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Kurioses von der Handball-WM: Von gekauften Fans und kuriosen Taxi-Fahrten
Sport 6 Min. 26.01.2015 Aus unserem online-Archiv

Kurioses von der Handball-WM: Von gekauften Fans und kuriosen Taxi-Fahrten

Bei der WM in Katar vor Ort: Marc Gatti gibt einen persönlichen Einblick.

Kurioses von der Handball-WM: Von gekauften Fans und kuriosen Taxi-Fahrten

Bei der WM in Katar vor Ort: Marc Gatti gibt einen persönlichen Einblick.
Foto: Privat
Sport 6 Min. 26.01.2015 Aus unserem online-Archiv

Kurioses von der Handball-WM: Von gekauften Fans und kuriosen Taxi-Fahrten

Die Augen der Handball-Fans sind derzeit auf Katar gerichtet. LW-Korrespondent Marc Gatti hat die Chance, die WM vor Ort mitzuerleben. Dabei hat er nicht nur gekaufte Fans kennen gelernt, sondern auch kuriose Taxi- und Bus-Fahrten erlebt.

Die Augen der Handball-Fans sind derzeit auf Katar gerichtet. LW-Korrespondent Marc Gatti hat die Chance, die WM vor Ort mitzuerleben. Dabei hat er nicht nur gekaufte Fans kennen gelernt, sondern auch kuriose Taxi- und Bus-Fahrten erlebt.

Die Tunesier haben die besten Fans

Die Tunesier sind die Besten. Also, nicht die Handballer, sondern ihre Fans. Sie haben einen kleinen, aber entscheidenden Vorteil, denn sie sind am zahlreichsten bei der WM vertreten. Und: Sie sind definitiv die lautesten Schlachtenbummler dieser Titelkämpfe. Sie klatschen, singen, schreien, fluchen, tanzen, klopfen, trampeln und jubeln. Sie tun alles, was das nordafrikanische Temperament hergibt und brachten bisher in jede der drei Hallen richtige WM-Atmosphäre.


An Position zwei liegen die Polen, Russen und Mazedonier gleichauf. Stets farbenfroh und selbstverständlich mit Trikot und Nationalflagge ausgestattet sind sie in der Regel eher laut als kreativ. Im Gegensatz zu den Tunesiern ähnelt ihre Unterstützung jener von Fußballfans.

Dahinter folgen die Dänen und die Deutschen mit jeweils rund 500 Fans.

Katarer waren keine Katarer, sondern Spanier

Aus der Wertung der besten Anhänger fallen hingegen die katarischen Fans. Sie sind in der Regel nicht aus Liebe zum Handball in der Halle, manche sind auch nur geliehen.

Nach dem Eröffnungsspiel ging ich mit einem Rudel von vermeintlichen Katar-Fans aus der Halle. Arabisches Aussehen, jeder ein Trikot mit der Aufschrift "Qatar" tragend. Woher sollten die sonst kommen? Kurioserweise konnte ich deren Gespräche jedoch klar und deutlich verstehen. Das machte mich stutzig. Also sprach ich einen Katari auf Englisch an. Zu meiner Verwunderung antwortete er auf Englisch und bestätigte meine Vermutung: Die Kataris waren keine Kataris, sondern - und das konnte nun wirklich niemand ahnen - Spanier. Warum jubeln Spanier für Katar? Weil die Scheichs sie eingekauft haben. Wahrscheinlich aus Mangel an eigenen Handball-Anhängern.

Der Eröffnungsfeier wohnten schätzungsweise 10 000 bis 11 000 Zuschauer in der 15 300 Fans fassenden Lusail Multipupose Sports Hall bei. Als das kulturelle Programm beendet war, leerte sich die Mega-Arena ganz fix. Zum Eröffnungsspiel des Gastgebers waren kaum noch Leute in der Halle. Der Emir hatte jedoch vorsorglich 60 spanische Schlachtenbummler einfliegen lassen und ihnen Flug, Hotel und Eintrittskarten spendiert.

Die geliehenen Fans des spanischen Vereins Ciudad Encantada aus Cuenca machten mit ihren Trikots, Trommeln und Trompeten mächtig Rabatz. Im Gruppenspiel am 21. Januar gegen ihre Landsleute aus Spanien mussten sie dann allerdings erneut die Kataris unterstützen. "Das war ein sehr komisches Gefühl", sagte Manel Ruiz, "aber wir waren ja verpflichtet auch im Spiel gegen Spanien die Mannschaft aus Katar anzufeuern." Nach den Gruppenspielen sind die Spanier auch beim Achtelfinalspiel Katars gegen Österreich wieder im Einsatz.

Immer locker bleiben

Taxi und Bus fahren bleibt in Doha ein großes Abenteuer. Gleich zu Beginn meines Aufenthaltes hatte ich Bekanntschaft mit einem Kenianer gemacht, der alles tun sollte, außer Ausländer durch Doha kutschieren. In den vergangenen Tagen habe ich derart viele Anekdoten miterleben dürfen, dass ich mich entschlossen habe meine Top 5 der kuriosesten Taxi- und Bus-Fahrten unter dem Motto "Woran erkenne ich, dass ich in Doha in einem Bus oder Taxi sitze?" zu veröffentlichen.

- Beim Einsteigen fragt der Taxifahrer, ob Sie den Weg kennen. Er wohne erst seit fünf Tagen in Doha.

- Der Busfahrer fährt direkt hinter dem Hotel gegen die Fahrtrichtung in eine Einbahnstraße und beruhigt Sie mit den Worten: "Ganz locker bleiben, das mache ich immer so".

- Der Taxifahrer tippt die Adresse, zu der Sie wollen, in sein Navi. Das sagt: "Die Straße gibt es nicht."

- Der Busfahrer behauptet immer noch steif und fest, dass er den Weg kenne, obwohl er schon zum dritten Mal in den gleichen Kreisverkehr einfährt.

- Als ihn ein russischer Journalist anbrüllte, ob er denn seine Lizenz in der Lotterie gewonnen hätte, willigt der Busfahrer ein, seinen Platz hinter dem Lenkrad frei zu machen.

300 000 Einheimische, 2 Millionen Einwohner, 1 400 Moscheen

Mein Gott, was habe ich mich erschrocken. Ich stand morgens nichtsahnend nach meiner Ankunft in Doha vor dem internationalen Medienzentrum beim Lusail Multipupose Sportkomplex und wartete auf den Bus zurück ins Hotel, da holte mich ein Lautsprecher aus meinen Tagträumen. Sie gehören zum Stadtbild wie die zahllosen Hotel- und Bürohochhäuser: Die rund 1 400 Moscheen mit ihren Minaretten sind prägend für Doha. Geschätzt alle 500 m ragt einer dieser Türme, die unterschiedlich groß sind, in den Himmel oder lugt hinter einer Häuserfassade hervor. Mal befindet sich ein Minarett auf einem Prachtbau, der ein ganzes Viertel in Beschlag nimmt, mal steht es aber auch nur auf einem unscheinbaren Flachdachbau.

Dazu muss man wissen, dass eine Moschee zwar der zentrale Ort des muslimischen Glaubens ist, sie aber nicht in unserem westlichen, christlichen Sinne als "heilig" gilt. Wörtlich übersetzt heißt Moschee: "Der Ort des Sich-Niederwerfens", also der Ort des Gebets. Daneben sind die Moscheen auch ein Platz zum Sammeln und Besinnen und haben wichtige soziale Funktionen als Treffpunkt der Gläubigen zum täglichen Gespräch. Auch Unterrichtsstunden oder Gerichtsverhandlungen können in Moscheen stattfinden.

Fünfmal am Tag ruft der Muezzin im oder auf dem Minarett zum Gebet. Mal tut er dies persönlich, mal kommen diese Gebetsrufe (arabisch: Adhnan) vom Tonband. So unterschiedlich die Größe der Moscheen ist, so unterschiedlich sind Lautstärke und Tonfall der Adhnan. Der Ruf nahe des Souq, des Marktes, ist gedämpft, fast zurückhaltend. Dort kommt der Muezzin mit einem moderaten Plauderton daher. Vor meinem Hotel ertönt dagegen die sehr laute, andächtige Variante. Wer den Aufruf überhöhrt, sollte dringend zum Ohrenarzt.

Auf dem Gelände der Aspire Akademie, wo kürzlich die Bayern ihr Trainingslager abgehalten haben, praktizierte unterdessen die Marke „Hassprediger“. Der Muezzin hackte in einem Stakkato die Sätze derart schnell und aggressiv herunter, dass Dieter Thomas Heck (der mit der Hitparade) vor Neid erblasst wäre und sich selbst Pep Guardiola und Thomas Müller hätten angegriffen fühlen müssen. Ich werde wohl in den Souq umziehen und die Spaziergänge unterlassen.

Eishockey-Spiele mitten in der Shopping Mall

In Doha muss man auf alles gefasst sein. Es kann dich zu jeder Zeit erwischen. Plötzlich. Ganz unerwartet. Skurriler geht es nun wirklich nicht. Neulich gab es erneut einen solchen Moment. Da kam mir doch tatsächlich auf dem Parkplatz vor dem Shopping Center ein Kerl mit einem Eishockeyschläger entgegen. Hier in Katar, bei 25 Grad Celsius im Schatten - im Winter wohlgemerkt. Gut, denke ich: Er hat Verwandte in Kanada und ein Geburtstagsgeschenk besorgt. Als ich das Einkaufszentrum betrete, wird mir klar, dass ich in einer anderen Welt bin. Ich stehe nicht in irgendeinem Shopping Center, ich stehe in der Villaggio Mall in Doha. Gut 200 Geschäfte und scheinbar ebenso viele Restaurants sind in dem Rund untergebracht - viele bekannte Marken haben hier Läden. Den Wandelgang vor den Geschäften beschließen auf der anderen Seite Mauern und Rundbögen, sie sollen das Kolosseum in Rom nachstellen. Um die italienische Vision komplett zu machen, haben die Architekten an einer Ecke einen 150 m langen Wasserkanal angelegt, auf dem wie in Venedig Gondeln schippern.

Total verrückt wird der Bau, weil in der Mitte eine von zwei in Katar existierenden Eishockeyflächen installiert wurde, auf der die Qatar Raiders zu Hause sind und die nationale Eishockey-Liga ihre Spiele austrägt. Demnach ist es in der Villaggio Mall eisekalt. Eine gigantische Energieverschwendung. Da ist es gut, dass Plakate die Besucher darauf hinweisen, dass in der gesamten Mall Armaturen und LED-Lampen verwendet wurden, die bis zu 50 Prozent Wasser und 80 Prozent Strom sparen.

Na, dann bin ich ja beruhigt.

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