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Weitere Bausteine für Medizinerausbildung in Luxemburg
Politik 4 Min. 21.07.2020 Aus unserem online-Archiv

Weitere Bausteine für Medizinerausbildung in Luxemburg

Weltweiter Ärztemangel: Länder sollen mehr selber ausbilden, fordert die Weltgesundheitsbehörde.

Weitere Bausteine für Medizinerausbildung in Luxemburg

Weltweiter Ärztemangel: Länder sollen mehr selber ausbilden, fordert die Weltgesundheitsbehörde.
Foto: Shutterstock
Politik 4 Min. 21.07.2020 Aus unserem online-Archiv

Weitere Bausteine für Medizinerausbildung in Luxemburg

Annette WELSCH
Annette WELSCH
Eine Bachelorausbildung in Medizin und Facharztausbildungen für Onkologen und Neurologen: Parlament verabschiedet Ausweitung der Medizinerausbildung.

Bislang können Studenten, die sich für ein Medizinstudium interessieren, ein Jahr in Luxemburg an der Uni.lu absolvieren. Dann müssen sie den dreijährigen Bachelor im Ausland beenden und auch den dreijährigen Master dort absolvieren. Und dann schließt sich noch die Facharztausbildung an: Drei Jahre für die Allgemeinmedizin und fünf bis sieben Jahre für andere Fachrichtungen.

Ab diesem Herbst soll nun die dreijährige Bachelorausbildung in Medizin von der Uni.lu angeboten werden. Medizinstudenten des ersten Jahres Medizin können erstmals ein zweites Jahr absolvieren. Und es soll auch die Facharztausbildung, die die Luxemburger Uni akademisch begleitet, ausgeweitet werden. 

Forschung zu Krebs und neurodegenerativen Krankheiten ist Schwerpunkt

Neben der bestehenden dreijährigen Ausbildung in Allgemeinmedizin sollen Onkologie und Neurologie angeboten werden, nicht zuletzt, weil Krebs und neurodgenerative Krankheiten Forschungsschwerpunkt in Luxemburg sind und so neben der Expertise den Studenten auch der Weg in die Forschung eröffnet wird. 


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Fünf Jahre dauert diese Ausbildung, die auch Möglichkeiten für Auslandssemester an Parter-Universitätskliniken im Ausland beinhaltet. Die jungen Ärzte erhalten eine Vergütung, die von derzeit 3 300 Euro pro Monat auf 4 175 im ersten Jahr gestaffelt bis 5 175 Euro im fünften Jahr steigt und indexiert ist. 

Ihre ausbildenden Ärzte – maître de stage genannt – beteiligen sich mit 250 Euro pro Monat ab dem dritten Ausbildungsjahr daran, 500 sind es im vierten und 750 im fünften Jahr. Sie selber erhalten für ihre Aufsicht des angehenden Facharztes anstatt 200 Euro pro Monat künftig 300. 

Hausarztausbildung bekommt erstmals Gesetz 

Beide Bausteine dieser erweiterten Medizinerausbildung in Luxemburg wurden am Dienstag gesetzlich verankert: Der Medizin-Bachelor durch Zusätze im Universitätsgesetz und die Facharztausbildung mit einem eigenen Gesetz, mit dem nun auch die seit 2004 von der Uni.lu gemeinsam mit ansässigen Fach- und Hausärzten angebotene Ausbildung zum Facharzt in Allgemeinmedizin eine gesetzliche Basis bekommen. Bislang beruhte sie auf einer großherzoglichen Verordnung. 

Seit 2007 erhielten so 115 Allgemeinärzte ihr Master-Diplom, von denen 109 heute noch in Luxemburg praktizieren. Dem drohenden Hausärztemangel konnte so, wie beabsichtigt entgegengewirkt werden. Dennoch: Das Durchschnittsalter der 555 aktiven Hausärzte liegt bei 50,7 Jahren – 331 (68 Prozent) von ihnen könnten zwischen 2019 und 2034 in Rente gehen. 

Neu ist hier, dass an die drei Jahre Ausbildung nun zwei Forschungssemester an einem der luxemburgischen Institute angehängt werden können und dafür ein Doktorat zuerkannt wird.        

Fast einstimmig verabschiedet

Außer bei den Linken, die sich enthielten, fanden die Regelungen allgemein Unterstützung. David Wagner kritisierte, dass das Projekt über das Knie gebrochen wurde und „eine Chance verpasst wurde, etwas Solides zu machen“. Für ihn und auch andere Abgeordnete, wie Carole Hartmann (DP) wäre es besser gewesen, gleich auch die dreijährige Masterausbildung aufzubauen. 

Wir machen aus Kostengründen etwas Halbherziges.

David Wagner

Die komplette medizinische Ausbildung im Rahmen einer Medical school sei  der Regierung zu teuer gewesen. Sie wäre aber die beste Option. „Nun machen wir aus Kostengründen etwas Halbherziges und man muss erst im Ausland die Basisausbildung abschließen, bevor man zurückkommen kann.“  

Der CSV fehlt die Kohärenz

Auch Octavie Modert (CSV) meinte, man sei mit dem Prinzip des Gesetzes einverstanden und es sei eine logische Weiterführung von dem, was in den letzten 15 Jahren aufgebaut wurde, aber: „Grundlegende Fragen sind nicht geklärt, weil alles über das Knie gebrochen wird. Haben wir genug Professoren und Ausbilder an der Uni?“ Sie fragte auch, was ein Jahr Forschung ohne Abschluss bringe, zumal auch die einfache Allgemeinarztausbildung den Doktortitel einbringt? Das sei nicht kohärent. 

Für Francine Closener (LSAP) ist der Ärztemangel schon zu spüren, denn die Wartezeiten für einen Termin seien lang und Hausärzte machten keine Hausbesuche mehr. „Es wird höchste Zeit, dass wir selber ausbilden, so wie die Weltgesundheitsbehörde das auch anmahnt, denn die Früchte ernten wir erst in zehn bis 15 Jahren.“ 

Auch Medizin-Master anbieten

Die Bevölkerung altere und man brauche in den kommenden Jahrzehnten massiv Allgemeinärzte, meinte Marc Hansen (Déi Gréng). Onkologie und Neurologie machen für ihn Sinn. „Es sind zwei Fachrichtungen, wo der künftige Mangel extrem akut ist.“ Aber die drei Jahre nach dem Bachelor fehlten auch ihm. 

„Wir sollten uns Gedanken machen, mit den sechs Jahren bis zum Master anzufangen und kurzfristig auch über weitere Fachrichtungen nachdenken, wie Geriater und Umweltmediziner.“ Ihm ist es durchaus wichtig, dass Allgemeinärzte auch die Möglichkeit bekommen, in der Forschung zu arbeiten.

Auch Sven Clement (Piraten) zeigte sich „froh über den kleinen Schritt in die richtige Richtung“, forderte aber auch, dass die Medizinerausbildung komplett angeboten werden sollte. Forschungsminister Claude Meisch (DP) schloss das  auch nicht aus. 

Die ersten zwei Kohorten abwarten

„Wir haben uns vor Jahren für einen schrittweisen Ausbau der Medizinerausbildung entschieden und ich verschließe mich der Diskussion nicht.“ Weder der Diskussion über die Ausweitung auf den Medizin-Master noch in Zukunft die ein oder andere Fachrichtung dazu zu nehmen. Man müsse aber nun die erste und zweite Kohorte abwarten und könne in Richtung Master gehen, „wenn wir evaluiert haben und wenn wir die Qualität absichern können. Die muss ganz hoch sein.“ 

Wir müssen bei allem Enthusiasmus aufpassen, dass wir den privilegierten Zugang zu ausländischen Universitäten nicht verspielen.

Claude Meisch

Man müsse bei allem Enthusiasmus aber auch aufpassen, dass der privilegierte Zugang zu ausländischen Universitäten nicht verspielt werde. „Derzeit ist unser Argument, Plätze dort zu erhalten das, dass wir selber nicht ausbilden.“ Luxemburg müsse nicht jeden Arzt selber ausbilden, sondern sollte Studenten auch ermutigen, ins Ausland zu gehen. 

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