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Ein Husarenritt zur Beruhigung
Bob Jungels genoss seinen Erfolg in vollen Zügen.

Ein Husarenritt zur Beruhigung

Foto: Serge Waldbillig
Bob Jungels genoss seinen Erfolg in vollen Zügen.
Sport 5 Min. 24.04.2018

Ein Husarenritt zur Beruhigung

Bob Jungels hat es geschafft. Der Triumph beim Klassiker Liège-Bastogne-Liège ist der bislang größte und wichtigste Sieg seiner Karriere. Er hat gezeigt, aus welchem Holz er geschnitzt ist und ein Zeichen für die kommenden Wochen und Monate gesetzt. Eine Analyse lohnt.

Dominanz

„Mit Bob Jungels hat ganz einfach der stärkste Fahrer im Peloton gewonnen. Daran gibt es keine Zweifel.“ Die Worte von Romain Bardet (F/Ag2r) im Anschluss an Liège-Bastogne-Liège sprechen Bände. Jungels hat die Gunst der Stunde genutzt. Seine Quick-Step-Formation spielte ihre Karten perfekt aus. An der Côte de la Redoute machten sie das Rennen richtig schwer, an der Côte de la Roche-aux-Faucons zündete dann zunächst Philippe Gilbert (B) den Turbo. Als seine Attacke nicht fruchtete, kam die Zeit von Jungels. Er konterte einen Angriff von Sergio Henao (COL/Sky), setzte sich ab und wurde bis ins Ziel nach Ans nicht mehr eingefangen. Eigentlich wollte er dafür sorgen, dass der ausgemachte Kapitän Julian Alaphilippe (F) keine Arbeit verrichten musste und auf den letzten Metern noch über die nötige Frische verfügen würde. Weil die Konkurrenz jedoch zögerte, hatte die Stunde von Jungels geschlagen. Ein verdienter Sieg.

Keine Überraschung

Zu behaupten, der fantastische Erfolg von Jungels sei zu erwarten gewesen, ist falsch. Eine Riesensensation ist der Triumph des 25-jährigen Luxemburgers allerdings auch keinesfalls – nicht einmal eine echte Überraschung. Zu gut war die Form des ehemaligen Junioren-Weltmeisters im Zeitfahren in den vergangenen Tagen. Beim Amstel Gold Race deutete er sie an. Bei der Flèche Wallonne folgte die Bestätigung. Jungels hatte sich gezielt auf Liège-Bastogne-Liège vorbereitet. Seine akribische Präparation sollte sich auszahlen. Der Fahrer aus Rollingen bei Mersch zählte nicht zum engen Kreis der Topfavoriten und dennoch: Man musste ihn auf der Rechnung haben, eben auch weil die Quick-Step-Mannschaft mehrere heiße Eisen im Feuer hatte.

Bob Jungels auf dem Weg zu seinem Erfolg bei Liège-Bastogne-Liège.
Bob Jungels auf dem Weg zu seinem Erfolg bei Liège-Bastogne-Liège.
Foto: Serge Waldbillig

Das belgische Topteam spielte mit der Konkurrenz und zog dann das Jungels-Ass aus dem Ärmel. Wie gut die Form derzeit ist, untermauerte der Landesmeister auf den letzten 20 km. Seine Attacke war nicht kurz und knackig. Vielmehr schlich er sich davon. Und wenn Jungels erst einmal 50 m Vorsprung hat, ist er nur ganz schwer wieder einzufangen. An der Côte de Saint-Nicolas wurde es noch einmal spannend, doch letztendlich spielte er seine Zeitfahr-Qualitäten gekonnt aus. Bis auf die letzten Meter drückte er einen großen Gang und flog dem Ziel entgegen. Am Sieg kamen spätestens 3 km vor dem Ziel keine Zweifel mehr auf.

Befreiungsschlag

Die ersten Monate der Saison 2018 verliefen für Jungels nicht nach Wunsch. Bereits im Januar, in der letzten Phase der Vorbereitung, warf ihn ein schwerer Trainingsunfall aus der Bahn. In Südafrika knallte ein Lastwagen in die Quick-Step-Trainingsgruppe um Petr Vakoc, Laurens de Plus und Jungels. Zwar blieb der Luxemburger unverletzt, allerdings ging der Vorfall auf psychischer Ebene nicht spurlos an ihm vorbei. Bei Tirreno-Adriatico wollte er das erste Ausrufezeichen des Jahres setzen. Eine Viruserkrankung, die ihn bis zur Katalonien-Rundfahrt hemmte, bremste ihn jedoch. Nun folgte in Liège der Befreiungsschlag. Eine Menge Druck ist vom 25-Jährigen abgefallen. Er hat gezeigt, was er kann und auch sich selber beruhigt. Vielleicht genauso wichtig: Allmählich waren zweifelnde Töne zu hören. Die Stimmen der Kritiker wurden immer lauter. Jetzt sind sie abgeklungen. Jungels hat immer hart geackert, diese Arbeit hat sich nun ausgezahlt.


"Das ist etwas ganz Großes"
Im Videokommentar lassen die LW-Redakteure Joe Geimer und Bob Hemmen den Radsport-Feiertag durch Quick-Step-Profi Bob Jungels Revue passieren.

Tour de France

Jungels hat das nächste große Ziel bereits fest im Visier: Bei der Frankreich-Rundfahrt startet er als designierter Kapitän seiner Mannschaft. Bei der Grande Boucle möchte er brillieren. Zum ersten Mal bieten sich dem zweifachen Gewinner der U25-Wertung beim Giro d'Italia dort realistische Chancen auf ein Topresultat. Er meint es ernst. Gestern reiste er mit dem Team in Frankreichs Norden, um dort die Kopfsteinpflastersektoren in Augenschein zu nehmen, die es auf der neunten Tour-Etappe zu bewältigen gilt. Dann geht es für ihn zurück nach Steinhausen, seinem Wohnort in der Schweiz, am Ufer des Zugersees.

Nach ein paar Tagen Erholung beginnt anschließend die heiße Phase der Tour-Vorbereitung. Während drei Wochen wird er sich in einem Höhentrainingslager in der spanischen Sierra Nevada quälen. Vor der Frankreich-Rundfahrt will er nur noch zwei Wettkämpfe bestreiten: das Critérium du Dauphiné und die Landesmeisterschaften. Er möchte die Frankreich-Rundfahrt im Vollbesitz seiner Kräfte angehen. Vergangenes Jahr verausgabte er sich vor dem Giro d'Italia zu sehr. Dennoch reichte es zum achten Platz. Das Beste: Die Streckenführung der Frankreich-Rundfahrt ist Jungels zumindest an den ersten zehn Tagen auf den Leib geschneidert. Bevor er sich allerdings mit dem nächsten Höhenflug beschäftigt, steht nun erst einmal ein wenig Erholung an. Die hat er sich verdient.

Klassikerjäger

Ist Jungels jetzt auf den Geschmack gekommen? Liège-Bastogne-Liège ist der erste Klassiker im Palmarès des jungen Luxemburgers. Er hat sich in den vergangenen Jahren darauf konzentriert, bei den großen Rundfahrten für Furore zu sorgen. Seine Fortschritte sind unbestritten, sein Talent riesig, sein Wille ungebremst. Dennoch: Jungels ist genauso ein Klassikerjäger. Er besitzt alle nötigen Qualitäten und kann sie (fast) alle gewinnen – egal ob Paris-Roubaix (dort hat er als Espoir triumphiert, die Red.), die Lombardei-Rundfahrt, Mailand-Sanremo, das Amstel Gold Race oder die Clasica San Sebastian.

Bob Jungels bei der Pressekonferenz nach seinem Sieg bei Liège-Bastogne-Liège.
Bob Jungels bei der Pressekonferenz nach seinem Sieg bei Liège-Bastogne-Liège.
Foto: Serge Waldbillig

Sportgeschichte

„Historisch“, „einmalig“, „großartig“. Sportjournalisten lieben solche Begriffe und werfen gerne bei guten Resultaten und bemerkenswerten Ergebnissen mit Superlativen umher. Aber: Beim Sieg von Jungels am Sonntag sind all diese Ausdrücke tatsächlich angebracht. Sein Kunststück wird zweifellos seinen Platz in den Geschichtsbüchern finden. Klassikersiege eines Luxemburgers werden nie zur Routine. Auch in den Zeiten der Schlecks waren sie selten. Zum Vergleich: Fränk Schleck (2006 Amstel Gold Race), Kim Kirchen (2008 Flèche Wallonne) und Andy Schleck (2009 Liège-Bastogne-Liège) jubelten je ein Mal bei einem Klassiker. Zuvor musste Luxemburg 52 Jahre auf solch einen Sieg warten!

Côte de la Roche-aux-Faucons

Vielleicht sollten die Luxemburger Radsportfans überlegen, ob sie nicht an der Côte de la Roche-aux-Faucons in naher Zukunft ein Denkmal errichten wollen. Denn der 1,3 km lange und durchschnittlich elf Prozent steile Anstieg ist seit vorgestern endgültig fest mit der Luxemburger Sportgeschichte verknüpft. Jungels begann dort seinen Siegeszug: Er fühlte der Konkurrenz auf den Zahn, setzte sich ab und spulte auf den letzten 20 km ein wahres Zeitfahren bis ins Ziel ab. Interessant: An fast genau derselben Stelle, an der Jungels seine Karten auf den Tisch legte, stürmte auch Andy Schleck bei seinem Doyenne-Triumph 2009 davon. Der Mondorfer attackierte etwas früher, auch an der Côte de la Roche-aux-Faucons. In Liège siegte er als Solist – genau wie Jungels.

Bob Jungels ist der dritte Luxemburger Gewinner des Klassikers Liège-Bastogne-Liège.
Bob Jungels ist der dritte Luxemburger Gewinner des Klassikers Liège-Bastogne-Liège.
Foto: Serge Waldbillig



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