagen nach Luxemburg importierte. Roeder wurde am 18. Juni 1873 in Roodt geboren und verließ das Großherzogtum 1890 Richtung England. Ganze elf Jahre studierte er auf den Britischen Inseln.

Hier, im Mutterland des Fußballs, ließ er sich von der „football“-Begeisterung anstecken. England war dem Rest des Kontinents in dieser Hinsicht weit voraus. Bereits 1848 verfassten Studenten der Universität aus Cambridge die ersten Regeln für den Fußball. 1863 wurde der englische Fußballverband, die FA, gegründet. Auch in den anderen Ländern Europas waren es meistens englische Studenten oder eben Heimkehrende, die einige Zeit in Großbritannien lebten, die Fußballvereine gründeten. So auch in Luxemburg.

Startpunkt: Fola

1901 kehrte Roeder zurück in sein Geburtsland und wurde Lehrer an der Industrie- und Handelschule in Esch. Es gelang ihm sehr schnell, seine Schüler für diese neue Sportart zu begeistern. Dabei wurden sie anfangs von vielen kritisch begutachtet. Die Kirche befürchtete eine Störung ihrer heiligen Sonntagsruhe, und viele Erzieher empfanden das neue Spiel als zu brutal und gefährlich. Zu jener Zeit waren in Luxemburg die beliebtesten Sportarten Turnen und Radfahren. Jedenfalls haben Roeder und seine Schüler nicht locker gelassen und am 9. Dezember 1906 die Escher Fola („Football and Lawn-Tennis Club“) gegründet – der erste offizielle Fußallverein in Luxemburg (Foto 5).

Nun kam es im ganzen Land zu einer regelrechten Fußball-Euphorie. Die Fola löste eine Kettenreaktion aus. Arbeiter, Beamte und Studenten trafen sich in ihren Stammkneipen, um Fußballmannschaften zu gründen. Zwischen 1907 und 1920 wurden etliche Vereine ins Leben gerufen – vor allem in den Industrieortschaften im Süden des Landes und in Luxemburg-Stadt. Viele überlebten nur kurz. Historisch gibt es wenige Dokumente und Indizien, die von ihrer Existenz zeugen.

Ein Mann, sein Archiv und die Leidenschaft für den Sport

Wer etwas über diese Mannschaften wissen – oder sehen – möchte, ist bei Henri Bressler an der richtigen Adresse. „Bereits als Jugendlicher habe ich alles aufbewahrt, was mit dem Radsport in Verbindung steht“, erzählt er. Sein Großvater hatte mitgeholfen, den Luxemburger Radsportverband zu gründen. Als der heute 76-Jährige in den 1980er-Jahren ins Sportministerium wechselte, konnte er seine private Leidenschaft mit dem Beruf verbinden. „1985 wurde ich mit dem Aufbau eines Sportarchivs beauftragt.“ Damit weitete sich auch seine Sammlung auf den Fußball aus. Aus heutiger Sicht: ein Glücksfall.

Bressler hat sogar ein Mannschaftsfoto des SC Dommeldingen. Eine Seltenheit. Denn der Verein wurde 1909 gegründet und ein Jahr später, 1910, wieder aufgelöst. So verwundert es kaum, dass heute niemand mehr diesen Namen kennt. Etliche Vereine dieser Zeit hatten eine derart kurze Lebensdauer. Allein für Luxemburg-Stadt lässt sich eine beachtliche Liste zusammenstellen: Daring Club Eich (1909 - 1913), Etoile Rouge Luxemburg (1910 - 1911), US Merl (1920 - 1923), US Papierberg (1917 - 1919) oder Jeunesse Weimerskirch (1916 - 1920), um nur ein paar zu nennen.

Aber wieso diese kurze Lebensdauer? Das Fußballfieber führte zwar zu einem ungehemmten Tatendrang. Doch viele Vereinsgründer überschätzten ganz einfach ihre finanziellen Mittel oder waren organisatorisch überfordert. „Das Hauptproblem dieser Zeit war, langfristig einen geeigneten Fußballplatz zu finden“, erklärt Bressler. Viele Grundbesitzer, die den jungen Vereinen ein Feld zur Verfügung stellten, forderten es kurzfristig oder einige Jahre später für private Zwecke zurück.

Die Fusionen hin zum RFCU Lëtzebuerg

Der Ausweichplatz des Racing im "Vëlodrom" in Belair, hier eine Aufnahme eines Spiels gegen die Royal Union Saint-Gilloise aus dem Jahr 1922.
Der Ausweichplatz des Racing im "Vëlodrom" in Belair, hier eine Aufnahme eines Spiels gegen die Royal Union Saint-Gilloise aus dem Jahr 1922.
Foto: Henri Bressler

Der älteste Verein der Hauptstadt, der Racing Club Luxemburg, der vor 110 Jahren am 3. Juni 1907 gegründet wurde, hatte wenigstens dieses Problem nicht. Neben dem Hauptfeld auf dem Glacis – berüchtigt wegen der rüpelhaften Zuschauer und der Unbespielbarkeit des Platzes –, konnten die Racing-Spieler auf den „Vëlodrom“ in Belair ausweichen.

Spielszene aus dem Pokalfinale zwischen Racing und Jeunesse von 1922.
Spielszene aus dem Pokalfinale zwischen Racing und Jeunesse von 1922.
Foto: Henri Bressler

Dass der Verein noch heute existiert, verdankt er auch mehreren Fusionen. Bereits 1923 entstand der CA Spora Luxemburg aus Racing und Sporting. Der US Hollerich/Bonneweg fusionierte 1925 mit der Jeunesse Sportive Verlorenkost zur Union Luxemburg. Fehlt noch FC Alliance 01 Luxemburg. Dieser Verein entstand 2001 aus der Zusammenführung von Aris Bonneweg und CS Hollerich. Alle diese Mannschaften leben heute im RFCU Lëtzebuerg weiter.

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