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Lange nichts mehr gehört von ... Marc Schreiner: "Die Mitleidsschiene verlassen"
Sport 5 Min. 02.09.2015

Lange nichts mehr gehört von ... Marc Schreiner: "Die Mitleidsschiene verlassen"

Marc Schreiner: "Die psychischen und körperlichen Belastungen sind für einen behinderten Sportler die gleichen wie für einen validen Sportler."

Lange nichts mehr gehört von ... Marc Schreiner: "Die Mitleidsschiene verlassen"

Marc Schreiner: "Die psychischen und körperlichen Belastungen sind für einen behinderten Sportler die gleichen wie für einen validen Sportler."
Foto: Christophe Olinger
Sport 5 Min. 02.09.2015

Lange nichts mehr gehört von ... Marc Schreiner: "Die Mitleidsschiene verlassen"

Bogenschütze Marc Schreiner nahm zwei Mal an den Paralympics teil. Er ist dem Sport auch nach seinem Karriereende erhalten geblieben. Schreiner freut sich darüber, dass der Behindertensport die Mitleidsschiene verlassen hat.

(jpk) - Mit Stolz kann Marc Schreiner auf zwei Beteiligungen an den Paralympics verweisen. 1992 in Barcelona und 1996 in Atlanta zog sich der erprobte Bogenschütze mit den Qualifikationen für das Viertelfinale beachtlich aus der Affäre.

Jedes Mal profitierte der Strassener, der mit drei Jahren von der Kinderlähmung befallen wurde, von den wertvollen Erfahrungen, die er zuvor in den Leistungsvergleichen mit validen Sportlern gesammelt hatte. Der Name Marc Schreiner ist auch untrennbar mit dauerhaftem Engagement im Benevolat verbunden, wie die Funktionen im „Luxembourg Paralympic Committee“ (LPC) und dem Bogenschützenverband bezeugen.

Im September 2016 finden in Rio die nächsten Paralympics statt. Wie realistisch sind die Chancen, dass ein Luxemburger Teilnehmer in Brasilien dabei sein wird?

Ich würde die Chancen auf mehr als 90 Prozent beziffern, dass ein Luxemburger Sportler mit von der Partie sein wird. Ob es mehrere werden, kann man 13 Monate vor den Paralympics nur schwer einschätzen. Ich hoffe aber, dass mindestens zwei Sportler die Selektion schaffen.

Wem traut der LPC-Präsident die Qualifikation am ehesten zu?

Eine Prognose in Bezug auf Tom Habscheid ist ziemlich einfach, da er im Diskuswerfen und Kugelstoßen die Bedingungen erfüllt. Das Problem ist allerdings, dass seine bevorzugte Kategorie im Diskus nicht auf dem Programm steht. Dies bedeutet, dass er in seiner Paradedisziplin in einer Klasse darüber antreten müsste. Wir werden noch mit dem Organisator in der vorgesehenen Frist abklären, ob diese Möglichkeit überhaupt besteht.

Abgesehen davon, dass in Rio mit Triathlon und Kanu die Zahl der Sportarten auf 23 erhöht wird, was hat sich seit Ihrer letzten Teilnahme primär bei den Paralympics verändert?

Die gesamte Herangehensweise in puncto Organisation ist viel professioneller geworden. Die weitaus größere Aufmerksamkeit seitens der Medien hat eine Vielzahl von potenziellen Sponsoren angezogen, so dass sich neue Perspektiven ergeben haben.

Sind auch die Selektionskriterien verschärft worden?

Die Normen sind mittlerweile denjenigen der Olympischen Spiele angepasst. Ich muss gestehen, dass ich nicht die Dossiers von 20 verschiedenen Sportarten durchforstet habe und mich mit den Regularien beschäftige, wenn Luxemburger Sportler für eine Teilnahme in Frage kommen. Im Bogenschießen gab es minimale Korrekturen. Dafür wurden in den Radsportdisziplinen, zu denen Handbike gehört, massive Änderungen vorgenommen, da der Veranstalter ICP die Entscheidungsgewalt an den Weltverband UCI übertragen hat.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihren Paralympics-Teilnahmen?

Organisationsmäßig waren keine Unterschiede festzustellen. Vorrangig war ich von der Atmosphäre in Barcelona angetan. Hier gab es viel mehr Präsenz und Begeisterung seitens des Publikums. Gerne erinnere ich mich an die Stimmung in der voll besetzten Schwimmhalle, wo der inzwischen schon verstorbene Henri Kaudé die Luxemburger Farben vertrat. Ein ähnliches Gänsehautgefühl kannte ich bei den Besuchen des Turniers im Rollstuhlbasketball, bei dem die Halle des FC Barcelona immer ausverkauft war. Dagegen war das in Atlanta nicht der Fall. Bei der Eröffnungsfeier, bei der das Showelement nicht zu kurz kam, waren die Zuschauer in Massen vor Ort. Danach hielt sich das Interesse an den sportlichen Wettbewerben in überschaubaren Grenzen.

Sie haben nie einen Hehl aus Ihren sportlichen Ambitionen gemacht und waren demzufolge nicht mit dem zweimaligen Erreichen des Viertelfinals zufrieden.

Mit dem nötigen Abstand bin ich noch immer über die Platzierungen enttäuscht. In erster Linie schmerzt die Erfahrung von Barcelona, wo ich im Viertelfinale mit dem höchsten Total aller Verlierer ausgeschieden bin. Es war sogar das zweitbeste Resultat der acht verbliebenen Schützen. Ich hatte das Pech, auf einen Konkurrenten zu treffen, der zu genau diesem Moment sein gesamtes Potenzial abrufen konnte. Der Japaner Nishii ist danach im Halbfinale ausgeschieden, was mich zusätzlich ärgerte. Der Zufall der Auslosung hatte zu dieser Konstellation geführt. In Atlanta nahm ich dann wohl gegen den gleichen Gegner Revanche für die Niederlage in Barcelona, schied aber wieder im Viertelfinale aus, so dass ich dennoch nicht zufrieden war.

Wie anstrengend ist überhaupt ein Sportwettbewerb für einen behinderten Sportler?

Dies ist von Disziplin zu Disziplin unterschiedlich. Die psychischen und körperlichen Belastungen sind für einen behinderten Sportler allerdings die gleichen wie für einen validen Sportler. Im Bogenschießen, wo ich damals im stehenden Anschlag aktiv war, kommen gewisse Gleichgewichtsprobleme dazu, die es primär zu meistern gilt.

Mangels anderer Alternativen kam nie etwas anderes als Bogenschießen in Frage.

Die ersten Erfahrungen mit dem Behindertensport sammelte ich 1973 im Sitzball. Da ich eigentlich mehr ein beweglicher Typ bin, war es schon überraschend, dass die Wahl nachher auf das Bogenschießen fiel. Auf den Geschmack dieser Disziplin bin ich zufällig gekommen, nachdem Franz Wies 1974 eine Vorführung bei meinem Verein ASHPL machte.

Ist der Stellenwert des Behindertensports in der Gesellschaft bedeutender geworden?

Der Stellenwert ist im Laufe der Jahre anders geworden, da die Paralympics mehr als vorher im Schaufenster stehen. In der Vergangenheit hat man den Behindertensport nur am Rande zur Kenntnis genommen. Ich habe festgestellt, dass der Behindertensport die Mitleidsschiene verlassen hat und die Leistungen seit zehn Jahren weitaus mehr Anerkennung finden. Dies ist ein Verdienst der Anstrengungen seitens der IPC, deren eingeschlagener Kurs aber diskussionswürdig ist.

Sie standen lange an der Spitze des Bogenschützenverbandes und haben sich zeitgleich im Behindertensport engagiert. Gibt es in diesen Bereichen ebenfalls Probleme mit dem Benevolat?

Wir sind mit identischen Problemen wie andere Sportverbände, Vereine oder kulturelle Vereinigungen konfrontiert. Für punktuelle Veranstaltungen findet man die nötigen Helfer, aber ein dauerhaftes freiwilliges Engagement ist in der heutigen Gesellschaft schwer bis fast unmöglich.

Wie sieht es mit der Akzeptanz bei den Instanzen aus?

Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung ist die Akzeptanz bei den öffentlichen Instanzen in Ordnung. Die aktiven Sportler sind vielleicht der Meinung, dass noch mehr getan werden muss. Das Verhältnis mit dem Sportministerium ist sehr gut. Die Beziehungen zum Nationalen Olympischen Komitee sind etwas komplizierter, weil man der Auffassung ist, dass man nicht genug Entscheidungsgewalt besitzt und sich daher nicht derart engagieren kann, wie bei validen Leistungssportlern. Das COSL unterstützt den Behindertensport in diversen Angelegenheiten, wünscht sich aber verständlicherweise mehr Mitspracherecht.

Wo besteht momentan am dringendsten Verbesserungsbedarf?

Es gibt einige komplexe Themen, die nicht nur den Sport betreffen. Der behindertengerechte Zugang zu den öffentlichen Gebäuden ist noch mit vielen Mängeln behaftet. Neben dem Benevolat macht uns die Suche nach neuen Mitgliedern Sorgen. Es ist ein zweischneidiges Schwert, da wir uns nicht auf Unfälle verlassen wollen, um die Mitgliederzahl zu erhöhen. Dabei treibt natürlich nicht jeder Behinderte Sport, und man kann auch nicht jeden Behinderten dazu bewegen. Dann gibt es natürlich auch den Unterschied zwischen Freizeit- oder Fitnesssport und dem Wettbewerbssport. Hier könnten wir eigentlich nur durch neue Angebote und die Zusammenarbeit mit anderen Verbänden gegensteuern. Bei den Betreuern gilt international die Regel, dass nicht-behinderte Trainer die Arbeit übernehmen. In Luxemburg wird in der normalen Trainerausbildung noch kein entsprechender Kurs angeboten, obschon wir dies seit drei Jahren angefordert haben. Zudem gibt es qualifizierte Trainer, die aus diversen Gründen vor der Herausforderung zurückschrecken und nicht über ihren Schatten springen möchten.


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