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Weniger Sport, mehr Bildschirmzeit
Politik 4 Min. 25.02.2022 Aus unserem online-Archiv
Covidkids II

Weniger Sport, mehr Bildschirmzeit

Die sozialen Medien erlauben es den Kindern, auch ohne direkten Kontakt mit Freunden in Verbindung zu bleiben.
Covidkids II

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Die sozialen Medien erlauben es den Kindern, auch ohne direkten Kontakt mit Freunden in Verbindung zu bleiben.
Foto: Shutterstock
Politik 4 Min. 25.02.2022 Aus unserem online-Archiv
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Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Die Covidkids-Studie untersucht das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen in der Pandemie. Die Ergebnisse wurden am Freitag vorgestellt.

Kinder und Jugendliche haben ein geringeres Risiko, durch das Corona-Virus schwer krank zu werden. Das ist die schöne Seite der Medaille. Weniger schön sind die Auswirkungen der Pandemie auf ihre mentale Gesundheit. Wie fühlen sich die Kinder in der Pandemie? Dieser Frage gehen Wissenschaftler der Universität Luxemburg zusammen mit dem Kinderhilfswerk Unicef in der Studie Covidkids nach. 

Um ein authentisches Bild der psychischen Verfassung der Kinder und Jugendlichen zu bekommen, haben die Wissenschaftler beschlossen, nicht die Erwachsenen zum Wohlbefinden der Kinder zu befragen, sondern die Kinder. Dazu wurden Interviews geführt (22 Minderjährige) und Informationen anhand von Fragebögen eingeholt. 


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Bei den am Freitag vorgestellten Ergebnissen handelt es sich um den zweiten Teil der dreiteiligen Studie Covidkids. Der erste Teil mit insgesamt 675 Kindern im Alter von sechs bis 16 Jahren wurde im Frühling und Sommer 2020 durchgeführt. Aus der Befragung war damals hervorgegangen, dass die Lebenszufriedenheit der Kinder während des Lockdowns signifikant zurückgegangen war und dass dies stark mit den schulischen Erfahrungen während der Schulschließung zusammenhing. Die Kinder plagte zudem die Angst vor einer Ansteckung und die Angst um ihre Angehörigen.

Was man bei der Befragung im ersten Pandemiejahr festgestellt hatte, bestätigte sich auch bei der zweiten, die 2021, also in Jahr 2 der Pandemie durchgeführt wurde: Die Corona-Krise hat einen negativen Impakt auf das Wohlbefinden der Kinder. 31 Prozent der Kleinen (6-11 Jahre) und 43 Prozent der Älteren (12-16 Jahre) gaben an, dass sie vor der Pandemie zufriedener mit ihrem Leben waren. 

Mädchen gehen mit der Situation anders um als Jungen. Laut Claudine Kirsch, Wissenschaftlerin an der Uni Luxemburg und Leiterin der Studie, machen die Mädchen sich mehr Sorgen als Jungen und sind stärker mit negativen Gefühlen geplagt. Auch sind die Sorgen bei den älteren Kindern (12-16 Jahre) größer als bei den Kleinen.   

Kleinen aktiver als die Großen

Die Pandemie beeinflusst das Freizeitverhalten der Kinder. In der ersten Studie wurde der Trend zu weniger Aktivität festgestellt. Dieser Trend setzt sich im zweiten Teil fort, wobei die Kleinen kreativer sind als die Großen und mehr an Vereinsaktivitäten teilnehmen, während die Älteren eher Musik hören, nichts tun und ihre Freizeit auf den sozialen Medien verbringen. Bei den Großen lag der tägliche Konsum im Schnitt bei 3,5 Stunden, bei den Kleinen waren es ihren Aussagen zufolge zwei Stunden.

„Das ist viel“, meinte Claudine Kirsch. „Andererseits haben 75 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen angegeben, dass die sozialen Medien ihnen geholfen haben, mit der Pandemie besser klar zu kommen und mit Freunden in Kontakt zu bleiben.“ Die sozialen Medien seien also zugleich ein Mittel, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten, und ein Mittel zur Ablenkung.

Aktives Zuhören hilft

Aus dem ersten Teil der Studie war hervorgegangen, dass das aktive Zuhören seitens der erwachsenen Bezugspersonen einen signifikanten Einfluss auf das Wohlbefinden der Kinder hat. Beim zweiten Teil der Studie wurden die Teilnehmer gefragt, ob sie zufrieden seien mit der Art und Weise, wie die Erwachsenen ihnen zuhören. Ja sagten 54 Prozent der jüngeren Teilnehmer, bei den älteren waren es 33 Prozent. 


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Die Schule spielt im Leben der Kinder eine wichtige Rolle. „Die Schule ist mehr als ein Ort, an dem man lernt“, sagte Paul Heber von der Unicef. „Die Schule gibt den Kindern Halt, sie treffen dort ihre Freunde, haben soziale Kontakte.“   

Nun waren die Schulen 2021 durchgehend geöffnet, der Schulbesuch aber immer wieder unterbrochen durch Isolationen und Quarantänen. Rund die Hälfte der befragten Kinder gaben an, mehr als vier Wochen nicht in der Schule gewesen zu sein, „ein Drittel war sogar mehr als sechs Wochen zu Hause“, so Claudine Kirsch.  

Aus der Studie geht auch hervor, dass die Kinder das Lernen in der Schule dem Lernen zu Hause vorziehen. 55 Prozent der Kleinen sagten, dass sie in der Schule besser lernen könnten als zu Hause, von den Großen sagten das 96 Prozent. Immerhin 46 Prozent der Älteren sagten, dass sie Angst vor Lerndefiziten haben. 


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Handlungsempfehlungen für die Politik

Aus ihren Erkenntnissen leiten die Wissenschaftler eine Reihe von Handlungsempfehlungen für die Politik ab. Ziel sei es, so Isabelle Hauffels von der Unicef, die Resilienz der Kinder zu stärken. Auf jeden Fall müsse dafür gesorgt werden, dass die Schulen geöffnet bleiben. Zudem sollten sozio-emotionale Lernmodule ausgearbeitet und umgesetzt werden, um die kognitiven und emotionalen Fähigkeiten der Kinder zu fördern. 

In Bezug auf die Hausaufgaben sollten das Volumen und der Schwierigkeitsgrad an die Kinder angepasst werden und der Zugang zu Vereinsaktivitäten sollte gefördert werden, um dem Trend der passiven Aktivität entgegenzuwirken. Ferner brauche es Programme zur Stärkung der Eltern sowie Hilfs- und Beratungsstellen für Kinder und Jugendliche.

Teil 3 der Covidkids-Studie untersucht aktuell das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen in Heimen und Pflegefamilien. Die Studie wird finanziell unterstützt von der Oeuvre nationale de secours Grande-Duchesse Charlotte.

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