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Auf der Suche nach der besten Therapie
Sport 6 Min. 27.12.2014 Aus unserem online-Archiv
Schwere Knieverletzungen

Auf der Suche nach der besten Therapie

Knieverletzungen bremsen einen Sportler regelrecht aus.
Schwere Knieverletzungen

Auf der Suche nach der besten Therapie

Knieverletzungen bremsen einen Sportler regelrecht aus.
Foto: Shutterstock
Sport 6 Min. 27.12.2014 Aus unserem online-Archiv
Schwere Knieverletzungen

Auf der Suche nach der besten Therapie

Wer eine schwere Knieverletzung erlitten hat, muss viel Geduld haben. Die Rehabilitation ist mühselig und langwierig. Doch sie entscheidet mit darüber, ob Folgeschäden auftreten. Die Luxemburger Sportmedizin geht nun neue Wege, um den Reha-Prozess zu verbessern.

(AW) - Wer eine schwere Knieverletzung erlitten hat, muss viel Geduld haben. Die Rehabilitation ist mühselig und langwierig. Doch sie entscheidet mit darüber, ob Folgeschäden auftreten. Die Luxemburger Sportmedizin geht nun neue Wege, um den Reha-Prozess zu verbessern. Dafür braucht es Teamwork – von Patienten, Ärzten, Physiotherapeuten und Wissenschaftlern.

Ein Kreuzbandriss im Knie ist der Albtraum eines jeden Athleten, egal ob Wettkampf- oder Freizeitsportler. Der Weg zum Comeback ist weit. Zudem haben viele schwere Knieblessuren, zu denen auch Meniskus- und Knorpelverletzungen gehören, schlimme Spätfolgen.

Bei schweren Knieverletzungen erleben wir es häufig, dass es später an diesem Gelenk wieder zu Verletzungen kommt

Grund genug, dem Thema Rehabilitation mehr Aufmerksamkeit zu widmen, fanden Luxemburger Experten. Bei einem Kongress anlässlich des zehnten Jubiläums der Sportmedizin (CHL) und des fünften Jahrestages der sportmedizinischen Forschung (CRP-Santé) in Luxemburg, stellten sie ein neuartiges System des standardisierten Testens und der Dokumentation des Reha-Prozesses vor. „Bei schweren Knieverletzungen erleben wir es häufig, dass es später an diesem Gelenk wieder zu Verletzungen kommt“, sagt Roland Krecké, Kinesitherapeut an der Sportklinik des CHL in Eich. Man müsse also die „sekundäre Prävention“, die Vorbeugung von Folgeverletzungen, besser beleuchten. „Die Frage ist: Ist die heutige Rehabilitation gut genug, um eine erneute Verletzung zu verhindern?“

Beispielsweise traten bislang rund zehn bis 15 Jahre nach einem Kreuzbandriss, egal ob operiert oder nicht, bei 50 bis 60 Prozent der Patienten erste Zeichen von Arthrose auf. Zudem ziehen sich bis zu 30 Prozent der jungen Sportler (unter 20 Jahren) mit früheren Kreuzbandrissen später erneut einen solchen zu. Das ist kein spezielles Luxemburger Problem, sondern ein allgemeines. Insgesamt ist die Zahl der Kreuzbandverletzungen in den vergangenen Jahren hierzulande deutlich gestiegen. Der alpine Skisport ist vor allem für Menschen über 40 ein Risikofaktor. Jüngere verletzen sich vor allem in Mannschaftssportarten wie Fußball, Handball und Basketball.

Vorbeugung, etwa durch gezielte Übungen, sollte zwar grundsätzlich ein Thema sein, damit es schon gar nicht zur ersten Verletzung kommt. Aber wenn es doch passiert ist, sollte die anschließende Reha so gut wie möglich sein, um künftig besser gewappnet zu sein. Wenn der Patient es will, kann er den Heilungsprozess systematisch dokumentieren lassen. „Wir versuchen, ihm schon unmittelbar nach der Verletzung ein Maximum an Informationen zu geben. Dann bieten wir ihm ein so genanntes ,Follow up‘ während eines Jahres an“, erklärt Krecké. Zu 98 Prozent nehmen die Patienten das Angebot an. Es umfasst neben der üblichen Behandlung, einer eventuellen Operation sowie monatelanger Rehabilitation, Befragungen und umfangreiche Tests.

Luxemburg ist weiter
 als die meisten Länder

Dass Belastbarkeit und Stabilität von Gelenk und Muskeln mit speziellen Testgeräten überprüft werden, ist nicht neu. Dass das Ganze auch wissenschaftlichen Standards entspricht, hingegen schon. Seit drei Jahren läuft an der Sportklinik das Projekt des wissenschaftlich begleiteten ,Follow up‘, in dem bislang Daten von 447 Patienten erhoben wurden. Luxemburg ist damit in Europa weiter als die meisten Länder. Bislang wird die Reha nur in Skandinavien ähnlich sorgfältig dokumentiert.

„Man kann nicht verbessern, was man nicht misst“, erklärt Dr. (PhD) Daniel Theisen, der Chef des Sportmedizinischen Forschungslabors (LRMS) des CRP-Santé. „Die Ärzte und Physiotherapeuten sind darum bemüht, den Patienten so gut wie möglich im klinischen Alltag zu betreuen. Wir als Wissenschaftler stoßen dazu und versuchen sicherzustellen, dass die Qualität der erhobenen Daten vom wissenschaftlichen Standpunkt aus stimmt.“

Für die Patienten beginnt die Dokumentation ihrer Reha mit dem ersten Gespräch beim Arzt sowie einem Fragebogen. „Darin geht es um die subjektive Befindlichkeit. Wie geht es ihm, wie sind die Schmerzen?“, erklärt Krecké. Dann folgen Messungen der Beweglichkeit, des Gleichgewichts, der Koordination, der Kraft und der Stabilität des Gelenks. Das Programm umfasst fünf Test-Termine: Unmittelbar nach der Verletzung, nach sechs Wochen, nach drei, sechs und zwölf Monaten.

Man kann die Fortschritte einordnen. Man kann erkennen, wie sie im Mittelwert der Daten aller Patienten eingestuft sind.

„Wir haben uns sehr viel Mühe gegeben, nicht nur, um die Testresultate zu sammeln und zu verarbeiten, sondern auch, um die Testprozeduren zu standardisieren“, sagt Theisen. Denn die Ergebnisse müssen vergleichbar sein. Es gibt zum Beispiel bei der Messung der passiven Stabilität (Laxität) des Knies unterschiedliche Methoden. Dann aber nützen die Ergebnisse wissenschaftlich gesehen nichts. Es muss genaue Standards geben, wie die Tests durchzuführen sind.

Die Patienten müssen mitarbeiten, es ist in ihrem Interesse. Wenn man Daten vergleichen kann, können auch früh eventuelle Defizite korrigiert werden, erläutert Theisen: „Man kann die Fortschritte einordnen. Man kann erkennen, wie sie im Mittelwert der Daten aller Patienten eingestuft sind. Ist der Patient über dem Mittelwert oder womöglich so weit darunter, dass die Alarmglocken zu läuten beginnen?“

Richtigen Zeitpunkt
für das Comeback bestimmen

Ein weiteres Ziel, das man mit der korrekt erfassten Therapie erreichen will, ist es, den richtigen Zeitpunkt für die Rückkehr in den Sport zu bestimmen. „Wir können nun relativ präzise herausfinden, ob ein Patient auf einem guten Weg ist oder nicht“, so Theisen. „Ob man einem Sportler Grünes Licht für das Comeback geben kann, weiß man nur, wenn man es testet.“

Allgemein deutet vieles darauf hin, dass ein sportlicher Mensch, der fleißig Muskeln und Gelenke trainiert, früher zu alter Leistungsstärke zurückkehrt als ein untrainierter. „Die Voraussetzungen sind für sportliche Menschen besser, oft ist auch die Motivation größer“, sagt Krecké. Bei Kreuzbandrissen beispielsweise geht man bei Hochleistungssportlern von einer Reha-Zeit von neun Monaten aus, beim „Normalbürger“ von mindestens einem Jahr. Allerdings sei der natürliche Heilungsverlauf auch bei Leistungssportlern nicht besser oder kürzer als bei anderen Menschen. Vor allem Profisportler stünden unter größerem Zeitdruck, so seien sie eher bereit, Risiken einzugehen. „,Der Normalbürger‘ hingegen hat nach einer schweren Verletzung oft Angst. Das ist ein großes Problem“, so Krecké.

Eindeutige wissenschaftliche Beweise, welche Art und Intensität der Belastung den Heilungsverlauf nun genau begünstigen, gibt es noch nicht. Es sieht danach aus, dass möglichst frühzeitige und auch relativ aggressive Reha-Maßnahmen hilfreich sind. Aber das müsse eben seriös erforscht werden, so Theisen. „Wir sind erst am Anfang der Auswertungen. Wir haben rund 1 000 Parameter pro Patient gesammelt. Das bedeutet, dass uns noch viel Arbeit bevorsteht“, erklärt Krecké. Dafür braucht es geschultes Personal, viel Zeit – und damit auch Geld.

Nicht nur für die Auswertung, sondern auch für die Information der Patienten und die Tests. „Unser Problem ist ein finanzielles“, sagt Krecké. Ein vollständiger Funktionstest beispielsweise dauert eineinhalb Stunden. Über die Krankenkasse könne aber nur eine „normale physiotherapeutische Behandlung“ abgerechnet werden. Dabei würden sich Investitionen in eine deutlich verbesserte Rehabilitation langfristig wohl lohnen. „Man müsste beweisen, dass sich dann Folgekosten vermeiden ließen“, so Krecké: „Oft kommen ja viele Konsequenzen hinterher: Arthrose, zusätzliche Operationen, Arbeitsausfälle und am Ende manchmal die Knieprothese.“