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Wie man Kindern hilft, stark zu werden
Politik 5 Min. 01.12.2021
Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen

Wie man Kindern hilft, stark zu werden

Dass immer mehr Kinder Probleme haben, beunruhigt nicht nur die CSV. Ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken, war eine der Anregungen.
Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen

Wie man Kindern hilft, stark zu werden

Dass immer mehr Kinder Probleme haben, beunruhigt nicht nur die CSV. Ihnen mehr Aufmerksamkeit schenken, war eine der Anregungen.
Foto: Getty Images
Politik 5 Min. 01.12.2021
Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen

Wie man Kindern hilft, stark zu werden

Annette WELSCH
Annette WELSCH
Das Parlament debattiert über die Bedürfnisse von den Kleinsten in der Pandemie und darüber hinaus: Was brauchen Eltern und Kinder, um sich gut zu fühlen?

Mit Bildungsminister Claude Meisch (DP), Familienministerin Corinne Cahen (DP) und Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) antworteten am Mittwoch gleich drei Regierungsmitglieder auf die Interpellation von Serge Wilmes (CSV) zum Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen. Genauso breit gefächert war auch die Debatte im Parlament.  


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„Wenn es unseren Kindern gut geht, geht es auch der Zukunft des Landes gut“,  war das Fazit von Wilmes. Bereits am Dienstag hatten er und seine Parteikollegin Françoise Hetto-Gaasch ihre Verbesserungsvorschläge vorgestellt. Denn die CSV macht sich Sorgen um die Kinder und ihren Start ins Leben. 

„Die Kinder und Jugendlichen zahlen einen hohen Preis in der Pandemie, wir müssen uns aber ganz allgemein die Frage stellen, ob wir wirklich eine kinderfreundliche Gesellschaft sind“, betonte Wilmes im Parlament. Kinderärzte, Lehrer, Psychologen, Psychiater und Eltern seien beunruhigt: Immer mehr Kinder wachsen nicht gesund auf, brauchen Hilfen, haben Probleme mit dem Gewicht und der Konzentration, haben keine Zeit zum Spielen und werden zunehmend Konsumenten von Medien. 

Kinder müssen sich sicher fühlen 

„Kinder werden nicht mehr zu Hause groß, sind oft in Strukturen, weil die Eltern beide arbeiten und müssen sich anpassen, um der Erwachsenenwelt gerecht werden – Kinder sollten aber im Mittelpunkt der Politik stehen. Wir brauchen ein Primat des Qualitativen über das Quantitative“, forderte Wilmes. 

„Kinder, die sich sicher fühlen und entspannt den Alltag bewältigen, können sich positiv auf Bildungsimpulse einlassen. Das Wohlbefinden ist der Schlüssel für erfolgreiches Lernen und Chancengerechtigkeit“, sagte Françoise Hetto-Gaasch. Zeit und Qualität der Betreuung seien zentral. Kinder brauchten familiäre Interaktion, Blickkontakt und Gespräche. „Es braucht klare Botschaften an Eltern, weil sie sich dessen oft nicht bewusst sind und es braucht eine gute Qualität des Personals in den Strukturen und Schulen. Wir dürfen die Erzieherausbildung nicht ausverkaufen.“ 


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In diesem Sinn brachten die beiden Abgeordneten einen Gesetzesvorschlag zur Einführung eines psychologischen Dienstes in den Grundschulen sowie vier Motionen ein. So fordert die CSV eine zentrale Informationsplattform über alle Hilfsangebote für Eltern, was einstimmig unterstützt wurde

Die Forderungen von einem Eltern-Brief nach der Geburt mit wichtigen Ratschlägen, einem kostenlosen Baby plus-Service, der nach Hause kommt und Hilfestellung leistet sowie einer Aufwertung von Tageseltern, an der derzeit im Bildungsministerium schon gearbeitet wird, sollen dagegen in den Kommissionen diskutiert werden. Daneben möchte die CSV eine größere Flexibilisierung des Elternurlaubs sowie eine Qualitätskontrolle und -sicherung der Betreuungsstrukturen. 

Bindung, Bildung, Bewegung   

In der Debatte war man sich einig, dass es dringend mehr und kostenlose psychotherapeutische Unterstützung braucht. Djuna Bernard (Déi Gréng) konzentrierte sich auf die Jugendlichen: „Wir müssen mit ihnen reden, sie ernst nehmen und ihre Meinung einfließen lassen und unser Bewusstsein dafür schärfen, welche Auswirkungen die Gesetze haben.“ 

Die beiden LSAP-Sprecherinnen Simone Asselborn-Bintz und Francine Closener pflichteten dagegen der CSV in vielen Problemstellungen bei. „Die ersten Jahre des Kindes sind entscheidend, das gilt vor allem für die Bindung zu den Eltern. Immer mehr Kinder leiden unter nicht adäquaten Umständen und sind auch in normalen Familien oft unglücklich, weil sie nicht genug Aufmerksamkeit bekommen. Eltern sind sich dessen oft nicht bewusst“, meinte Asselborn-Bintz. Hier sei eine proaktive Politik wichtig.

Sie sah es auch kritisch, wenn Kinder zu lange fremd betreut werden: „Es darf nicht die Regel sein, dass Eltern ihre Kinder den ganzen Tag in der Maison relais einschreiben, sogar wenn sie Urlaub haben. Es ist richtig und wichtig, dass Kinderbetreuung angeboten wird und Frauen arbeiten gehen können. Das Angebot soll aber nicht ausgereizt werden.“ In vielen Gemeinden würden schon  Maximalstunden eingeführt und auf 26 Tagen Urlaub bestanden.    

Eltern brauchen Hilfe in Form von good parenting-Programmen und einem Recht auf Teilzeitarbeit.

Francine Closener

Closener sprach über die drei Säulen des Wohlbefindens: Bindung, Bildung, Bewegung. „Eltern brauchen Hilfe in Form von good parenting-Programmen und einem Recht auf Teilzeitarbeit, das fordert die LSAP schon lange. Dabei sollen bis zu 30 Prozent der Rentenbeiträge vom Staat übernommen werden, damit die Pensionsansprüche nicht leiden.“ 


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Auch sie sprach sich für eine psychologische Sprechstunde in Grundschulen aus - zumindest einmal im Jahr, gemeinsam mit dem Schularztbesuch. Man könne aber nicht erwarten, dass die Kinder auf einen psychologischen Dienst von sich aus zugehen würden. „Das funktioniert schon in den Sekundarschulen nicht gut.“ 

ADR und Piraten: Geld für das Zuhause bleiben

Fred Keup (ADR) und Marc Goergen (Piraten) forderten dagegen die Wahlfreiheit, ob Eltern berufstätig sein wollen oder zu Hause bleiben und dann die Betreuungskosten ausbezahlt bekommen. Bildungsminister Claude Meisch (DP) mahnte, von einer „ideologischen Diskussion“ wegzukommen. „Wir sehen heute Kinderbetreuung als non-formale Bildung, wo die Kleinen als Mensch wachsen können, soziale Kompetenzen entwickeln, Projekte umsetzen können. Wir müssen aufpassen, den Kindern das nicht zu nehmen.“

Bevor Cahen den Erfolg des Elternurlaubs, der nun auch vermehrt von Vätern genommen wird, den Revis mit seiner größeren Unterstützung von Eltern sowie die erhöhte Teuerungszulage ins Feld führte, ging auch Meisch lang und breit auf alle Angebote ein, die das Ministerium bereits eingeführt hat, um Kinder und Jugendliche zu unterstützen, wie die Kompetenzzentren. Es soll auch die erfolgreiche Summerschool nun weitergeführt werden.

Es gebe durchaus auch viel Zahlenmaterial, wie den Jugendbericht 2020/21 oder internationale Studien, wie die zum Health Behaviour in School-aged Children (HBSC) der WHO oder die von der OECD und von Unicef. „Wenn wir das alles zusammenlegen, bekommen wir einen ganz guten Überblick.“ 2022 soll es einen Kinderbericht geben und mit dem geplanten  Observatoir de qualité scolaire könnten dann ganz gezielt Daten zu Kindern und Jugendlichen erhoben werden.

Kampagne zur Bildschirmzeit 

Meisch betonte auch, dass der Erfolg und das Vorankommen in der Schule  wichtig für das Wohlbefinden sei, wobei jeder Akteur, auch der Lehrer gefordert sei. Zur Qualitätskontrolle und -sicherung in den Betreuungsstrukturen würde die Cellule an Inspektoren, die überprüfen, ob die pädagogischen Konzepte auch umgesetzt  werden, nun ausgebaut und die Weiterbildung des gesamten Betreuungspersonals erweitert.


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Auch auf das Thema Umgang mit digitalen Medien ging er ein: „Das gab es früher nicht so, das betrifft die ganze Gesellschaft. Auch die Erziehung und wie Erwachsene sich als Vorbilder mit Smartphone und Co benehmen, hat etwas damit zu tun.“ Hier zählte er den Coding-Unterricht auf, um spielerisch und sinnvoll mit digitalen Medien umzugehen.  Es seien zudem das Fach Digitale Wissenschaft im Lyzeum in den untersten Klassen eingeführt worden sowie der Medienpass und -Kompass.  

Eine Kampagne über die richtige Bildschirmzeit bei Kindern sollte derweil gestartet werden, musste wegen der Pandemie aber ausgesetzt werden und werde jetzt neu aufgelegt. Dabei sollen Eltern darüber informiert werden, „was gut ist und wo die Grenzen sind“. Man habe auch vor, regionale Elternforen einzuführen, damit Eltern sich über Erziehung austauschen können und in ihrer Erziehungsaufgabe gestärkt werden. „Erstes Thema wird der Umgang mit digitalen Medien sein.“

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