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Basketballer Frank Muller: Ein Sportpsychologe in Ghana

Basketballer Frank Muller: Ein Sportpsychologe in Ghana

Sport 20 8 Min. 28.12.2017

Basketballer Frank Muller: Ein Sportpsychologe in Ghana

Daniel WAMPACH
Daniel WAMPACH
Frank Muller unternahm eine Reise nach Ghana, um an einer Fußballakademie mit jungen Talenten zusammenzuarbeiten. Der ehemalige Basketball-Nationalspieler schildert Situationen aus seinem zweimonatigen Abenteuer.

von Daniel Wampach

Es ist 10 Uhr morgens im Osten von Accra, Ghanas Hauptstadt. Sportpsychologe Frank Muller hat zum Workshop geladen, doch niemand ist da. „Die Leute in Ghana sind ganz entspannt. Daraus resultiert eine gewisse Unzuverlässigkeit. Es ist keine Seltenheit, dass noch keiner zu der Uhrzeit da ist, zu der das Treffen stattfinden soll.“

Der ehemalige Basketball-Nationalspieler ist fasziniert vom afrikanischen Kontinent und liebt die Natur: „Afrika ist von der Flora und Fauna her einzigartig auf der Welt.“ Zwei Monate befand er sich in Ghana, konnte das Land aber nur zehn Tage lang bereisen. Denn den Rest der Zeit verbrachte Muller an der Fußballakademie Rising Stars of Africa. „Ich wollte schon immer an solch einem Projekt teilnehmen“, erklärt der 29-Jährige, der an der Berliner Universität den Masterabschluss in Sportpsychologie gemacht hat. „Im Internet bin ich zufällig auf diese Akademie gestoßen. Das passte perfekt für mich. So konnte ich ein Benevolat im sportpsychologischen Bereich machen. Das war mir wichtig, weil ich so mein Fachwissen einbringen konnte und mich das auch beruflich weiterbringt.“

Wenn sich der Spieler den Druck nicht selbst auferlegt, ist es die Familie oder teils sogar das ganze Dorf, aus dem er kommt.

Rund 40 Jugendliche im Alter von zehn bis 18 Jahren befinden sich in der Akademie. Neben dem Fußballspielen müssen sie auch die Schule besuchen. Muller arbeitete vor allem intensiv mit der U18-Mannschaft zusammen, mit etwa 20 Spielern. „Alle haben großes Talent. Aber sechs oder sieben Spieler können es wirklich schaffen, einen Profivertrag in Europa zu ergattern“, hofft der Basketballer.

Zwei Hoffnungsträger

Zwei solcher Spieler sind Sulley Ibrahim und Emmanuel Gyamfi, die im Dezember bei Arsenal und Liverpool Probetrainings absolvieren sollten und im Oktober bei der U17-WM mit Ghana bis ins Viertelfinale kamen. Vor allem Ibrahim hat eine große Zukunft vor sich: Der FC Bayern hatte ihn bereits im Sommer eingeladen und schon im vergangenen Jahr trainierte er an der Akademie in Liverpool. „Sulley und Emmanuel stießen erst später zur Gruppe hinzu“, erklärt Muller. „Ich habe mit den beiden analysiert, wie sie mit dem Druck von solch einem großen Turnier wie der WM umgehen könnten. Es würde mich wundern, wenn sie keinen Vertrag in einer der europäischen Topligen bekommen würden. Mit den Vereinen wird noch verhandelt, denn die Akademie will natürlich auch Geld für seine Spieler haben.“

Mit den Spielern organisierte Frank Muller Workshops und führte viele Einzelgespräche.
Mit den Spielern organisierte Frank Muller Workshops und führte viele Einzelgespräche.
Foto: Privat

Druck ist wohl das größte Problem bei den jungen Fußballern. Am Ende geht es im Sport um gute Ergebnisse, diese fordert die Akademie von ihren Spielern ein. Doch es gibt noch einen viel größeren Druck: „Wenn sich der Spieler ihn nicht selbst auferlegt, ist es die Familie oder teils sogar das ganze Dorf, aus dem er kommt. Der Spieler ist für sein Umfeld die einzige Hoffnung, um einen höheren Lebensstandard zu erreichen. Für einen Zwölf- oder 13-Jährigen ist das natürlich extrem.“

Manche können nachher in Ghanas höchster Liga spielen, wenn sie nicht nach Europa kommen. Finanziell ist das zwar nicht vergleichbar, für die dortigen Verhältnisse verdienen sie aber trotzdem gutes Geld. Dann gibt es aber solche, die es nicht schaffen, wie Muller erklärt: „Wenn ein Europäer den Traum vom Profisportler hat und es nicht klappt, hat er noch so viele andere Möglichkeiten. In Ghana oder anderen afrikanischen Ländern ist es nicht so. Diese Jugendlichen setzen alles auf die Karte Fußball, vernachlässigen die Schule und merken dann mit Mitte 20, dass es wohl der falsche Weg war. Dann ist es aber schon zu spät.“

Bekanntschaft mit Malaria

Mullers Arbeit teilte sich in zwei Phasen ein: Zunächst einmal beobachtete er, wie er den Spielern und Trainern helfen könnte. Anschließend wurde Muller selbst aktiv, führte Einzelgespräche, organisierte Workshops und schlug auch Übungen für die Trainingseinheiten vor. Die Kommunikation in der ehemaligen britischen Kolonie war aber nicht immer einfach. Wie viele Sprachen und Dialekte es in Ghana gibt, weiß keiner so richtig, aber es sind mindestens 80. „Die meisten Spieler haben recht gut Englisch gesprochen. Aber einige der Jungs haben in der Schule wohl nicht so gut aufgepasst oder diese früh abgebrochen. Da musste ich mir dann mit Zeichensprache helfen, oder ein anderer hat übersetzt“, beschreibt Muller.

Während seiner Arbeit hatte der Düdelinger mit einem in Afrika allseits bekannten Übel zu kämpfen: Malaria. „Ich ging ins Krankenhaus und wurde noch am gleichen Tag entlassen.“ Danach habe er sich während einer Woche etwas unwohl gefühlt, das war's dann aber auch. Das sei nicht dramatisch gewesen, so Muller. „Das Problem ist, dass sich die Leute keine medizinische Behandlung leisten können. Dann kann die Krankheit tödlich enden.“

Ghana ist laut Frank Muller von der Landschaft her sehr vielfältig und hat Touristen einiges zu bieten.
Ghana ist laut Frank Muller von der Landschaft her sehr vielfältig und hat Touristen einiges zu bieten.
Foto: Privat

Muller musste sich erst an die dortigen Verhältnisse gewöhnen. „Ich habe mich natürlich vorher informiert, aber dass der Kontrast zu Europa so krass sein würde, hätte ich nicht gedacht.“ Die 40 Jugendlichen der Akademie teilten sich zwei Zimmer und schliefen in zusammengebauten Etagenbetten, auf äußerst dünnen Matratzen. Einige Spieler hätten sogar gesagt, bei ihnen zu Hause wären die Verhältnisse besser gewesen. „Es gab natürlich auch welche, die sich in der Akademie wohler fühlten.“

Wir Europäer haben uns in den vergangenen Jahrhunderten in Afrika nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert und sind teils auch Schuld an der dortigen Misere.

Auch der Luxemburger hauste dort, obwohl er es sich in einem Hotel hätte gemütlich machen können. „Ich war wenigstens alleine, musste das Zimmer erst am Ende mit jemandem teilen. Es war ein sehr niedriger Standard, aber im Vergleich zu den Spielern doch sehr angenehm“, so Muller. Immerhin: Die Internetverbindung war einwandfrei. „Wenn man nicht gerade irgendwo im Nirgendwo ist, funktioniert das Netz in Ghanas Städten sehr gut. Das ist schon ironisch, wenn man bedenkt, dass es dann kein sauberes Leitungswasser gibt ...“

Training auf staubigen Feldern

Die Akademie selbst hat auch kein eigenes Fußballfeld, sondern besteht eigentlich nur aus einem Gebäude, in dem die Spieler und der Betreuerstab untergebracht sind. „Für Partien wird ein Spielfeld aus Gras angemietet. Da sind wir dann mit einem Bus hingefahren. Das ist aber zu teuer, um es auch noch fürs Training zu benutzen. Dieses findet irgendwo im Viertel statt, wo man dann zu Fuß hinläuft.“ Auf Gras wird aber nicht trainiert, sondern auf staubigen Feldern, wie man sie aus Filmen oder von Fotos kennt.

Auch die Ernährung ist aus finanziellen Gründen nicht so, wie sie für Leistungssportler sein sollte. „Meistens sind die Mahlzeiten sehr reich an Kohlenhydraten. Da gab es dann einfach einen Teller Spaghetti oder Reis. Manchmal gab es noch eine Fleisch- oder Fischsauce dazu. Das ist nicht optimal.“

Für Muller wird es nicht bei dieser einen Reise bleiben. Er will auch andere Teile Afrikas entdecken: „Um ehrlich zu sein: Wir Europäer haben uns in den vergangenen Jahrhunderten in Afrika nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert und sind teils auch Schuld an der dortigen Misere. Ich bin der Meinung, dass wir auch eine gewisse Verantwortung haben, um der afrikanischen Wirtschaft zu helfen. Dafür ist der Tourismus wichtig.“ Wer nach Ghana reisen möchte, braucht laut Muller keine Bedenken zu haben. „Es ist eine der politisch stabilsten Nationen Afrikas und sicher. Natürlich sind dort andere Standards als wir es in der westlichen Welt gewohnt sind. Man muss halt auf Kleinigkeiten aufpassen und sollte sich zum Beispiel einen Insektenschutz oder ein Moskitonetz besorgen. Zudem darf man kein Leitungswasser trinken.“

Die Menschen dort seien sehr nett und hilfsbereit, betont Muller. Doch auch er hatte nicht immer den Durchblick. „Es klingt zwar krass, aber viele Leute denken ans Geld, wenn sie einen Europäer sehen. Man wird schnell als reicher Weißer abgestempelt. Das ist ja auch nicht unbedingt falsch. Man weiß allerdings nicht immer, ob sie nur nett sind, weil sie etwas von einem wollen, oder ob sie es auch wirklich so meinen.“

Mögliches Comeback in Düdelingen

Der 29-Jährige stellt aber klar: „Die Ghanaer gehen auch untereinander freundlich miteinander um. Es ist keine Seltenheit, dass ein Wagen mitten auf der Hauptstraße stehen bleibt, weil der Fahrer auf dem Bürgersteig jemanden sieht, den er kennt. Dann wird da halt eine Minute lang miteinander geredet.“ Muller erlebte bei seiner Reise trotz der ärmlichen Verhältnisse eine gewisse Lebensfreude. So würden die Leute dort gerne singen und tanzen, auch seine Spieler hätten das getan.

Frank Muller erklärt, die Ghanaer würden oft lachen, aber: "Nur weil jemand lächelt, heißt das noch lange nicht, dass es diesem Menschen gut geht."
Frank Muller erklärt, die Ghanaer würden oft lachen, aber: "Nur weil jemand lächelt, heißt das noch lange nicht, dass es diesem Menschen gut geht."
Foto: Privat

Doch das Klischee, die Leute wären zwar arm, seien aber zufrieden mit dem, was sie haben, kann Muller nicht bestätigen: „Ja, die Ghanaer lachen viel. Aber nur weil jemand lächelt, bedeutet das doch nicht, dass es diesem Menschen gut geht. Wie soll man auch glücklich sein, wenn man nichts zum Leben hat, seine Familie nicht ernähren oder die Kinder nicht zur Schule schicken kann? Da braucht mir keiner erzählen, dass er damit glücklich sei.“

Viele Menschen in Ghana würden alles dafür tun, um nach Europa reisen zu können. Auch Muller wurde einige Male darauf angesprochen. „Sie verstehen nicht unbedingt, dass das einfach nicht geht.“ Seit knapp einem Monat befindet sich Muller wieder in Luxemburg. Im Januar wird sich wohl entscheiden, ob er für längere Zeit bleiben wird. Dann könnte er auch wieder damit beginnen, hier Basketball zu spielen. „Sollte ich bleiben, ist das gut möglich. Eines steht aber fest: Ich werde für keinen anderen Verein auflaufen als T71 Düdelingen.“