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Zweifelhafter Bericht zur Infektionslage in den Schulen
Politik 9 Min. 24.11.2020

Zweifelhafter Bericht zur Infektionslage in den Schulen

Das Infektionsgeschehen nimmt in den Schulen zu, am stärksten im Secondaire. Deshalb steigen die 4e-bis 2e-Klassen ab dem 30. November auf Alternativunterricht um.

Zweifelhafter Bericht zur Infektionslage in den Schulen

Das Infektionsgeschehen nimmt in den Schulen zu, am stärksten im Secondaire. Deshalb steigen die 4e-bis 2e-Klassen ab dem 30. November auf Alternativunterricht um.
Foto: Anouk Antony
Politik 9 Min. 24.11.2020

Zweifelhafter Bericht zur Infektionslage in den Schulen

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Der Analysebericht zur Infektionslage in den Schulen wurde allein vom Bildungsministerium erstellt, ohne Expertise von unabhängigen Wissenschaftlern. Dieses Vorgehen ist äußerst bedenklich.

Welche Rolle spielen die Schulen im Infektionsgeschehen? Die Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Das Virus ist weit verbreitet, die hohen Infektionszahlen und die vielen Kontakte erschweren die Ermittlung des Ansteckungsortes

Die hohen Fallzahlen sind auch der Grund für die fehlenden Angaben vergangene Woche im wöchentlichen Bericht der Santé (9. bis 15. November) zur Anzahl der Personen, die im Rahmen des Contact Tracing positiv getestet wurden. Auf Nachfrage hieß es am 18. November aus dem Gesundheitsministerium, die Zahl der Neuinfektionen sei derzeit derart hoch, dass eine vollständige Analyse der Infektionsquellen nicht mehr möglich sei. 


Bildungsminister Claude Meisch (DP) hat am Donnerstag seinen Covid-Bericht zur Infektionslage seit der Rentrée aus den Schulen vorgestellt und sieht momentan keine Notwendigkeit für die Einführung eines A/B-Modells in den höheren Klassen. Aber das Stufenmodell wird angepasst.
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Der Bildungsminister stellte am Donnerstag den Bericht über das Infektionsgeschehen in den Schulen seit der Rentrée vor. Für zusätzliche Maßnahmen sieht er keine Notwendigkeit.

Am gleichen Tag verschickte das Bildungsministerium seinen Wochenbericht zur Situation in den Schulen zwischen dem 9. und 15. November und stellt unter Punkt 1 fest, es sei zu keiner weiteren Infektionskette (Szenario 4) gekommen. Fazit des Bildungsministeriums: Die Infektionen in den Schulen sind unter Kontrolle. Die Schutzmaßnahmen greifen. 

Aus dem Bericht geht aber auch hervor, dass die Fallzahlen insgesamt im Vergleich zur Woche vor den Herbstferien deutlich gestiegen sind: Im Fondamental ist die Zahl der positiv getesteten Schüler von 198 auf 256 gestiegen, bei den Secondaire-Schülern von 342 auf 410. Die Zahl aller betroffenen Klassen ist von 580 auf 690 gestiegen, die Schule in Steinsel nicht mitgerechnet. 

Das Infektionsgeschehen nimmt in den Schulen zu, am stärksten im Secondaire, weshalb ab dem 30. November die 4e-bis 2e-Klassen auf Alternativunterricht umsteigen

Keine weiteren Infektionsketten 

Doch stimmt es, dass es nicht zu weiteren Infektionsketten gekommen ist? Auf Anfrage der Wochenzeitschrift „d'Land“ und des „Luxemburger Wort“ gewährte das Bildungsministerium beiden Medien am 16. November einen genaueren Einblick in die vom Bildungsministerium geführten Statistiken, darunter eine Tabelle, laut der sich in der Woche des 9. November elf Klassen in Szenario 4 (Infektionskette) befanden. Dem „Luxemburger Wort“ liegt ein Screenshot der Tabelle vor. Die Statistik bezog sich ausschließlich auf das Secondaire mit zwischen drei und sieben Fällen pro Klasse. 

In der Woche vor den Herbstferien befanden sich laut dem Wochenbericht des Bildungsministeriums neun Klassen in Szenario 4 – Fondamental und Secondaire zusammen. Es ist demnach falsch zu behaupten, es seien keine neuen Infektionsketten hinzugekommen, es sei denn – wie auch schon „d'Land“ am 20. November schrieb – die Statistiken wären fehlerhaft. 


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In einer Publikation vom 21. Oktober schreibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass eine Virusverbreitung in den Schulen eher unwahrscheinlich ist, wenn das Infektionsgeschehen in der Bevölkerung niedrig ist und angemessene Schutzmaßnahmen angewendet werden. Nun ist aber seit Wochen das Infektionsgeschehen hoch und das Virus auch in Schulen angekommen, die zunächst noch verschont geblieben waren. 

Welche Rolle die Schulen in der Virusverbreitung spielen, wenn das Infektionsgeschehen in der Bevölkerung hoch ist, ist noch nicht ausreichend erforscht. Dennoch ist das Bildungsministerium bemüht, die Rolle der Schulen kleinzureden und es zieht zweifelhafte Schlüsse aus Statistiken, die es in Eigenregie angefertigt hat. 

Bedenkliche Vorgehensweise 

Der Analysebericht des Bildungsministeriums über das Infektionsgeschehen in den Schulen zwischen dem 15. September und dem 1. November veranschaulicht dies besonders deutlich. 

Aus dem Bericht geht weder hervor, wer ihn geschrieben beziehungsweise daran mitgewirkt hat, noch wer für die wissenschaftlichen Analysen und Schlussfolgerungen verantwortlich ist. Es fehlen Quellenangaben, Angaben zur Methodologie und es werden keine statistischen Tests erwähnt. 

Ohne dem Bildungsministerium unterstellen zu wollen, bei den Statistiken getrickst zu haben, ist dieses Vorgehen aus rein wissenschaftlicher Sicht äußerst bedenklich. 

Bedenklich ist auch, wie die Daten aufbereitet worden sind. Die erste Grafik im Bericht (siehe oben) vergleicht die Entwicklung der positiven Fälle in der Gesamtbevölkerung (hellblaue Linie) mit der Entwicklung der positiven Fälle in der Gesamtschülerschaft (dunkelblaue Linie) – in absoluten Zahlen. Das Ministerium stellt im Bericht fest, dass die Schülerfallzahlen im Verlauf viel weniger stark ansteigen als in der Gesamtbevölkerung. Die Grafik vermittelt tatsächlich den Eindruck eines viel geringeren Infektionsgeschehens bei den Schülern. Doch der Vergleich mit absoluten Zahlen hinkt: Zum einen ist die Bevölkerungszahl um ein Vielfaches höher als die Zahl der Schüler. Zum anderen ist davon auszugehen, dass die Schüler in der Gesamtbevölkerung repräsentiert sind. 

Anhand der hier präsentierten Daten hat das „Luxemburger Wort“ eine Grafik erstellt, die etwas anderes suggeriert, und zwar einen ähnlichen Verlauf (siehe unten). Die Grafik dient lediglich als Illustration, um zu zeigen, dass man dieselben Daten ganz unterschiedlich darstellen kann. 

Zweifelhafte Schlussfolgerungen 

Fragwürdig sind aus wissenschaftlicher Sicht die Schlussfolgerungen im MENJE-Bericht. Die Schlussfolgerung aus Grafik 1 lautet: „L’ouverture des écoles n’a pas contribué de façon significative à une accélération de la propagation du virus dans la population résidente.“ 

Der Begriff „signifikativ“ habe in der Wissenschaft eine präzise Bedeutung, sagt eine Wissenschaftlerin, die das „Luxemburger Wort“ gebeten hat, die Statistiken und die Interpretation der Daten aus wissenschaftlicher Sicht zu prüfen. „Daten zusammentragen ist das eine. Daten wissenschaftlich auswerten und daraus belastbare Schlussfolgerungen ziehen, auf die sich evidenzbasierte Politik stützen soll, etwas anderes. Dafür braucht man eine solide wissenschaftliche Ausbildung, vor allem aber eine robuste methodologische Vorgehensweise“, sagt die Wissenschaftlerin, die unerkannt bleiben möchte. 

An dem Bericht aber haben keine Wissenschaftler mitgewirkt. Mitgewirkt haben ausschließlich Beamte aus dem Bildungsministerium, darunter auch Personen mit einem „wissenschaftlichen Hintergrund“, wie es auf Nachfrage hieß. 

Der Bericht gibt ein Bild über die Lage in den Schulen ab. Mehr darf man da nicht hineininterpretieren.

Dr. Jean-Claude Schmit, Direktor der Gesundheitsbehörde

Santé war nicht beteiligt 

Selbst die Santé hat nicht mitgewirkt – aus Zeitgründen, „weil wir mit dem Contact Tracing beschäftigt waren“, so der Direktor der Gesundheitsbehörde, Dr. Jean-Claude Schmit, auf Nachfrage. Die Santé habe lediglich die Rohdaten geliefert. Schmit spricht von einem „deskriptiven Rapport mit einer nicht besonders entwickelten Methodologie“. Er gebe ein Bild über die Lage in den Schulen ab. „Mehr darf man da nicht hineininterpretieren.“ 


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Zum Vergleich hier das Beispiel einer deutschen Schulbehörde, die anders vorgegangen ist. Auf der Internetseite „Behörde für Schule und Berufsbildung“ findet man eine am 19. November veröffentlichte Auswertung der Corona-Infektionen an den Hamburger Schulen durch die dortige Schulbehörde. In dem Beitrag wird Schulsenator Thies Rabe mit folgenden Worten zitiert: „Wir wissen heute zwar mehr über die grundsätzliche Infektionsgefahr für Kinder und Jugendliche, aber zu wenig über die Rolle des Schulbetriebes in der Pandemie. Allem Anschein nach infizieren sich Schülerinnen und Schüler in den Schulen deutlich seltener als außerhalb der Schulen. Um Klarheit zu bekommen, werden wir jetzt einem von der Kultusministerkonferenz beauftragten, unabhängigen wissenschaftlichen Institut unsere Daten zur genaueren Prüfung zur Verfügung stellen.“ 

Falscher Titel 

Die zweite Grafik im MENJE-Bericht zeigt den Anteil der positiv getesteten Kinder und Jugendlichen pro Altersgruppe und Woche im Vergleich zu den in derselben Woche positiv getesteten Personen in der Gesamtbevölkerung. Schon der Titel (Population scolaire dans la „deuxième vague“) ist falsch, weil es sich nicht um Schülerkohorten handelt, sondern um Altersgruppen (0-9, 10-19 Jahre), unabhängig davon, ob es sich um Schüler handelt oder nicht. 

Wozu brauchen wir dann die Forschung und die vielen Institute, wenn alles so einfach ist?

Eine Wissenschaftlerin

Die Schlussfolgerung auch hier: „Il est permis d'affirmer que la propagation accélérée du coronavirus à partir de la mi-octobre ne peut pas être attribuée à l'ouverture des écoles.“ „Diese Schlussfolgerung kann man aufgrund der hier präsentierten Daten beim besten Willen nicht ziehen“, sagt die Wissenschaftlerin. 

Expertise unerwünscht 

Sie ist aber noch aus einem ganz anderen Grund über die Vorgehensweise des Bildungsministeriums schockiert. Sie kann nicht verstehen, wieso die Wissenschaft nicht involviert war. Luxemburg steckt jedes Jahr Millionen Euro in Forschung und Wissenschaft. Es gibt eine spezielle Covid-19-Taskforce bei Research Luxemburg, die jederzeit bereit ist, Luxemburg ihre Expertise zur Verfügung zu stellen. Sie wurde sogar eigens dafür ins Leben gerufen – doch von Claude Meisch, der auch Hochschul- und Forschungsminister ist, nicht genutzt. 

Es scheint, ein Ministerium darf irgendetwas veröffentlichen, das dann für bare Münze genommen wird und aufgrund dessen dann auch noch wichtige politische Entscheidungen getroffen werden.

Eine Wissenschaftlerin

Wozu brauchen wir dann die Forschung und die vielen Institute, wenn alles so einfach ist?“, ärgert sich die Wissenschaftlerin. „Wissenschaftler müssen sich – zu Recht – an strenge Kriterien halten. Aber es scheint, ein Ministerium darf irgendetwas veröffentlichen, das dann für bare Münze genommen wird und aufgrund dessen dann auch noch wichtige politische Entscheidungen getroffen werden.“ Sie ist sich sicher: „Dieser Bericht mit seinen weitgreifenden Schlussfolgerungen würde keiner wissenschaftlichen Prüfung standhalten.“


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