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Wohnkosten lassen Armutsrisiko weiter steigen
Politik 4 Min. 21.04.2021

Wohnkosten lassen Armutsrisiko weiter steigen

Nach der Krise müssen die richtigen Schlussfolgerungen und Akzente kommen, fordern die Arbeitnehmervertreter.

Wohnkosten lassen Armutsrisiko weiter steigen

Nach der Krise müssen die richtigen Schlussfolgerungen und Akzente kommen, fordern die Arbeitnehmervertreter.
Foto: Getty Images
Politik 4 Min. 21.04.2021

Wohnkosten lassen Armutsrisiko weiter steigen

Annette WELSCH
Annette WELSCH
Zwölf Prozent der Beschäftigten kratzen trotz ihres Gehalts an der Armutsgrenze. Alleinerzieher sind besonders stark betroffen.

„Wir stellen fest, dass die Tendenz der zunehmenden sozialen Ungleichheiten durch die Covid-Pandemie nicht abgeschwächt wurde, sondern alles darauf hinweist, dass sie sich verstärkt hat.“ Damit begann der Vize-Präsident der Arbeitnehmerkammer CSL Jean-Claude Reding am Mittwoch die Präsentation des elften Sozialpanoramas. Er vertrat CSL-Präsidentin Nora Back. 


ARCHIV - 01.02.2021, Sachsen-Anhalt, Halle (Saale): Eine Passantin geht im Zentrum der Stadt an einem geschlossenen Geschäft vorüber. (zu dpa «Milliarden gegen die Krise: EU bringt Corona-Aufbaufonds an den Start») Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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„Bestimmte Gruppen sind mehr betroffen als andere“, stellte Reding fest und verlangte, dass daraus Schlussfolgerungen für den Plan de relance gezogen werden müssen: Ende des Monats schickt Luxemburg diesen Plan nach Brüssel, nicht zuletzt, um die nötigen Finanzmittel zu erhalten, die die EU für die wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie zur Verfügung stellt.

Gerade weil sich die Tendenz der steigenden Ungleichheiten zeigt und gleichzeitig das Land in einer schwierigen Situation ist, sei es wichtig, welche Akzente gesetzt werden. „Wir haben starke Sozialversicherungen, die müssen erhalten bleiben und bei Engpässen eher die Einnahmen erhöht werden, als dass Leistungen zurückgeschraubt werden“, forderte Reding.

Investitionen in die Zukunft

Man müsse auch den Risiken Rechnung tragen, denen die verschiedenen Geschlechter ausgesetzt sind. „Wir sehen, dass Frauen speziell jetzt auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind.“ Reding warnte auch, dass die Unterstützung für Arbeitnehmer und die Betriebe so lange laufen wie sie auch wirklich gebraucht werden und nicht zu früh stoppen. 

Wir sehen, dass Frauen auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind.

Jean-Claude Reding

Generell forderte er eine Investitionspolitik in die Zukunft. "Die Digitalisierung wird Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. Es werden verschiedene Typen von Arbeit verschwinden, sodass in Aus- und Weiterbildung massiv investiert werden muss." Und zur klimawandelbedingten Transition monierte er, dass Luxemburg noch zu stark Export-orientiert funktioniere und mehr auf die lokale Verankerung gesetzt werden müsste. 


HANDOUT - 17.04.2020, Japan, Nagoya: Zu sehen sind zwei Mundschutzmasken, die aus Stoffresten hergestellt wurden. (undatierte Aufnahme) In der für den Batikstoff «Arimatsu Narumi Shibori» berühmten Industriestadt Nagoya stellt zum Beispiel ein Hersteller traditioneller Kimono aus den Reststoffen Masken her, die nun in Zeiten der Corona-Krise immer begehrter werden. (zu dpa: "Kimonos und Jeans: Künstlerische Masken in Japan populär") Foto: --/Hisada Company/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++
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Luxemburg könne auch nicht immer nur von der Großregion profitieren, sondern müsse Strukturen kofinanzieren. „Wir müssen gemeinsam Projekte schaffen, wie wir weiter zusammen arbeite und leben wollen. Das wurde im Plan de relance bislang komplett vergessen.“ Generell monierte er, dass die Debatte in Luxemburg nicht weit genug gehe, was die Zukunft anbelangt.

Kaufkraft der Reichen stieg stärker als die der Armen

Bei der sozialen Situation zeigt sich weiterhin, dass die Reichen immer reicher werden - die Ungleichheiten steigen, wie der Gini-Koeffizient ausweist, und liegen mittlerweile über dem Schnitt in der Eurozone. Seit 2005 stiegen sie dort um 0,2%, während die Ungleichheiten in Luxemburg um 1,4% zulegten. Allein 2018 auf 2019 waren es 3,2% in Luxemburg, während sie in der Eurozone um 1,0% sanken. 

Diese Tendenz zeigt sich auch bei der Entwicklung der Gehälter und der Kaufkraft: Diese stieg um 4,8% bei den 20% niedrigsten Gehältern und um 9,0% für die fünf Prozent höchsten Gehälter. Wobei es sich hier um Angaben der IGSS handelt, die sich maximal auf Gehälter in Höhe des fünffachen Mindestlohns beziehen. Die richtig hohen Einkommen sind nicht gerechnet. 

Das Armutsrisiko lag 2019 bei 46,1% (40,6% waren es 2005), es sank durch die Pensionen auf 26,5% und durch Pensionen und Sozialtransfers auf 17,5% - der höchste Wert seit 2005 (13,7%). „Der Impakt der Pensionen wird immer größer, der der Sozialtransfers sinkt“ betonte der CSL-Berater und Volkswirt, Félix Martins De Brito. 

Alleinerzieher tragen höchstes Armutsrisiko

„Das liegt daran, dass es 45% mehr Pensionäre gibt, aber Sozialleistungen wie das Kindergeld beispielsweise nicht mehr angepasst wurden.“ Besonders betroffen bleiben denn auch die Haushalte mit Kindern (22%) und hier die Alleinerzieher (41,3%) - die dritthöchste Armutsrate in der Eurozone hinter Malta und Litauen. 


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Immer härter wird es für die Haushalte auch durch die stark steigenden Wohnkosten: 35,2% geben mittlerweile den größten Teil ihres Budgets dafür aus, wobei es 58,6% bei den armen und 30,5% bei den nicht armen Haushalten sind. Bei den Mietern ist es vergleichsweise noch ausgeprägter, denn nur in Spanien fließen mit 32,1% noch mehr Mittel in die Wohnung als in Luxemburg mit 32,0%. 

24% der Haushalte in Luxemburg sagten denn auch vor der Covid-Krise, dass sie Schwierigkeiten haben, über die Runden zu kommen. „2020 wird sich die Situation noch stark verschlechtert haben“, meinte Martins Di Brito und bezieht sich auf Angaben der Sozialämter. Dort stiegen die nicht zurückzuzahlenden Hilfen stark an, allein bei den Lebensmitteln um das Doppelte zwischen 2015 und 2020. 

Sorgen bereitet der CSL auch die Lebenserwartung bei den Frauen. Sie steigt  zwar beständig an, aber die Zahl der Jahre bei guter Gesundheit ist seit 2012 merklich gesunken

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Mit einer Arbeitslosenrate von 6,9% steht Luxemburg diesmal besser da als nach der Finanzkrise 2010. Es ist auch mit Malta das einzige Land der Eurozone, das es fertigbrachte, in der Pandemie Arbeitsplätze zu schaffen. „Wir stellen aber seit vielen Jahren fest, dass Personen mit Handicap oder mit externer Reklassierung zu 90% länger als ein Jahr in der Arbeitslosigkeit verbleiben“, moniert der Volkswirt. 

Angestellte Beschäftigte in Luxemburg tragen das höchste Armutsrisiko in der Eurozone: 12% von ihnen kratzen trotz ihres Gehaltes an der Armutsgrenze.
Angestellte Beschäftigte in Luxemburg tragen das höchste Armutsrisiko in der Eurozone: 12% von ihnen kratzen trotz ihres Gehaltes an der Armutsgrenze.

Nicht froh sind die Arbeitnehmervertreter auch darüber, dass die befristeten und die Zeitarbeitsverträge beständig zulegen - bei den jungen Menschen machen sie mittlerweile 36,7% aus -  und über den hohen Geschlechterunterschied bei der Teilzeitarbeit. Denn mit Österreich und Deutschland gehört das Großherzogtum zu den drei Ländern, die die Marke von 80% Part-time bei den Frauen übersteigen.

Es ist weiterhin auch ein sehr großes Sozialproblem, dass 12% der Beschäftigten trotz ihres Gehalts an der Armutsgrenze kratzen: „Der Brutto-Mindestlohn liegt ganz nahe am Armutsrisiko und netto sogar leicht darunter“, gibt Martns Di Brito als Grund an. „Luxemburg liegt hier an der Spitze in der Eurozone.“ 

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