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"Exzess im Namen des Naturschutzes"
Politik 3 Min. 08.06.2021
Zweifelhafte Kompensierungsmaßnahmen

"Exzess im Namen des Naturschutzes"

Entlang der Rue d'Ehlerange zwischen Ehleringen und Zolwer hat der Staat wertvollen Ackerboden in eine Steinwüste verwandeln lassen. Die Bauernzentrale wehrt sich gegen solche „Auswüchse“.
Zweifelhafte Kompensierungsmaßnahmen

"Exzess im Namen des Naturschutzes"

Entlang der Rue d'Ehlerange zwischen Ehleringen und Zolwer hat der Staat wertvollen Ackerboden in eine Steinwüste verwandeln lassen. Die Bauernzentrale wehrt sich gegen solche „Auswüchse“.
Foto: Bauernzentrale
Politik 3 Min. 08.06.2021
Zweifelhafte Kompensierungsmaßnahmen

"Exzess im Namen des Naturschutzes"

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Beim Crassier Ehlerange hat der Staat zwecks Kompensierungsmaßnahmen Ackerboden in eine Steinwüste verwandelt. Die Bauernzentrale schlägt Alarm.

„Wir sind absolut nicht gegen Kompensierungsmaßnahmen, aber wir möchten darauf hinweisen, dass es hier und da zu Auswüchsen gekommen ist, die nicht mehr dem Sinn der Sache entsprechen“, sagte Laurent Schüssler, Direktor der Bauernzentrale, am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Ehleringen. 


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Die Bauernzentrale hatte dorthin eingeladen, um auf ein schwerwiegendes Problem hinzuweisen: der Verlust von wertvollem Weide- und Ackerland, auf dem teils zweifelhafte Kompensierungsmaßnahmen durchgeführt würden. Die Pressekonferenz fand auf dem Bauernhof des Vizepräsidenten der Bauernzentrale, Guy Feyder, statt. 

Wenige Kilometer vom Hof entfernt befindet sich das 74 Hektar große „Crassier Ehlerange“, ein ehemaliger „Schlakentipp“, auf dem eine nationale Aktivitätszone entstehen soll. Nun haben sich aber auf der jahrzehntelang brachliegenden Schlackenhalde Pflanzenarten entwickelt und seltene Vogelarten angesiedelt. Laut dem Naturschutzgesetz müssen dort Kompensierungsmaßnahmen durchgeführt werden. 

Staat kündigt Pacht 

Als Eigentümer der Flächen ist es der Staat selbst, der diese Kompensierungen an Ort und Stelle durchführt. Zu diesem Zweck hat der Staat den Landwirten, die staatliche Flächen in direkter Nachbarschaft zum „Crassier“ gepachtet und bewirtschaftet haben, die Pacht gekündigt, um dort die Kompensierungen durchzuführen. Die Kündigung sei fristgerecht gewesen und der Staat habe sich an die Gesetze gehalten, meinte Guy Feyder. „Das ist nicht unsere Kritik.“ 

Was die Bauernzentrale infrage stellt, ist, dass wertvoller landwirtschaftlicher Boden geopfert wird, „um dort bestes Grünland in eine Steinwüste zu verwandeln, in der Erwartung, die Arten würden in die von Menschenhand geschaffene Mondlandschaft umziehen“. 

 Tatsächlich erstreckt sich entlang der Rue d'Ehlerange zwischen Ehleringen und Zolwer auf vormals landwirtschaftlich genutzten Flächen eine breite mit Steinen aufgefüllte Fläche. Sie dient dazu, den alten „Schlakentipp“ zu imitieren und die Tiere dazu zu bringen, umzuziehen. Erst, wenn der Nachweis erbracht worden ist, dass die Tiere ihre neue Heimat angenommen haben, kann mit dem Bau der Aktivitätszone auf der ehemaligen Schlackenhalde begonnen werden. So will es das Naturschutzgesetz. 

Exzess im Namen des Naturschutzes 

Der Landwirt und Vizepräsident der Bauernzentrale kann nicht nachvollziehen, dass ein Naturschutzgesetz so etwas verlangt. „Es ist aber so“, meinte Feyder. Das werfe ein paar grundsätzliche Fragen auf. 

Dass Biotope, die zerstört werden, kompensiert werden sollen, stellt der Landwirt nicht infrage. „Aber man muss sich fragen, ob ein Industriestandort, auf dem der Boden schon einmal zerstört war und den die Natur sich zurückerobert hat, als Grund herhalten kann, um ein weiteres Mal zu kompensieren und die unberührte Natur und den guten Boden zu zerstören, um dort einen imitierten Standort zu schaffen. Wir können das unter keinen Umständen nachvollziehen“, so Feyder. Man könne nicht Natur zerstören mit der Begründung, dadurch Natur zu schützen. 

Der Vizepräsident sprach von einem „Exzess im Namen des Naturschutzes“. „Wir wissen nicht, wie es zu diesem Exzess gekommen ist“, meinte er. „Ist es Kompetenzgerangel zwischen dem Wirtschafts- und dem Umweltministerium? Ist es Paragrafenreiterei? Tatsache ist: Wir sind schockiert über die geringe Sensibilität, die in den zuständigen Verwaltungen und Ministerien für das Thema ,guter Boden' vorhanden ist“, so Feyder. 

Gleichgültigkeit und Nonchalance 

Auf der einen Seite mahne der Gesetzgeber zu einem schonenden Umgang mit der Ressource Boden, in der Praxis aber herrsche totale Gleichgültigkeit und Nonchalance gegenüber dem Thema, so die Kritik der Bauernzentrale. 

Dass das Gesetz die Kompensierung von Biotopen vorschreibt, sei eine Sache. „Doch auch im Naturschutz müssen die Kosten den Aufwand rechtfertigen“, sagte Feyder. Kosten und Nutzen müssten im Gleichgewicht sein. 

Dieses Projekt ist surreal und der Glaubwürdigkeit des Naturschutzes nicht förderlich.

Guy Feyder, Vizepräsident der Bauernzentrale

„Wir Landwirte leben und arbeiten mit der Natur. Wir haben ein ureigenes Interesse am Erhalt der Natur in ihrer gesamten Biodiversität, stellen aber fest, dass der Kompensierungsmechanismus eine Reihe von Regeln enthält, die nicht mehr mit dem gesunden Menschenverstand in Einklang zu bringen sind“, brachte es der Präsident der Bauernzentrale, Christian Wester, auf den Punkt.

Dieses Projekt ist surreal und der Glaubwürdigkeit des Naturschutzes nicht förderlich“, meinte Feyder und machte einen Aufruf an die Naturschutzszene „und die vernünftigen Köpfe im Naturschutz, solche Maßnahmen kritisch zu begutachten, Zivilcourage zu zeigen und aufzustehen und zu sagen: Mit diesem Unfug muss jetzt Schluss sein.“

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