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Weichenstellung
Leitartikel Politik 2 Min. 15.12.2014

Weichenstellung

Leitartikel Politik 2 Min. 15.12.2014

Weichenstellung

Pierre LEYERS
Pierre LEYERS
Der Weg in die Zukunft ist wie eine Fahrt im Schnellzug. Meistens geht es geradeaus, manchmal aber gibt es Weichen, die in eine neue Richtung führen.

Der Weg in die Zukunft ist wie eine Fahrt im Schnellzug. Meistens geht es geradeaus, manchmal aber gibt es Weichen, die in eine neue Richtung führen. Bei der Energieversorgung – deren Nachhaltigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit zu den vorrangigen strategischen Zielen der Europäischen Union gehört – gab es in letzter Zeit zwei wesentliche Weichenstellungen, wobei die eine auf eine technologische, die andere auf eine geopolitische Revolution hindeutet.

Es handelt sich einerseits um den radikalen Schritt des deutschen Energieriesen Eon, sein traditionelles Geschäft mit der Erzeugung von Energie – Atom, Gas und Kohle – in eine neue Gesellschaft auszulagern, andererseits um die überraschende Ankündigung Russlands, das Pipelineprojekt „South Stream“ zu stoppen.

Zuerst die Energiewende: Es ist ein radikaler Schritt für Eon und ein Weckruf für die ganze Branche. Deutschlands größter Energiekonzern kappt praktisch die eigenen Wurzeln – und besiegelt das Ende des klassischen Versorgers, der von der Rohstoffförderung über die Stromproduktion und den Transport bis zum Vertrieb alles abdeckt. Eon setzt auf die neue Energiewelt, in der es um die dezentrale Gewinnung von Energie aus Ökostromanlagen geht. Netze bringen darin nicht nur den Strom, sie holen ihn auch beim Sonnen-, Wind- und Biogasproduzenten ab.

Das stellt ganz neue Anforderungen an eine intelligente Nutzung von Netzen, die Steuerung von Strom und die Steuerung des Verbrauchs. Die Entscheidung des Luxemburger Netzbetreibers Creos, alle herkömmlichen Stromzähler in den kommenden Jahren gegen sogenannte „smart meters“ auszutauschen, zielt in die gleiche Richtung.

Mit dem mutigen und konsequenten Umbau sagt Eon nicht nur, dass die Zukunft den erneuerbaren Energien gehört, sondern dass die Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen und aus Kernenergie im Grunde genommen der Vergangenheit angehört.

Nun zur Geopolitik: Anfang Dezember hat Moskau unerwartet die Reißleine gezogen und das Aus für „South Stream“ verkündet. Ursachen für den Rückzieher gibt es mehrere: Das europäische Wettbewerbsrecht, das dem Betreiber Gazprom nicht passte, Bulgarien, das sich bei der Vergabe von Baugenehmigungen zierte, vor allem aber die Finanzierung, die aus dem Ruder zu laufen drohte. Der wahre Grund aber ist politisch.

Angesichts der Ukraine-Krise hatte die EU das Projekt seit mehreren Monaten eingefroren. Bis zur Annektierung der Krim glaubten die führenden europäischen Politiker, dass die wachsenden wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen der EU und Moskau einen Krieg in Europa unmöglich machen würden. Plötzlich aber ist aus der Energieabhängigkeit von Russland eine Gefahr für die europäische Sicherheit geworden.

Der Kampf gegen den Klimawandel und das Großmachtstreben Russlands sind die treibenden Kräfte, die in Europa zur Einsicht führen, dass die wirtschaftliche Abhängigkeit von fossilen Energieträgern wie Erdöl und Erdgas ein Ende haben muss. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern graduell. Die Weichen für den Umstieg müssen jetzt gestellt werden. Die Neuordnung des Geschäfts bei Eon und das Ende von „South Stream“ sind Vorzeichen einer Energierevolution, die sparsam, effizient und grün sein wird.

Ob eine strategische Entscheidung in eine neue, vielversprechende Richtung oder in eine Sackgasse führt, zeigt sich erst viel später. Auch die Dinosaurier merkten erst, dass sie in die falsche Richtung gingen, als sie ausstarben.


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