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Die Hillsborough-Katastrophe, 30 Jahre später

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Die Hillsborough-Katastrophe, 30 Jahre später

Die Hillsborough-Katastrophe, 30 Jahre später

Die Hillsborough-Katastrophe, 30 Jahre später


von Sarah CAMES/ 15.04.2019

Der schwärzeste Tag in der englischen Fußballgeschichte: 96 Menschen kamen bei der Hillsborough-Katastrophe am 15. April 1989 ums Leben.Foto: AFP

96 Glockenschläge: Am Montag, genau um 15.06 Uhr, steht das Leben in Liverpool wieder für eine Minute still. Einzig das Läuten aus dem Rathaus wird 30 Jahre nach der größten Stadionkatastrophe im englischen Fußball zu hören sein.

96 - eine Zahl, die für Liverpool-Fans immer noch eine ganz besondere Bedeutung trägt. Es ist die Zahl derer, die bei der "Hillsborough Stadium"-Katastrophe vor genau 30 Jahren in der Liverpool-Fankurve in einem Massengedränge ums Leben kamen.

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Was damals geschah
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Eine Zahl mit Bedeutung: Zwei Einlaufkinder gedenken den 96 Opfern der Hillsborough-Katastrophe vor einem Spiel zwischen Liverpool und Everton im Jahr 2012.
Foto: AFP

Am 15. April 1989 fanden sich an einem sonnigen Frühlingstag die Fans von FC Liverpool und Gastgeber Nottingham Forest in Sheffield zusammen, sie fieberten dem Halbfinale des FA Cups entgegen.


Am Mittwoch jährt sich das schreckliche Ereignis zum 20. Mal.
20 Jahre Hillsborough-Katastrophe
Das Hillsborough-Stadion in Sheffield ist am 15. April 1989 Schauplatz einer Tragödie, die 96 Todesopfer und unzählige Verletze fordert. Angehörige der Opfer kämpfen noch immer um eine angemessene Entschädigung.

Vor Beginn der Partie konnte jedoch noch keiner ahnen, welche Szenen sich bald im Hillsborough Stadion abspielen würden. 24.000 Liverpool Fans und 30.000 Nottingham Forest Unterstützer nahmen in ihren Sitzen Platz, eingepfercht zwischen Metallbarrieren, die verhindern sollten, dass sich die Fans gegenseitig in die Quere kommen.

Schon einige Minuten nach Anpfiff änderte sich die Atmosphäre jedoch – anfängliche Euphorie wurde zunächst zu Verwirrung und dann zu blankem Entsetzen. Hunderte Liverpool-Fans strömten zum Einlass und zur Leppings Lane Tribüne. Als klar wurde, dass nicht alle Fans rechtzeitig zum Anpfiff zu ihren Plätzen kommen würden, fragte ein Polizeibeamter beim Kontrollraum an, ob das Spiel um einige Minuten verschoben werden könnte, um sicherzugehen, dass der Einlass sicher vonstattengehen würde. Diese Bitte wurde jedoch abgelehnt. 

Um dem Gedränge zu entkommen, ließen sich einige Zuschauer auf die oberen Ränge ziehen. 96 Menschen starben auf den Tribünen hinter dem Tor von Nottingham Forest.
Um dem Gedränge zu entkommen, ließen sich einige Zuschauer auf die oberen Ränge ziehen. 96 Menschen starben auf den Tribünen hinter dem Tor von Nottingham Forest.
Foto: dpa/epa/dpa

Mehr und mehr Fans strömten zum Einlass und auch auf der Tribüne wurde es immer enger. Um die Zuschauer rechtzeitig zum Anpfiff um 15 Uhr in die Zuschauerränge zu bekommen, entschied sich Polizeikommandant David Duckenfield, auch das Ausgangstor C zum Einlass zu öffnen. Dies führte jedoch nur dazu, dass noch mehr Leute gleichzeitig und ungeordnet in die eingezäunten Zuschauergehege strömten. Vor allem in den vorderen Reihen wurde es immer enger. Duckenfield behauptete später fälschlicherweise, Fans hätten das Ausgangstor C in Eigenregie geöffnet, um zu ihren Plätzen zu kommen.


Späte Genugtuung: Die Behauptung, dass alkoholisierte Fans die Katastrophe verschuldet hätten, ist jetzt widerlegt.
Urteilsspruch nach der Sheffield-Katastrophe 1989: "Endlich Gerechtigkeit"
27 Jahre nach der Katastrophe im Hillsborough-Stadion, die 96 Todesopfer forderte, hat ein Gericht die Schuldfrage geklärt: Eine Fehleinschätzung der Polizei und nicht das Fehlverhalten der Zuschauer löste das Unglück aus.

Um 14.59 Uhr, eine Minute vor dem offiziellen Spielbeginn, begannen die ersten Menschen in den vorderen Reihen in ihrer Verzweiflung, über die übermannshohe Absperrung zu klettern, um auf das freie Spielfeld zu gelangen.

Nur fünf Minuten später brach die erste Absperrung unter der Last der dagegen andrückenden Menschenmenge zusammen. Zuschauer in den oberen Tribünen zogen Fans aus den unteren Ständen hoch, um sie vor dem Gedränge in Sicherheit zu bringen. Ermittlungen würden später zeigen, dass viele der 96 Fans, die an dem Tag im Hillsborough Stadion ums Leben kamen, erstickten, da sie im Gedränge schlichtweg keinen Raum zum Atmen hatten.

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Was an jenem sonnigen Samstag vor 30 Jahren geschah, macht noch immer fassungslos. Ein Millionen-Publikum sah live zu, wie in der 6. Minute des FA-Cup-Halbfinals zwischen Liverpool und Nottingham Forest plötzlich ein Polizist auf den Rasen lief und Schiedsrichter Ray Lewis bat, die Begegnung zu unterbrechen. Danach schwenkte die Kamera auf die Hintertortribüne, das Leppings Lane End, und fing verstörende Bilder von Fans ein, die in einem völlig überfüllten Block gegen den Zaun gequetscht wurden.  

Das Ausmaß der Katastrophe wurde immer deutlicher, je mehr Verletzte sich auf dem Spielfeld sammelten. Ersthelfer waren in dem Chaos heillos überfordert. Fans nahmen Wiederbelebungsmaßnahmen an Verletzten und sterbenden Zuschauern vor - auf dem gleichen Rasen, auf dem wenige Minuten zuvor noch Fußball gespielt wurde. Andere rissen Werbeschilder ab und funktionierten sie zu Tragbahren für Verletzte um.

Rettungskräfte kamen nicht zu den Verletzten durch. Eine Untersuchung ergab, dass 41 der 96 Opfer hätten gerettet werden können, wenn die Situation richtig gehandhabt worden wäre.
Rettungskräfte kamen nicht zu den Verletzten durch. Eine Untersuchung ergab, dass 41 der 96 Opfer hätten gerettet werden können, wenn die Situation richtig gehandhabt worden wäre.
Foto: AFP

Rettungskräfte hatten es schwer, zu den Opfern zu kommen – nicht wegen des Gedränges, sondern wegen einer Polizeiabsperrung rund um das Stadion. Von den 44 Krankenwagen, die am Stadion waren, wurde nur einer eingelassen. Auch Fans, die Verletzte zu den Krankenwagen bringen wollten, wurden durch die Absperrung daran gehindert. Von den 96 Toten kamen nur 14 jemals im Krankenhaus an.

Liverpools legendärer Torhüter Bruce Grobbelaar stand direkt vor dem Todes-Block und hörte die Rufe der verzweifelten, meist sehr jungen Menschen: "Bitte Bruce, versuch uns zu helfen!" Die flehenden Worte hat der Südafrikaner nie vergessen. Und auch nicht die Antwort einer Polizistin, die er am Spielfeldrand auf die Szenen aufmerksam machte: "Ich kann nichts tun." Am Ende des Tages waren 95 Menschen tot, das 96. Opfer starb vier Jahre später, ohne das Bewusstsein erlangt zu haben.

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Die Hillsborough-Katastrophe wirft einen langen Schatten
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2016: Anhänger des Fußballvereins Liverpool halten im St. Jakob-Park in Basel ein Banner hoch, mit dem sie Gerechtigkeit für die Opfer der Katastrophe im Hillsborough Stadion in Sheffield fordern.
Foto: Patrick Seeger/dpa

Opfer Nummer 97, so sagen heute viele Reds-Fans, war die Wahrheit. Liverpools Anhänger hatten vier Jahre nach der Heysel-Katastrophe einen miserablen Ruf und so glaubten viele Leser nur zu gerne dem Bericht der Sun unter der zynischen Überschrift "Die Wahrheit". Das bis heute in Liverpool verhasste Blatt schrieb, Fans hätten Opfer ausgeraubt, auf "tapfere Polizisten uriniert" und Helfer verprügelt, die Mund-zu-Mund-Beatmungen durchführten.

Auch noch 30 Jahre später: Liverpool-Fans fordern Gerechtigkeit für die Opfer der Katastrophe.
Auch noch 30 Jahre später: Liverpool-Fans fordern Gerechtigkeit für die Opfer der Katastrophe.
Foto: REUTERS

Die echte Wahrheit konnte weiter kaum entfernt sein. Denn es waren vor allem Fans, die auf dem Rasen erste Hilfe leisteten und ihre Freunde auf Werbetafeln vom Feld trugen. Dass vielmehr die Polizei einen fatalen Fehler begangen hatte, als sie acht Minuten vor Anpfiff ein Tor öffnete, weil auch vor dem Stadion wartende Zuschauer gegen einen Zaun gedrückt wurden, interessierte zumindest die Justiz jahrelang nicht.  

Jener 15. April 1989, an dem 96 Liverpool-Fans im Hillsborough-Stadion von Sheffield zerquetscht und totgetrampelt wurden, lässt die Stadt noch immer nicht los. Wie auch? Noch immer kämpfen die Reds-Anhänger um Gerechtigkeit, jeden Tag, bis heute. Erst vor zwei Wochen warteten 60 Fans vor einem Strafgericht in Preston und jubelten, als der einstige Sicherheitsbeauftragte von Sheffield, Wednesday, für schuldig befunden wurde, das Strafmaß steht noch aus. Und sie schimpften, als ein Urteil gegen Einsatzleiter David Duckenfield ausblieb.  

Vor allem die Angehörigen der Opfer kämpfen seither um Gerechtigkeit. Mit Erfolg: Im September 2012 stellten Experten fest, dass 41 der 96 Toten hätten gerettet werden können. Der damalige Premierminister David Cameron entschuldigte sich "im Namen des ganzen Landes". Seither beschäftigen sich endlich die Gerichte mit der Rolle der Polizei. Im Fokus steht Einsatzleiter Duckenfield.

2009: Ein Fußball-Trikot hängt am Gitter des Anfield Stadions in Liverpool. Darauf steht geschrieben "Fort, aber nie vergessen".
2009: Ein Fußball-Trikot hängt am Gitter des Anfield Stadions in Liverpool. Darauf steht geschrieben "Fort, aber nie vergessen".
Foto: REUTERS/Phil Noble

Ob er jemals belangt wird, ist seit der Entscheidung in Preston vor zwei Wochen allerdings fraglicher denn je. Es bleibt also emotional. Eine öffentliche Gedenkveranstaltung wie vor zehn Jahren wird es am Montag nicht geben, Liverpool öffnet aber von 13 Uhr bis 16 Uhr seine legendäre Tribüne "The Kop".

An dem Denkmal an den Shankly-Gates werden dann wieder unzählige Blumen liegen, am Zaun Schals hängen. Denn die größte Katastrophe des englischen Fußballs, sie lässt die Fans auch nach 30 Jahren nicht los.

Linkes Foto: Den 96 Hillsborough-Opfern wurde im Liverpooler Anfield Stadion ein Denkmal errichtet. Foto vom 14. April 1999, zehn Jahre nach der Katastrophe.

Rechtes Foto: Auch kurz vor dem 20. Jahrestag legten Fans Blumen vor die Gedenktafel. Foto vom 11. April 2009.
Linkes Foto: Den 96 Hillsborough-Opfern wurde im Liverpooler Anfield Stadion ein Denkmal errichtet. Foto vom 14. April 1999, zehn Jahre nach der Katastrophe. Rechtes Foto: Auch kurz vor dem 20. Jahrestag legten Fans Blumen vor die Gedenktafel. Foto vom 11. April 2009.
Foto links: Dan Chung/REUTERS Foto rechts: AP Photo/Paul Thomas

Mit Material der dpa.


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