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Was macht eigentlich ... Roby Mehlen: Der Hobbyhistoriker und das Wildschwein

Was macht eigentlich ... Roby Mehlen: Der Hobbyhistoriker und das Wildschwein

Foto: Laurent Ludwig
Politik 4 Min. 05.08.2017

Was macht eigentlich ... Roby Mehlen: Der Hobbyhistoriker und das Wildschwein

Bérengère BEFFORT
2009 verpasste der langjährige ADR-Abgeordnete Roby Mehlen die Wiederwahl ins Parlament. Im neuen Leben spielen historische Ereignisse und die Kirche eine zentrale Rolle. Die Politik bleibt auch greifbar nah.

Von Bérengère Beffort

Mit offenem Maul und angriffsbereit streckt sich die gedrungene Wildschweinfigur in Richtung des Besuchers. Direkt an den Hauseingang und bestens platziert hat 
Roby Mehlen die prächtige Nachbildung einer keltischen Figur aufgestellt. „Die haben mir meine Parteikollegen geschenkt, als ich im Jahr 2012 den Vorsitz der ADR abgegeben habe“, lacht er. Jähzornig und bedrohlich mutet die Statue an. Ob das ein Sinnbild für Mehlens Politikstil sein soll? Der langjährige Abgeordnete schmunzelt schelmisch.

Das jüngste Sammelwerk von Roby Mehlen: "150 Jar Manternacher Kierch".
Das jüngste Sammelwerk von Roby Mehlen: "150 Jar Manternacher Kierch".
Foto: Laurent Ludwig

20 Jahre lang hat Mehlen Oppositionsarbeit im Parlament betrieben. Als damaliges „Aktiounskomitee fir Demokratie a Rentegerechtegkeet” wollte die ADR den „Hungerrenten“ im Privatsektor ein Ende bereiten. Auf den anfänglichen Erfolgskurs der Partei mit bis zu sieben Abgeordneten folgten ernüchternde Zeiten. Roby Mehlen erfuhr eine persönliche Niederlage bei den Landeswahlen 2009. „Die Umfragen hatten andere Ergebnisse vorhergesagt. Niemand ging davon aus, dass wir den Sitz im Osten verlieren würden“, blickt Mehlen zurück. Für den Restsitz reichte es nicht aus. Mit dem Ausscheiden kam auch die existenzielle Frage: Was nun?

„Ich konnte mir nicht vorstellen, in ein normales Leben zurückzukehren“, sagt Mehlen mit trübsinnigem Blick. Die Arbeit als Landwirt hatte er damals längst zurückgestellt. Er lebte für die Partei und politische Coups. Psychisch war der Abgang eine erhebliche Umstellung. Aber auch materiell. Anders als die Mitarbeiter des öffentlichen Diensts haben Selbstständige nach der Amtszeit aus dem Parlament keine Jobgarantie. Als Landwirt kann Roby Mehlen über einen möglichen Drehtüreffekt zwischen Politik und Wirtschaft nur lächeln: „Die ersten Nächte habe ich schlecht geschlafen.“

Zurück zu den Wurzeln

Bis zum Renteneintritt waren es letztlich nur ein paar Monate. Roby Mehlen beschäftigte sich. „Ich kümmerte mich um alles, was zuvor zu kurz gekommen war.“ Die Arbeit im Wald, der große Garten und das Engagement im Kirchenchor munterten ihn auf. Geschichte sei immer sein Steckenpferd gewesen. „Ich interessiere mich sehr für historische Entwicklungen. Ich lasse mir keine Gelegenheit entgehen, mehr über Land und Leute zu erfahren“, so der Hobbyhistoriker.

An den Ehrenpräsidenten: Diese Statue schenkte die ADR ihrem langjährigen Parteivorsitzenden im Jahr 2012 zum Abschied.
An den Ehrenpräsidenten: Diese Statue schenkte die ADR ihrem langjährigen Parteivorsitzenden im Jahr 2012 zum Abschied.
Foto: B. Beffort

Vor drei Jahren baute Roby Mehlen einen Geschichtsverein in seiner Heimatgemeinde Manternach auf, und wurde prompt zum Präsidenten gekürt. Eine Führungsrolle, die er aus früheren Zeiten in der Partei und in der Interessenvertretung der Landwirte gut kennt. Auf lokaler Ebene erfreut er sich einer anhaltenden Beliebtheit. „Die Leute im Dorf meinten: ,Wer, wenn nicht du?‘. Und ich weiß tatsächlich gut Bescheid, weil meine Familie hier tief verwurzelt ist“,sagt er.

Roby Mehlens Vater und Onkel waren Mitglied der Garde civique, als in der Nacht zum 10. Mai 1940 ein Vorauskommando der deutschen Wehrmacht in Luxemburg einmarschierte. Die beiden jungen Männer machten sich mit dem Fahrrad zur „Fielsmillen“ auf und meldeten den Vorstoß der Truppen, erzählt Mehlen. Als die Gendarmen eintrafen, feuerten die Angreifer los. Die Meldung traf bei den hauptstädtischen Instanzen ein: „D'Preise sinn do“. „Historiker sagen, dass die schnelle Bekanntgabe dazu beigetragen hat, dass die großherzogliche Familie rechtzeitig fliehen konnte“, unterstreicht Mehlen. In Manternach wurde Geschichte geschrieben. Die historischen Ereignisse hat der örtliche Geschichtsverein vor zwei Jahren in einer Ausstellung aufbereitet. Seitdem hat Roby Mehlen viel auf dem historischen Feld recherchiert.

Nachforschungen stellte er zuletzt für ein Buch zum 150. Jubiläum der Pfarrkirche von Manternach an. Als Präsident (!) des „Organisatiounscomité“ hat Mehlen viele Texte des 200-seitigen Nachschlagewerks verfasst. Das Schreiben sei ihm immer leichtgefallen, sagt er. In der Parteizeitung „Pefferkär“ und im „Fräie Bauer“ führte Mehlen stets eine spitze Feder. „Die besten Ideen kamen mir oft bei der Melkarbeit im Betrieb“, erinnert er sich. Dennoch: Auch im neuen Buch zur Kirche ist zwischen den Zeilen die eine oder andere Pointe auszumachen.

Die besten Ideen kamen mir oft bei der Melkarbeit im Betrieb.

Das Buch zur Manternacher Kirche dokumentiert mehr als architektonische Entwicklungen, es geht um die Menschen der Glaubensgemeinschaft. 240 Exemplare wurden umgehend bestellt. Mitte Juli, an einem lauen Sommerabend, wollten sich 80 Dorfbewohner und Bekannte die Buchpräsentation nicht entgehen lassen. In der Gemeinde hat Roby Mehlen viel Achtung für seine Arbeit bekommen. Ein paar Unstimmigkeiten gehörten aber dazu. Manch ein Gemeindeoberhaupt fühlte sich „bitter missachtet, und nicht hinreichend zitiert“. Ein Schelm, wer beim angeblichen Versäumnis Böses denkt.

„Ein alter Fuchs“

Über die Dorfidylle hinaus will es Roby Mehlen nun noch einmal wissen. Er tritt nicht nur für die Gemeindewahlen in Manternach an. Er denkt schon an die Landeswahlen 2018. „Roby ist ein alter Fuchs“, lacht der ehemalige Pfarrer Marcel Groff. „Er wartet nicht, bis ihm andere eine Aufgabe erteilen. Er macht schon seinen Weg“.

Ein beschauliches Dasein in 
Manternach? Nicht nur. Mit 
der Politik hat Roby Mehlen längst nicht abgeschlossen.
Ein beschauliches Dasein in 
Manternach? Nicht nur. Mit 
der Politik hat Roby Mehlen längst nicht abgeschlossen.
Foto: Laurent Ludwig

Roby Mehlen will in der vordersten Reihe mitgestalten. Eine Sache ärgert ihn allerdings auf dem Weg dorthin: Das Wahlsystem und die Gewichtung der Wählerstimmen. Im Zentrum entscheiden 60 000 Wähler über 21 Mandate, während 30 000 Personen im Osten über sieben Sitze im Parlament bestimmen. Das befindet Mehlen weiterhin für unausgeglichen und verfassungswidrig. Er spricht sich für einen Einheitsbezirk aus.

Fürs Wahlprogramm der ADR schweben ihm viele Ideen vor. Besonders in der Schulpolitik und im Verhältnis von Kirche und Staat. Und das Schreiben treibt ihn auch noch eine Weile an. Scharfe Worte könnte es bald zur Geschichte der hiesigen Landwirtschaft geben.



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