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Aufbruchsstimmung im IOC
Leitartikel Sport 2 Min. 30.12.2014 Aus unserem online-Archiv

Aufbruchsstimmung im IOC

Leitartikel Sport 2 Min. 30.12.2014 Aus unserem online-Archiv

Aufbruchsstimmung im IOC

Laurent SCHÜSSLER
Laurent SCHÜSSLER
Vor rund drei Wochen wurde in Monaco Sportgeschichte geschrieben, als die Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees ihre Reformagenda verabschiedete.

Vor rund drei Wochen wurde in Monaco Sportgeschichte geschrieben, als die Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) eine 40 Punkte beinhaltende Reformagenda einstimmig verabschiedete. Das IOC will wieder glaubwürdiger werden. Und sich den Gegebenheiten der aktuellen Zeit anpassen.

Spätestens als sich kaum noch Gastgeber für die Ausrichtung der Olympischen Spiele finden ließen, mussten beim IOC die Alarmglocken schrillen. Mehr noch als die Spiele im Sommer – die bei ebenfalls hohen Ausgaben zumindest annähernd gleich hohe Einnahmen in Aussicht stellen – schreckt Olympia im Winter aufgrund der extremen Kosten potenzielle Ausrichter schon im Vorfeld ab. Gleich fünf Länder (darunter vier aus dem immer noch finanzkräftigen Westeuropa) zogen im Verlauf der vergangenen Monate nach Bürgerprotesten ihre Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 2022 zurück! Die Entscheidung fällt jetzt zwischen Almaty in Kasachstan und ... der chinesischen Hauptstadt Peking.

In Zukunft ist es möglich, dass Olympische Spiele nicht in einer, sondern in mehreren Städten ausgetragen werden. Selbst die Verlagerung verschiedener Disziplinen in ein Nachbarland ist aus Nachhaltigkeitsgründen möglich. Ja, ausdrücklich erwünscht. Bilder wie man sie aus Athen oder Peking kennt, wo die speziell für die Olympischen Sommerspiele von 2004 beziehungsweise 2008 errichteten Sportstätten zu großen Teilen vor sich hin verrotten, sollen der Vergangenheit angehören. Doch der alleinige Wille nach Reformen genügt nicht: Dem Wunsch des IOC, der südkoreanische Ausrichter der Winterspiele von 2018 solle wegen der fehlenden Infrastruktur die Wettbewerbe im Bob- und Rodelfahren auf einer bereits existierenden Bahn in Japan austragen lassen, teilte das Organisationskomitee in Pyeongchang nämlich bereits eine Abfuhr. Das südkoreanische Volk akzeptiere dies nicht, so die Begründung. Eine Gratwanderung für das IOC und seinen Präsidenten Thomas Bach. Die Kosten für Olympia sollen zwar reduziert werden, gleichzeitig gilt es aber auch eine zu große Beschneidung der Befugnisse der lokalen Organisatoren zu vermeiden.

Die Reformpläne des IOC wurden in der westlichen Welt mit großer Sympathie zur Kenntnis genommen. Die ständig steigenden Kosten der Spiele (für die Ausrichter) mussten gebremst werden. Auch galt es dem wachsenden Unmut der lokalen Bevölkerungsschichten wegen der vielen olympischen Zwänge Einhalt zu geben: Die

Organisation der Sommerspiele im Sommer 2014 in London bedingte unter anderem eine Anhebung der Gemeindesteuer in der britischen Hauptstadt. Den Unmut der Bürger kann man nachvollziehen.

Olympia hingegen bleibt für das IOC die wichtigste Einnahmequelle: Der Verkauf der Fernsehrechte für die Spiele von Sotschi 2014 und Rio de Janeiro 2016 bringt rund 3,35 Milliarden Euro in die Kassen. Und um diese Geldquelle nicht nachhaltig zu gefährden, so paradox es klingen mag, gilt es anderen Akteuren finanzielle Abstriche zu ermöglichen. Dies erfordert ein sensibles Vorgehen.

Bleibt nur die Frage, wie schnell das IOC und Präsident Bach die insgesamt 40 Punkte der Agenda 2020 umgesetzt bekommen. Es wird ein langwieriger Prozess. Bach weiß, dass er mit Widerstand rechnen muss. Doch da muss er durch. Die Glaubwürdigkeit des IOC steht (ein weiteres Mal) auf dem Spiel.


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