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Weltfrauentag: Streitpunkt Frauenquote
Politik 1 3 Min. 08.03.2015 Aus unserem online-Archiv

Weltfrauentag: Streitpunkt Frauenquote

Politik 1 3 Min. 08.03.2015 Aus unserem online-Archiv

Weltfrauentag: Streitpunkt Frauenquote

Vor 100 Jahren hatten Frauen kaum Zugang zu höherer Bildung. Inzwischen haben die Frauen, was die hohen Bildungsabschlüsse angeht, die Männer längst überholt. Dennoch sucht man sie in Führungsgremien oft vergeblich. Warum ist das so? „Das liegt an der Zeitkultur“, sagt der deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx.

(mig) - Frauen in Führungspositionen sind in Luxemburg immer noch „Mangelware“. In den Aufsichtsräten von öffentlichen Einrichtungen und von Unternehmen mit staatlicher Beteiligung liegt der Frauenanteil bei gerade einmal 20 Prozent. In börsennotierten Unternehmen liegt der Anteil sogar nur bei zehn oder elf Prozent.

Woran liegt das? „An der Zeitkultur“, sagte der deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx anlässlich seines Besuches in Luxemburg Ende November. „In unserem Kulturkreis ist Karriere immer an extreme Zeitaufwände gebunden. Erfahrungsgemäß haben Karrierefrauen keine Kinder und sie verlieren ihre Freundeskreise“, so seine Beobachtung. Viele Frauen seien nicht bereit, diesen Preis zu zahlen.

Dass es auch anders gehen kann, beweisen die skandinavischen Länder. Dort gilt eine Führungskraft, die länger als acht Stunden arbeitet, als leistungsschwach, als jemand, der seinen Job nicht im Griff oder womöglich Familienprobleme hat. Horx zufolge nützt die ganze emanzipatorische Aufgeregtheit wenig, wenn man nicht die Zeitkultur ändert. Doch damit es zu einer Diskussion über eine neue Zeitkultur kommt, muss eine kritische Masse an Frauen in Führungsetagen entstehen, „mit den Männern allein wird das nichts“, so Horx' Fazit.

Die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, den Anteil an Frauen in der Politik und in der Wirtschaft anzuheben. „Es sind genügend Frauen da“, sagt Chancengleichheitsministerin Lydia Mutsch, die das Argument des Frauenmangels nicht mehr ertragen kann. Zum Beweis will die Regierung im April eine Datenbank vorstellen, mit über 400 Frauen, die bereit sind, in Aufsichtsräten Verantwortung zu übernehmen.

2019 sollen 40 Prozent der Aufsichtsratsposten in öffentlichen Einrichtungen (établissements publics) und in Unternehmen mit staatlicher Beteiligung mit Frauen besetzt sein. Die Regierung setzt dabei wie bisher auf das freiwillige Engagement der Unternehmen, verlangt aber verbindliche Zielvorgaben. Um die Betriebe zu unterstützen, setzt die Regierung neben der Datenbank auch auf eine Verstärkung der "Actions positives" und appelliert an die Verbände und Berufskammern, mehr Frauen für Spitzenposten vorzuschlagen.

Dass die Entwicklung trotz genügend verfügbarer Frauen nur schleppend vorankommt, hat nach Ansicht der Ministerin vielschichtige Gründe. Sie spricht von historisch gewachsenen Verhältnissen, die so leicht nicht aus der Welt zu schaffen sind, eben so wenig wie die sich hartnäckig haltende öffentliche Meinung, Frauen seien für Spitzenämter weniger geeignet als Männer.

Es könnte aber auch mit dem weiblichen Wesen zusammenhängen, meint Mutsch. „Frauen sind zögerlicher, trauen sich weniger zu, stellen sich mehr in Frage als Männer.“ Hinzu komme, dass Macht und Geld als Anreiz nicht reichen. „Frauen wollen den praktischen Nährwert ihres Beitrags erkennen. Ihnen ist wichtig, dass sie tatsächlich etwas bewirken können.“

DP lehnt Frauenquote in geplanter Form ab

Gestern verabschiedete der Deutsche Bundestag ein Gesetz, das eine Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichtsräten von börsennotierten Unternehmen vorschreibt. In Luxemburg steht die gesetzliche Frauenquote auch auf dem Programm, allerdings nur in der Politik. Die Regelung sieht ein Geschlechterquorum von mindestens 40 Prozent auf den nationalen und den Europa-Wahllisten vor. Hält eine Partei sich nicht an die Quote, drohen finanzielle Sanktionen.

Das stößt nicht bei jeder Regierungspartei auf positive Resonanz. Die DP hält das Ziel an sich für erstrebenswert, aber nicht um jeden Preis. Finanzielle Sanktionen lehnen die Liberalen ab. „Hier muss unbedingt nachgebessert werden“, sagt DP-Generalsekretär Gilles Baum.

Auch die CSV tut sich schwer mit einer gesetzlichen Frauenquote. Sie setzt lieber auf Selbstverpflichtung. „Jede Partei sollte erst einmal ihre Hausaufgaben machen und ihre selbst gesteckten Ziele aus eigener Anstrengung erreichen“, findet CSV-Generalsekretär Laurent Zeimet. Bei der CSV liegt diese momentan bei 30 Prozent, bei den Grünen bei 50 und auch Déi Lénk geben sich redlich Mühe bei der Aufstellung paritätischer Wahllisten.

Die ADR lehnt eine gesetzliche Quotenregelung rigoros ab und zieht es vor, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Einzig die LSAP, Déi Gréng und Déi Lénk sehen in der Geschlechterquote eine geeignete Maßnahme, um paritätische Verhältnisse in der Politik zu schaffen. Den Linken geht die Regelung sogar nicht weit genug. Ihnen wäre eine 50/50-Regelung lieber.

Die Geschlechterquote soll 2015/16 in Kraft sein, damit den Parteien genügend Zeit bleibt, sich für die nächsten Wahlen darauf einzustellen. Die Kommunalwahlen sind von der gesetzlichen Geschlechterquote ausgenommen, dennoch geht der Appell an die Parteien, die Quote möglichst zu berücksichtigen. 



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