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Wie im Gefängnis: "Senioren fühlen sich eingesperrt"
Politik 4 Min. 16.06.2020 Aus unserem online-Archiv

Wie im Gefängnis: "Senioren fühlen sich eingesperrt"

Viele Bewohner von Alten- und Pflegeeinrichtungen leiden unter der sozialen Isolierung und der Trennung von ihren Liebsten.

Wie im Gefängnis: "Senioren fühlen sich eingesperrt"

Viele Bewohner von Alten- und Pflegeeinrichtungen leiden unter der sozialen Isolierung und der Trennung von ihren Liebsten.
Foto: Getty Images
Politik 4 Min. 16.06.2020 Aus unserem online-Archiv

Wie im Gefängnis: "Senioren fühlen sich eingesperrt"

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Während die Menschen sich wieder fast normal bewegen können, gelten für Bewohner von Alten- und Pflegeheimen weiterhin strengere Sicherheitsregeln. Am Dienstag befasste sich das Parlament mit dem Thema.

Das gesellschaftliche Leben hat wieder an Fahrt aufgenommen. Die Menschen freuen sich über die Lockerungen und das fast normale Leben. Für Menschen, die in einem Alten- oder Pflegeheim leben, stellt sich die Situation anders dar. „Das Déconfinement ist in den Alten- und Pflegeheimen noch nicht angekommen“, sagte Marc Baum (Déi Lénk) am Dienstag im Rahmen einer von der CSV beantragten Aktualitätsstunde im Parlament. 


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Ältere und Pflegebedürftige in diesen Strukturen leiden unter Vereinsamung, weil sie über Wochen keinen Besuch empfangen konnten und auch jetzt nur eingeschränkt Besuch empfangen oder nach draußen gehen dürfen. In ihrer Verzweiflung haben Betroffene und Angehörige unzählige Briefe und E-Mails an Politiker jeder Couleur geschickt, in denen sie ihren Fall schildern. Sie bitten um Hilfe, Einsehen und mehr Menschlichkeit im Umgang mit Alten und Pflegebedürftigen, die zwar von einer Infektion verschont geblieben sind, dafür aber andere, vor allem psychische Schäden davongetragen haben. 

„Die Menschen fühlen sich eingesperrt, sitzen in ihren Zimmern, können nichts machen. Ihre einzigen Kontakte sind die Pflegekräfte“, beschrieb Marc Spautz (CSV) die Situation der Betroffenen. 

Weder er, noch die anderen Redner stellten den Lockdown infrage. Bemängelt wurde einzig, dass für die Bewohner von Strukturen nicht dieselben Lockerungen gelten wie für den Rest der Gesellschaft. Zwar hat das Familienministerium Empfehlungen an die Betreiber der Strukturen weitergeleitet. Schlussendlich aber sind es die Betreiber, die über die Regeln in ihren Einrichtungen entscheiden, und die sind von Struktur zu Struktur unterschiedlich. 

Die ungleiche Behandlung betrifft auch Behinderte, die berichten, dass ihnen trotz Lockerung und obwohl sie nicht einer Risikogruppe angehören weiterhin untersagt ist, die Einrichtung zu verlassen. 

Schwache Führung des Familienministeriums

Marc Spautz sieht den Fehler bei Familienministerin Corinne Cahen (DP), die den Lead hätte übernehmen müssen, statt jede Struktur selbst entscheiden zu lassen. Beispiele, wie man es hätte anders machen müssen, liefere das Ausland. In Teilen Deutschlands beispielsweise habe die Landesregierung vorgegeben, dass ab dem Moment der Lockerung jeder Bewohner pro Tag Besuch von einem Angehörigen bekommen dürfe. Es sei dann Aufgabe der Strukturen gewesen, die entsprechenden Schutz- und Hygienepläne aufzustellen und einzureichen, so der CSV-Sprecher. 

Er forderte, aus den Fehlern zu lernen und beim Gesetz über die Qualität der Betreuung in den Heimen, das die Ministerin kurz vor der Covid-Krise vorgestellt hat, nachzubessern. „Wir müssen Regeln schaffen, die verhindern, dass sich Situationen mit älteren Menschen wie diese wiederholen.“ 

Max Hahn (DP) hob den Zwiespalt hervor, in dem sich die Betreiber befinden. Es sei nicht immer einfach, ein gesundes Gleichgewicht zu finden zwischen Risikobeschränkung einerseits und Öffnung andererseits, meinte der liberale Sprecher. 

Die Angst vor einer tödlichen Infektionswelle in den Strukturen war groß. Es gab keine andere Option, als alles zuzumachen, sagte Simone Asselborn-Bintz (LSAP) sinngemäß. Sie verteidigte die Strategie der Regierung, forderte Familienministerin Cahen aber auf, Richtlinien für alle Strukturen auszuarbeiten, um für Klarheit in Bezug auf geltende Regeln zu sorgen. Djuna Bernard (Déi Gréng) sah Verbesserungsbedarf, was die Kommunikation der Einrichtungen mit den Bewohnern und den Angehörigen betrifft. 

Ombudsman für Senioren 

Fernand Kartheiser (ADR) forderte einen respektvolleren und würdevolleren Umgang mit älteren Menschen. Diesbezüglich habe die Regierung eine schwache Figur gemacht. „Der Staat hätte besser begleiten und bessere Vorgaben machen können, um das Wohl der Menschen stärker in den Fokus der politischen Überlegungen zu stellen“, so Kartheiser. 

Die ältere Bevölkerung sei in der Gesellschaft institutionell unterrepräsentiert, meinte Kartheiser und fordert in diesem Zusammenhang die Schaffung einer Struktur nach dem Vorbild des Ombudsman, die älteren Menschen bei Problemen jeder Art hilft. 

Auch Marc Baum (Déi Lénk) teilte die Ansicht, dass die Familienministerin eine aktivere Rolle im Déconfinement hätte übernehmen müssen. Er warf ihr vor, sich hinter der Verantwortung der Santé beziehungsweise der Betreiber zu verstecken. „Spätestens jetzt muss die Familienministerin reagieren“, so Baum. 

Familienministerin Corinne Cahen (DP) verteidigte die Vorgehensweise der Regierung und der Strukturen, "die nach wie vor eine große Angst vor dem Virus haben". Sie räumte aber auch ein, dass aus Angst manches zu streng gehandhabt worden sei, wie die Kumulierung von Sicherheitsmaßnahmen aus Mund- und Nasenschutz, Sicherheitsabstand und Plexiglaswänden. Es sei auch nicht in Ordnung, wenn Aufpasser sich in unmittelbarer Nähe aufhalten und die Angehörigen keine Privatsphäre haben, so Cahen sinngemäß.

Es ist an der Zeit, weiter zu öffnen, aber mit Vorsicht“, meinte Cahen weiter. Sie mahnte zu Geduld und bat um Verständnis für das langsamere Öffnen der Strukturen, stellte aber mit Blick auf das Ende des Etat de crise neue Empfehlungen in Aussicht. 

Da noch nicht alle Aktivitäten mit Älteren oder Behinderten wieder aufgenommen wurden, werde die Regierung am Donnerstag noch einmal über die Möglichkeit beraten, den Congé pour soutien familial zu verlängern.

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