Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Wenn die Jugend dem Parlament so richtig die Meinung sagt
Politik 5 6 Min. 30.11.2022
17. Jugendkonvent

Wenn die Jugend dem Parlament so richtig die Meinung sagt

Chamberpräsident Fernand Etgen (DP) im Gespräch mit Teilnehmerinnen des 17. Jugendkonvents im Plenarsaal der Chamber.
17. Jugendkonvent

Wenn die Jugend dem Parlament so richtig die Meinung sagt

Chamberpräsident Fernand Etgen (DP) im Gespräch mit Teilnehmerinnen des 17. Jugendkonvents im Plenarsaal der Chamber.
Foto: Gerry Huberty
Politik 5 6 Min. 30.11.2022
17. Jugendkonvent

Wenn die Jugend dem Parlament so richtig die Meinung sagt

Florian JAVEL
Florian JAVEL
Beim Jugendkonvent treffen jedes Jahr Politik und Jugendliche aufeinander. Dabei fordert die Jugend mit klaren und ehrlichen Worten ihr Mitspracherecht ein.

„Wir haben nur noch zwei Stunden, um unsere Forderungen festzulegen. Die Zeit läuft uns davon. Die Chance, der Politik unsere Meinung zu sagen, kriegen wir nur einmal im Jahr“, teilt ein Teilnehmer des Workshops „Inclusion - Une société pour nous tous!“ seiner Arbeitsgruppe mit. Im prunkvollen Plenarsaal des Parlaments auf dem Boden hockend, stimmen die anderen Gruppenmitglieder mit einem schlichten Kopfnicken zu. 

Doch für einen kurzen Moment herrscht Stille. Denn je mehr über das Thema Inklusion diskutiert wird, desto komplexer erscheint die Welt, entsteht für die Jugendlichen der Eindruck. Die Zuversicht, einfache und kurze Antworten auf komplexe langfristige Probleme zu finden, schwindet einfach so dahin. Doch die Zeit drängt. Die Jugendlichen wollen am Nachmittag noch vor Regierungsvertretern und Abgeordneten ihr politisches Mitspracherecht einfordern. Und zeigen, dass auch die Politik von der Jugend noch viel lernen kann. 


Politik, bilan de la seesion parlementaire, 2020-2021, Fernand Etgen  Foto: Luxemburger Wort/Anouk Antony
„Ein Jahr der Rekorde“
Die Parlamentssession 2020 - 2021 stand zwar unter dem Einfluss der Pandemie. Doch selten haben die Abgeordneten so viel gearbeitet.

„Es ist schwer, Lösungen auf politische Probleme zu finden. Wir wissen nichts über Politik. Wenn man sich aber zusammensetzt und darüber spricht, dann kriegt man es schon hin“, kommentiert Lena am Ende der Veranstaltung hoffnungsvoll ihre erste Auseinandersetzung mit Politik. Die Schülerin hat wie 74 andere Jugendliche aus 19 verschiedenen Gymnasien im Land einen langen Tag hinter sich. Der 17. Jugendkonvent, vom Jugendrot organisiert, ist gerade zu Ende gegangen. 

In vier verschiedenen Workshops zu den Themen, „Demokratie in der Schule“, „Wahlrecht ab 16“, „Inklusion“ und „Medien (Des)information“ durften Jugendliche im Alter zwischen 13 und 30 Jahren jeweils drei Forderungen formulieren. Diese durften sie schließlich am Nachmittag im Plenarsaal vor Abgeordneten und Regierungsvertretern präsentieren. Und debattieren. Denn, wie es Parlamentspräsident Fernand Etgen (DP) vor den Jugendlichen formulierte, „darf die Politik nicht über die Köpfe der Menschen hinweg entscheiden“.  

Wahlrecht ab 16 darf kein Tabu mehr sein

Wir haben das Recht zu arbeiten und Steuern zu zahlen, wenn wir 17 sind, dürfen aber politisch nicht mitbestimmen.

Eine Teilnehmerin des Konvents

Doch was halten die 74 Jugendlichen von der Aussage? Entscheidet die Politik über die Köpfe der Jugend hinweg? „Wir haben das Recht zu arbeiten und Steuern zu zahlen, wenn wir 17 sind, dürfen aber politisch nicht mitbestimmen“, moniert eine Teilnehmerin des Workshops „Wahlrecht ab 16“.

Wählen geht nur ab 18. Doch warum, fragen sich andere Mitredner in der Gruppe. „Die Politik denkt, es würde ihr schaden“, sagt ein Jugendlicher in die Runde. „Die Jugend würde das Wahlresultat stark beeinflussen“, stimmt eine andere Teilnehmerin zu. Die Frage lässt sich nicht genau beantworten. Übrig bleibt im Raum die Unsicherheit, warum 16- und 17-Jährige nicht geeignet sein sollen, um politisch mitzubestimmen.


Vor der Präsidentin des Jugendparlaments Iness Chakir bezeichnete Fernand Etgen (DP) die Jugendorganisation als "kleine Schwester der Abgeordnetenkammer".
Was die Jugend der Politik zu sagen hat
Abgeordnete der Chamber reagieren auf die Beschlüsse des Jugendparlaments zu den Themen Inflation, Bildung und Überschwemmungen.

Unter den Jugendlichen herrscht aber ein Konsens: Das Wahlrecht ab 16 darf kein Tabuthema mehr sein: „Alter definiert nicht die Reife eines Menschen“, „Andere Erwachsene nehmen ihr Wahlrecht nicht mal wahr“, „Mache 16-Jährige sind reifer als 20-Jährige“ - so lauten die Überlegungen der Arbeitsgruppe. 

Der Plenarsaal der Chamber wurde für den Jugendkonvent in ein Klassenzimmer umgewandelt: Whiteboards, Sticker, Sitzkreise – an die übliche Sitzordnung im Plenarsaal mussten sich die Jugendlichen nicht halten.
Der Plenarsaal der Chamber wurde für den Jugendkonvent in ein Klassenzimmer umgewandelt: Whiteboards, Sticker, Sitzkreise – an die übliche Sitzordnung im Plenarsaal mussten sich die Jugendlichen nicht halten.
Foto: Gerry Huberty

„Über unsere Rechte klärt uns aber niemand auf“

Im Raum neben der Arbeitsgruppe zum Wahlrecht ab 16 drücken Jugendliche ihre Enttäuschung über den Demokratiemangel in der Schule aus. „An unserem ersten Schultag müssen wir ein Blatt unterschreiben, auf dem steht, was alles nicht erlaubt ist. Über unsere Rechte klärt uns aber niemand auf“, bemängelt Carolina in ihrer Gruppe. Es sei schwer, einen konstruktiven Dialog auf Augenhöhe mit Lehrern und Direktoren zu führen, fährt die Jugendliche fort. „Beispielsweise gibt es zwischen Düdelingen und Käerjeng keinen Schulbus. Das ist für manche von uns ein Problem. Wir haben mit der Direktorin gesprochen, sie ignoriert uns aber immer wieder.“

An unserem ersten Schultag müssen wir ein Blatt unterschreiben, auf dem steht, was alles nicht erlaubt ist. Über unsere Rechte klärt uns aber niemand auf.

Ein Teilnehmer des Konvents

In den Workshops können die Jugendlichen unter sich frei reden und Verständnis für diese konkreten Probleme des jeweils anderen entwickeln. Sie lernen, dass der politische Diskurs nicht nur Reden voraussetzt, sondern auch die Fähigkeit zuzuhören. Mit Geduld und Einfühlsamkeit. Ein Modell, das beim Jugendkonvent nicht immer die Regel war, verrät eine Organisatorin vom Jugendrot: „Vorher waren die Abgeordneten am Vormittag an den Workshops beteiligt. Sie nahmen im Diskurs aber zu viel Platz ein, weswegen sich das Konzept geändert hat.“ Den Dialog mit den Jugendlichen konnten die Abgeordneten allerdings während der Plenarsitzung suchen. 

Demokratie in der Schule: eine Selbstverständlichkeit oder ein Fremdwort?
Demokratie in der Schule: eine Selbstverständlichkeit oder ein Fremdwort?
Foto: Gerry Huberty

Demokratie im Alltag ist nicht nur Sache des Parlaments

Den Plenarsaal des Parlaments hätte man zweimal füllen können, stellt Marvin Caldarella vom Jugendrot am Nachmittag vor den Teilnehmern des Jugendkonvents, den anwesenden Abgeordneten und Regierungsvertretern fest. Ein Erfolg nach den Strapazen der Pandemie in den letzten Jahren. 

Während der Plenarsitzung standen nun die Forderungen der Jugendlichen im Mittelpunkt der Debatte. Diskussionen, während denen die Teilnehmer nicht davor zurückscheuten, der Politik die Meinung zu sagen. Eine Forderung zum Thema Demokratie in der Schule traf besonders auf Widerstand bei den Abgeordneten und dem Bildungsminister Claude Meisch (DP): ein objektiver und konstruktiver Fragebogen, um Lehrende am Ende des Schuljahres zu bewerten. „Das wird Schwierigkeiten geben. Ihr müsst akzeptieren, dass es im Bildungssystem auch andere Partner gibt, die entscheiden. Nicht nur die Schüler“, kommentiert Minister Meisch die Maßnahme. 


Jugendparlamentarier beim Empfang in der Abgeordnetenkammer am 10. Juli 2015.
Jung und resolut
Kurz vor der Sommerpause lud die Abgeordnetenkammer am Freitag Vertreter des Jugendparlaments zum Ideenaustausch ein. Ideen gab es reichlich, nur die Zeit war knapp.

Hinter dem Fragebogen versteckt sich jedoch ein Aufruf: Auch Lehrer müssen einen konstruktiven Dialog mit ihren Schülern pflegen und ihnen Mitspracherecht bei der Kursplanung gewähren. Demokratie ist nicht nur Sache des Parlaments, sondern muss im Alltag in der Gemeinschaft gelebt werden.

Kartheiser mit Aufreger: „Zwei Frauen können nicht alle zwei zusammen Mutter sein“

Eine Intervention eines Abgeordneten zum Thema Inklusion und der Forderung nach mehr inklusiven Maßnahmen für Transgender-Personen, sorgte im Plenarsaal für Aufregung: „Wir sind hier nicht mehr im Bereich der Biologie oder der Wissenschaft, sondern der Fiktion. Zwei Frauen können nicht alle zwei zusammen Mutter sein. Jedes Kind hat einen Vater und eine Mutter“, forderte Fernand Kartheiser (ADR) den Plenarsaal heraus, nachdem Justizministerin Sam Tanson (Déi Gréng) sich noch davor der Forderung der Arbeitsgruppe gegenüber positiv geäußert hatte. 


IPO.,Verfassungsreform-Justice,Chambre des Deputees.Rapporteurs,Charles Margue,Leon Gloden,Fernand Etgen,Mars Di Bartolomeo,Simone Beissel,Foto: Gerry Huberty
Parlament lanciert Informationskampagne
Ende Oktober stimmt das Parlament über das Justizkapitel der reformierten Verfassung ab. Im Vorfeld werden die Bürger über die wichtigsten Neuerungen informiert.

Während der Intervention des ADR-Abgeordneten hob die Mehrheit der Jugendlichen die Hand, um zu den Aussagen Kartheisers Stellung zu nehmen. „Die Rolle eines Vaters definiert sich nicht durch das Geschlecht, sondern durch seine Präsenz und seine Unterstützung. Mein Vater ist der komplette Gegensatz. Er hat mir mit Mord gedroht, als ich mich zu meiner Homosexualität bekannt habe“, teilt ein Jugendlicher seine persönlichen Erfahrungen mit dem Plenum. Dass ein „alter, weißer cis-heteronormativer Mann“ dem Inklusionswillen der Jugend wenig Verständnis zeige, sei nicht zu akzeptieren, so der Teilnehmer.  

Ein Politiker, der das Volk vertritt, der sich so äußert ... Wir leben nicht mehr im 18. Jahrhundert.

Lena, eine Teilnehmerin des Konvents

Gegen Ende der Veranstaltung vor dem Parlament zeigt sich eine Teilnehmerin, Lena, empört über die Wort Kartheisers: „Ich habe sogar den Raum verlassen. Ein Politiker, der das Volk vertritt, der sich so äußert … Wir leben nicht mehr im 18. Jahrhundert.“ 

Ungewollt hat Fernand Kartheiser der Jugend beim 17. Jugendkonvent einen Denkanstoß mit auf den Weg gegeben: Werte müssen tagtäglich hochgehalten werden. Doch das wissen die Jugendlichen bereits. Mit ihren ehrlichen und direkten Interventionen haben sie am letzten Freitag der Politik bewiesen: Die Jugend hat ihr politisches Mitspracherecht verdient, denn sie lebt Demokratie - und kennt ihre Werte. 

Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter und Instagram und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Yuriko Backes erläutert ihr Budget
Der Etatentwurf für 2023 zeichnet sich durch hohe Investitionen und Sozialausgaben aus. Aber auch Defizit und Verschuldung wachsen.
Pol, Budget 2023, Yuriko Backes, Fernand Etgen, André Bauler, Max Hahn, Foto: Chris Karaba/Luxemburger Wort
Kandidatur bei den Wahlen 2023
Mathis Godefroid, der Präsident des Jugendrats CGJL, hat seine Demission eingereicht. Er will bei den Wahlen 2023 für die Piraten kandidieren.
Mathis Godefroid, 22 anos, presidente do Conselho Nacional de Juventude do Luxemburgo representa cerca de 100 mil jovens.
Das Luxemburger Jugendparlament, das dieses Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiert, stellte am Freitag in der Kammer seine Lösungsvorschläge für die Problemfelder der Gesellschaft vor. Die Punkte hatten sie im Vorfeld in den verschiedenen Kommissionen diskutiert.
Pk Chamber Jugendparlament,Ben Stemper,Loris Laera,Président,Armin Thon,Moritz Ruhstaller,Armin Vesali.Foto:Gerry Huberty
Luxemburger Jugendparlament
Kurz vor der Sommerpause lud die Abgeordnetenkammer am Freitag Vertreter des Jugendparlaments zum Ideenaustausch ein. Ideen gab es reichlich, nur die Zeit war knapp.
Jugendparlamentarier beim Empfang in der Abgeordnetenkammer am 10. Juli 2015.