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Widerstand gegen Reform der Krankenpflegerausbildung
Politik 10 5 Min. 01.06.2021

Widerstand gegen Reform der Krankenpflegerausbildung

Die Protestler forderten am Dienstag, dass die geplante Reform auf Eis und mit den Akteuren aus dem Gesundheitssektor neu verhandelt wird.

Widerstand gegen Reform der Krankenpflegerausbildung

Die Protestler forderten am Dienstag, dass die geplante Reform auf Eis und mit den Akteuren aus dem Gesundheitssektor neu verhandelt wird.
Foto: Guy Jallay
Politik 10 5 Min. 01.06.2021

Widerstand gegen Reform der Krankenpflegerausbildung

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Am Dienstag fanden eine öffentliche Anhörung im Cercle Cité und eine Protestkundgebung gegen die geplante Reform der Krankenpflegerausbildung statt.

Gut 350 Protestierende hatten sich am Dienstag auf dem hauptstädtischen Knuedler eingefunden, um sich gegen die geplante Reform der Krankenpflegerausbildung zur Wehr zu setzen. Acht Berufsverbände aus dem Gesundheitssektor hatten zu der Kundgebung aufgerufen und wurden von den Gewerkschaften OGBL und LCGB, der Studentenunion Unel und der Patientevertriedung unterstützt. 


Im Gesundheitssektor hat sich eine breite Front gegen die geplante Krankenpflegerausbildung gebildet. Acht Berufsverbände fordern, dass die Reform neu aufgerollt und mit ihnen zusammen ausgearbeitet wird.
Massive Mobilisierung gegen Reform der Krankenpflegerausbildung
Ein Dutzend Organisationen haben am Dienstag zum Protest gegen die Reform der Krankenpflegerausbildung aufgerufen.

Die Protestaktion stand im Zusammenhang mit der öffentlichen Anhörung zur Petition 1811, die um 16 Uhr im „Cercle Cité“ stattfand. Théo Duhamel hatte die Petition lanciert. Der Student am „Lycée technique pour professions de santé“ (LTPS) absolviert gerade seine Ausbildung zum Krankenpfleger und fordert, dass die aktuelle BTS-Ausbildung zugunsten einer einzigen Bachelorausbildung abgeschafft wird. 

Nun sieht die Reform tatsächlich eine Krankenpflegerausbildung auf Bachelor-Niveau vor. An sich also eine gute Sache, weil es der Forderung aus dem Gesundheitssektor entspricht. Allerdings soll die bisherige BTS-Ausbildung („Brevet de technicien supérieur“) am LTPS fortgeführt werden. Hinzu kommt eine dritte Ausbildung, die sich „Infirmier plus“ nennt. 

„Gebastels à la luxembourgeoise“

Für die Berufsverbände ist das „Gebastels“, inkohärent und nicht durchdacht. Drei verschiedene Ausbildungen mit unterschiedlichen Kompetenzzuschreibungen führe zu Ausbildungs- und Orientierungschaos, ist Gilles Evrard, Vorsitzender der „Association luxembourgeoise des enseignants pour professions de santé“ (Aleps) überzeugt – vom Fachpersonal, das fehle, um die parallel laufenden Ausbildungen sicherzustellen, ganz zu schweigen. „Man sieht, dass die Reform von Menschen ausgearbeitet wurde, die keine Praxiserfahrung haben“, sagt er. 

Dabei haben die Berufsverbände mit der Regierung über ihre Reformideen gesprochen und von Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP) sogar Unterstützung zugesagt bekommen. Das sagt zumindest Gilles Evrard. Doch auch die Aussagen der Vertreter der Krankenpflegervereinigung (Anil) gehen in diese Richtung. Die Anil hatte Gespräche mit mehreren Regierungsvertretern, sogar Premierminister Xavier Bettel (DP) war dabei. Über das nun vorliegende Modell war die Anil überrascht und enttäuscht, „weil es Elemente enthält, von denen wir von vorneherein gesagt haben, dass sie in der Praxis schwer umsetzbar sein werden“, so die Vorsitzende der Anil, Anne-Marie Hanff. „Uns wurde wieder einmal nicht zugehört.“ 

Die Berufsverbände befürchten das totale Durcheinander. Auch der OGBL spricht von einer Chaos-Reform. „Wenn wir drei verschiedene Ausbildungswege mit verschiedenen Kompetenzzuschreibungen haben, weiß in der Praxis niemand, wer was machen darf“, sagt Céline Conter vom LCGB. Seit 2017 habe der OGBL mit den Berufsverbänden an einer Reform gearbeitet, „die sich in keiner Form in dem nun vorliegenden Modell widerspiegelt“, sagt Pit Bach vom OGBL. Das Projekt müsse vom Tisch und die Regierung im Sozialdialog mit den Akteuren ein neues und kohärentes Modell ausarbeiten, so der OGBL-Vertreter. 


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Dazu wird es aber nicht kommen. Das wurde gestern zum Schluss der öffentlichen Anhörung klar, als die beiden Minister Paulette Lenert (Gesundheit, LSAP) und Claude Meisch (Hochschule, DP) zu dem Anliegen und der Diskussion über die Petition Stellung bezogen. Nichts konnte sie überzeugen. Weder der Druck auf der Straße, noch die Argumente derjenigen, die sich für die Abschaffung des BTS starkmachten. 

Auf den ersten Blick könnte man sagen: Ist nicht weiter tragisch. Die BTS-Ausbildung wird – wie angekündigt – bis 2028 weiter angeboten. Anschließend werden die beiden Ausbildungswege evaluiert und der BTS gegebenenfalls abgeschafft. Das Argument der Regierung: Nicht jeder ist bereit oder in der Lage, einen Bachelor zu machen. Schafft man den BTS ab, riskiert man, weniger junge Menschen auszubilden und das könne man sich angesichts des hohen Bedarfs an Krankenpflegern nicht leisten, so Claude Meisch. 

96 Prozent wollen den Bachelor 

Théo Duhamel sieht das anders. Er hat bei den Schülern am LTPS eine Umfrage durchgeführt. Über 96 Prozent hätten geantwortet, dass sie einen Bachelor einem BTS vorgezogen hätten, wenn es diese Möglichkeit gegeben hätte. 

Klar stellt sich die Frage, was tun mit Schülern, die in der Pflege arbeiten wollen, aber den Bachelor nicht schaffen? Die Berufsverbände haben dazu ein Stufenmodell ausgearbeitet, das einen Pflegeberuf auf allen Ebenen des Schulsystems vorsieht und bei dem die Ausbildungen aufeinander aufbauen, sodass die Möglichkeit besteht, sich von ganz unten bis zum Master weiterzubilden, wie Gilles Evrard im Plenum erklärte. Diese Kohärenz fehlt den Berufsverbänden in der Reform. 

Paulette Lenert beschränkte sich in ihrer Stellungnahme auf generelle Aussagen zu den Arbeiten im Rahmen des Gesundheitstisches und zum Ziel, alle Gesundheitsberufe zu modernisieren und die Ausbildungen entsprechend anzupassen. Was die Krankenpflegerausbildung und die während der Debatte aufgeworfenen Punkte betraf, hielt sie sich zurück und überließ Claude Meisch dieses Feld. 

Der ließ keinen Zweifel daran, dass er an der BTS-Ausbildung festhalten wird, obgleich in den Gesprächen mit der Anil mehrere Regierungsmitglieder sich für ein Auslaufen des BTS ausgesprochen haben sollen, wie Marie-France Liefgen von der Anil eine Woche nach Ankündigung der Reform gegenüber dem „Luxemburger Wort“ gemeint hatte. 

An Meischs Haltung änderte auch der am Dienstag veröffentlichte Meinungsbeitrag von zwei LSAP-Vertreterinnen Lisa Kersch, Tochter von Vizepremier Dan Kersch (LSAP), und Tina Koch – nichts. Sie hatten sich auf die Seite der protestierenden Organisationen gestellt und werfen Claude Meisch vor, sich vor einer Akademisierung des Pflegeberufs zu drücken. Dass LSAP-Ministerin Paulette Lenert die Reform mitträgt, findet in dem Beitrag allerdings keine Erwähnung

Die CSV unterstützt indes die Protestler. „Es wurde über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden“, betont die Co-Fraktionsvorsitzende, Martine Hansen. „Die Regierungsvertreter haben am Dienstag unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass weder die 4.891 Unterschriften der Petition noch die anschließende öffentliche Debatte einen Einfluss auf ihre Entscheidung haben werden.“ Die Partei der Christsozialen fordere daher eine kohärente und zeitgemäße Reform und sei für die Abschaffung des BTS-Ausbildungsweges zugunsten des Bachelor-Diploms, heißt es in einem Schreiben am Dienstagabend.

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