Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Olympia-Debatte: Herz gegen Kopf
Sport 4 Min. 23.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Olympia-Debatte: Herz gegen Kopf

Nachdenklich: Für Bob Bertemes ist der Sport momentan "absolut zweitrangig".

Olympia-Debatte: Herz gegen Kopf

Nachdenklich: Für Bob Bertemes ist der Sport momentan "absolut zweitrangig".
Foto: kuva
Sport 4 Min. 23.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Olympia-Debatte: Herz gegen Kopf

Jan MORAWSKI
Jan MORAWSKI
Das Internationale Olympische Komitee setzt sich eine Entscheidungsfrist für die Sommerspiele. Die bereits für Tokio qualifizierten Luxemburger sind nicht alle einverstanden.

Eine der letzten großen Bastionen wackelt, aber sie steht noch. Während die Fußball-EM, der Giro d'Italia und etliche andere Sportevents wegen der Corona-Pandemie verschoben wurden, stehen die Olympischen Sommerspiele in Tokio (24. Juli bis 9. August) weiterhin auf dem Programm. Doch die Diskussion um die größte aller Sportveranstaltungen wurde zuletzt immer heißer – und könnte schon bald ein Ende haben.


(FILES) In this file photo taken on January 11, 2020 International Olympic Committee (IOC) President Thomas Bach attends a press conference closing an Olympic session in Lausanne. - Bach said on March 20, 2020 the organisation was "considering different scenarios" for the Tokyo Games, but was optimistic about holding the event as scheduled despite the coronavirus pandemic. (Photo by FABRICE COFFRINI / AFP)
IOC setzt sich Olympia-Frist
Wochenlang wehrt sich das Internationale Olympische Komitee gegen eine Verlegung oder Olympia-Absage wegen Corona. Jetzt sind die Verantwortlichen zum Handeln gezwungen.

Gestern Abend reagierte das Internationale Olympische Komitees (IOC) auf den Druck von Sportlern und Experten – und setzte sich eine Olympia-Frist. Innerhalb der nächsten vier Wochen soll eine Entscheidung fallen, teilte das IOC nach einer Sitzung des Exekutivkomitees in einem offenen Brief an die Athleten mit. Zuvor hatte sich Präsident Thomas Bach gegen eine Verlegung gewehrt.

Denkbar sei eine Verschiebung auf den Herbst, auf Sommer 2021 oder gar auf 2022. Eine Absage schloss das IOC aus. Diese würde „keines der Probleme lösen oder irgendjemandem helfen“, erklärte das IOC und verwies auf „deutliche Verbesserungen in Japan“. Zugleich müsse man allerdings den „dramatischen Anstieg der Fälle und neuen Ausbrüche von COVID-19“ auf verschiedenen Kontinenten berücksichtigen. Zuvor hatten sich Athleten und Verbände auf der ganzen Welt für einen neuen Termin ausgesprochen.

Raphaël Stacchiotti hofft, dass er in Tokio planmäßig ins Wasser springen kann.
Raphaël Stacchiotti hofft, dass er in Tokio planmäßig ins Wasser springen kann.
Foto: Christian Kemp

Auch in Luxemburg war die Debatte längst zum Thema geworden. Mit Schwimmer Raphaël Stacchiotti, Kugelstoßer Bob Bertemes, Tischtennisspielerin Ni Xia Lian und Dressurreiter Nicolas Wagner sind bereits vier Athleten aus dem Großherzogtum für Tokio 2020 qualifiziert. Ob die Spiele allerdings sofort abgesagt werden sollten oder das Abwarten des IOC nachvollziehbar ist, darin sind sich die Sportler nicht einig.

Vor allem für Stacchiotti, der zum vierten Mal bei Olympia dabei wäre, steht viel auf dem Spiel. „Wir müssen noch einige Wochen abwarten, wie sich die Lage entwickelt“, sagt der 28-Jährige. „Es gibt derzeit andere Prioritäten als den Sport. Wir müssen die Pandemie ernst nehmen, deshalb muss sich jetzt jeder an die Spielregeln halten.“

Besondere Situation

Der Lagen-Spezialist hofft, dass die Sommerspiele wie geplant stattfinden können. „Sollten sie verschoben werden, dann doch bitte auf einen späteren Zeitpunkt in diesem Jahr. 2020 ist das Olympia-Jahr, daran sollte man sich halten.“ Dass diese Aussage nicht mit der Meinung vieler Athleten weltweit übereinstimmt, hat einen einfachen Grund. Stacchiotti hat seinen Plan für ein perfektes Karriereende bereits gemacht. Auf Olympia 2020 hat er dabei ganz gezielt hingearbeitet.


Die Arbeiten in Tokio sind bereits jetzt fast alle abgeschlossen.
Tokio 2020: Luxemburger Delegation auf Kurs
Die Olympischen Spiele in Tokio sind der Höhepunkt des Sportjahres. Wie viele Luxemburger Sportler dürfen mit in die japanische Hauptstadt?

Leichtathlet Bertemes zeigt Verständnis für die Situation seines Kollegen. „Ich würde es mir für Raphaël wünschen, dass die Spiele stattfinden können“, erklärt der 26-Jährige, macht aber klar, dass es bei den Überlegungen rund um eine Olympia-Absage nicht nur um das Virus gehen darf. 

„Ich würde auch aus Fairnessgründen absagen“, stellt Luxemburgs Sportler des Jahres klar. „Sehr viele Athleten haben den Winter ausfallen lassen, um einen perfekten Sommer zu haben. Doch jetzt finden keine Wettkämpfe statt. Deshalb kann es keine faire Qualifikation geben.“ Bei einer Verschiebung käme für den Kugelstoßer nur ein neuer Termin im nächsten Jahr infrage.

Innerer Zwiespalt

Der gleichen Meinung ist Ni Xia Lian, die mit 57 Jahren die älteste Tischtennis-Teilnehmerin in der Olympischen Geschichte wäre. „Die Verlegung um ein halbes Jahr wird nicht funktionieren, im Winter ist es zu kalt“, sagt die gebürtige Chinesin. Auch sie geht davon aus, dass die Spiele 2021 nachgeholt werden. „Wir können keinen erzwungenen Sport machen“, erläutert sie. „Die Leute machen Sport, weil sie ihn lieben. Das ist auch bei Olympia so.“ Es sei nicht möglich, im Rahmen einer solchen Pandemie befreite und friedvolle Spiele auszurichten. Auch der Wirtschaft, vor allem in Japan, müsse man Zeit zum Erholen gewähren.

Die Kritik an Bachs Hinhaltetaktik kann die Nationalspielerin hingegen nicht gänzlich nachvollziehen. „Im Moment kann man noch keine Entscheidung treffen. Es geht um mehr als 200 Länder, zu viele Leute sind involviert. Man kann einfach nicht sicher sein, wie es weitergeht.“

Für Ni Xia Lian sind die Spiele mehr als nur Sport.
Für Ni Xia Lian sind die Spiele mehr als nur Sport.
Foto: Fabrizio Munisso

Für Stacchiotti gibt es einen weiteren Aspekt, der eine verfrühte Absage nicht zwingend notwendig mache: „Wir können glücklich sein, dass die Veranstalter in Tokio mit ihren Vorbereitungen schon so weit sind, dass die Spiele stattfinden könnten. Das war bei den beiden vergangenen Ausgaben nicht so früh der Fall.“ Bekräftigt wird die Aussage unter anderem durch Japans Premierminister Shinzo Abe, der die Spiele in seinem Land noch nicht abschreiben will.

Dressurreiter Wagner muss in der brisanten Debatte hingegen nicht nur an sich, sondern auch an seine Pferde denken – und steht damit vor einer noch größeren Herausforderung. „Sie müssten sich an die Atmosphäre in einem großen Stadion gewöhnen und könnten nicht einfach ins kalte Wasser geworfen werden“, erläutert er.

Konsequenzen in Deutschland

Deshalb müsste der 28-Jährige im Optimalfall noch einige größere Turniere mit seinen Pferden reiten. Wagner ist sich bewusst, dass unter bestimmten Bedingungen keine Olympischen Spiele stattfinden können. „Als Sportler wäre ich sicherlich glücklich, wenn Olympia ausgetragen wird. Ich bin stolz, dabei zu sein. Aber wenn es unmöglich ist, müssen die Spiele verlegt werden.“


Olympischer Eiertanz
Finden die Olympischen Sommerspiele statt? Das IOC spielt auf Zeit. Es herrscht Ungewissheit und Chaos. Die Sportler sind die Leidtragenden. Und das ist tragisch.

Nicht nur bei den Luxemburgern herrscht demnach ein innerer Zwiespalt. Herz gegen Kopf: der größte Wettkampf der Karriere gegen die gesellschaftliche Vernunft. Geht es nach Bertemes, sind die Rollen klar verteilt: „Unser Sport ist momentan absolut zweitrangig“, stellt er klar.

Dass diese Einstellung bereits vor der IOC-Frist weit verbreitet war und greifbare Konsequenzen hervorgerufen hatte, zeigt sich vor allem im Lager der deutschen Sportler. Nachdem Fechter und Athletensprecher Max Hartung bereits gestern Mittag seine Olympia-Teilnahme absagte, könnte eine ganze Delegation folgen: Alle potenziellen deutschen Olympia-Fahrer werden in den kommenden Tagen darüber abstimmen, ob sie an den Spielen teilnehmen wollen.

Für Dressurreiter Nicolas Wagner ist vor allem die Vorbereitung seiner Pferde ein großes Problem.
Für Dressurreiter Nicolas Wagner ist vor allem die Vorbereitung seiner Pferde ein großes Problem.
Foto: LL-Sport


Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Olympischer Eiertanz
Finden die Olympischen Sommerspiele statt? Das IOC spielt auf Zeit. Es herrscht Ungewissheit und Chaos. Die Sportler sind die Leidtragenden. Und das ist tragisch.
IOC setzt sich Olympia-Frist
Wochenlang wehrt sich das Internationale Olympische Komitee gegen eine Verlegung oder Olympia-Absage wegen Corona. Jetzt sind die Verantwortlichen zum Handeln gezwungen.
(FILES) In this file photo taken on January 11, 2020 International Olympic Committee (IOC) President Thomas Bach attends a press conference closing an Olympic session in Lausanne. - Bach said on March 20, 2020 the organisation was "considering different scenarios" for the Tokyo Games, but was optimistic about holding the event as scheduled despite the coronavirus pandemic. (Photo by FABRICE COFFRINI / AFP)