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Parlament debattiert über Reformen im Syrdall Schlass
Politik 4 Min. 21.10.2021
Suchttherapie für Drogenabhängige

Parlament debattiert über Reformen im Syrdall Schlass

Das Syrdall Schlass bietet Ateliers in Schreinerei, Gartenbau, Tierhaltung, Kreativität und Küche. Nun wird der Therapieansatz ausgebaut.
Suchttherapie für Drogenabhängige

Parlament debattiert über Reformen im Syrdall Schlass

Das Syrdall Schlass bietet Ateliers in Schreinerei, Gartenbau, Tierhaltung, Kreativität und Küche. Nun wird der Therapieansatz ausgebaut.
Foto: Gerry Huberty
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Suchttherapie für Drogenabhängige

Parlament debattiert über Reformen im Syrdall Schlass

Annette WELSCH
Annette WELSCH
Nach 40 Jahren passt das Drogentherapiezentrum in Manternach sein Konzept an. Gesundheitsministerin Paulette Lenert erklärt sich.

Seit Anfang des Jahres wird im Therapiezentrum für Drogensüchtige im Syrdall Schlass ein neues Konzept umgesetzt. Über einen „Wort“-Artikel wurde die Abgeordnete von den Linken, Nathalie Oberweis darauf aufmerksam. Im Rahmen einer Aktualitätsstunde wollte sie nun eine Reihe von Fragen geklärt haben.


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„Seit 40 Jahren werden dort Menschen mit einer Drogenvergangenheit ganzheitlich betreut, bekommen Ateliers angeboten und werden darin begleitet, Verantwortung zu übernehmen, einen Tagesrhythmus zu lernen und den Alltag zu bewältigen. Das ist keine kurzfristige Arbeit, das geht nur langfristig. Da gibt es nicht direkt einen Return in Invest“, betonte sie. „Je länger die Therapie dauert, umso besser, wurde uns gesagt.“

Unter der Hand habe man nun erfahren, dass umstrukturiert werden soll und beispielsweise die Therapiezeit auf drei bis sechs Monate gekürzt werden soll. Laut Aussagen aus dem Sektor fange eine Therapie aber erst nach sechs Monaten an wirksam zu sein. Ihre Bedenken sind nun unter anderem, dass mit dem Argument, eine Kurztherapie helfe eher, wieder auf die Beine zu kommen, schlicht die Wartezeit gesenkt werden soll und auf Kosteneffizienz gesetzt wird

Kürzung der Therapiedauer problematisch

„Die Nachsorge soll nun befristet werden, es soll auch mehr ambulant therapiert werden und das gemeinschaftliche Kochen soll wegfallen. Ich habe den Eindruck, dass ungeduldig mit Leuten umgegangen wird, die nicht produktiv genug sind.  Die Reform ist eine ziemlich faule Sache“, befand Oberweis und verlangte Erklärungen zum Mehrwert und zur wissenschaftlichen Grundlage. Sie warf auch die Frage auf, warum es angesichts der Drogenproblematik in Luxemburg nicht mehr Therapiezentren gebe.

Das Projekt war einzigartig und funktioniert gut.

Sven Clement

Auch für Jean-Marie Halsdorf (CSV) stellten sich noch Fragen. „Wenn die Therapiedauer auf sechs Monate reduziert wird und angepasst und individuell gearbeitet werden soll, geht es dann auch auf?“ Man sollte nach zwei Jahren die Ergebnisse evaluieren, forderte er. 

Sven Clement (Piraten) befand, dass die Anpassungen auch Verbesserungen mit sich bringen müssen. „Das Projekt war einzigartig und funktioniert gut, die Leute fühlten sich ernst genommen. Ist es im Interesse der Patienten, die Therapie nun auf sechs Monate zu kürzen, um die Patienten schneller in den Alltag zu integrieren?“, fragte er. „Werden sie dann nicht rückfällig, ist das nicht kurzsichtig?“ 

„Neue Erkenntnisse verlangen Anpassungen“

Die Vertreter der Mehrheitsparteien verteidigten das neue Konzept dagegen. Carole Hartmann (DP) verwies darauf, dass  neue wissenschaftliche  Erkenntnisse Anpassungen verlangen. Die bisherige Behandlungsdauer von acht Monaten im Schnitt sei zu lange, weil die Patienten dann eine Abhängigkeit von der Struktur entwickeln können. „Es geht aber darum, sie schnell wieder in die Gesellschaft einzugliedern.“ Die DP stehe der Reform positiv gegenüber.


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„Die Gesellschaft entwickelt sich. Der erzieherische Ansatz mit strengen Regeln  soll nun eher einem therapeutischen und psychotherapeutischen Ansatz weichen  weniger streng und mehr flexibel“, betonte Cecile Hemmen (LSAP). „Wer aus strengen Regeln herauskommt, hat im Alltag mehr Probleme, Eigenverantwortung zu übernehmen.“ 

Wichtiger Baustein der Drogenpolitik

Der Grüne Marc Hansen begrüßte, dass nun mehr Akzent auf Gesprächen, Sport und Reha liegt und nicht mehr auf den relativ hohen Arbeitszeiten. Es könnten jetzt auch mehr Leute behandelt werden. Wichtig sei zudem das neue Eltern-Kind-Programm, damit Kinder weniger in Pflegefamilie kommen. „Das Spektrum wird jetzt breiter“, lobte er und sprach von „einem wichtigen Baustein in der Drogenpolitik, die nicht nur repressiv sein darf“.

Man arbeite an einer neuen Ausrichtung, weil man nicht mehr auf dem zeitgemäßen Stand war, erklärte Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP). Es sei normal, dass man den Fortschritt und die neuesten Erkenntnisse einfließen lassen muss. Das Konzept basiere auf 60 internationalen Konzepten und Leitlinien.

Erzieherischen Ansatz durch therapeutischen ersetzen

„Der therapeutische und psychotherapeutische Ansatz muss ausgebaut werden. Viele leiden unter psychischen und posttraumatischen Störungen, dafür müssen maßgeschneiderte Therapien angeboten werden. Wir wollen nicht mehr alle über einen Leist ziehen.“ Deswegen müsse es auch in einer Tagesklinik ein ambulantes Angebot geben und die Zusammenarbeit mit dem CHNP verbessert werden.

„Manche brauchen eine lange Betreuung, andere eine nicht so lange, da können drei bis sechs Monate mehr Erfolg bringen“, erläuterte Lenert. „Für  manche braucht man gar kein stationäres Angebot, dafür aber die Diagnostik eines Arztes und ein ambulantes Angebot.“ Es habe jedenfalls auch Rückfälle gegeben, weil Patienten zu lange in der Struktur waren.

Es hat auch Rückfälle gegeben, weil Patienten zu lange in der Struktur waren.

Paulette Lenert

Man müsse sie gut darauf vorbereiten, Verantwortung für sich selber zu übernehmen und  Autonomie lernen. „Kochen, haushalten und einkaufen bleiben wichtig, aber auch das Therapeutische muss ausgebaut werden.“ 

Die Aufenthaltsdauer werde jedenfalls nicht gekürzt, um Wartezeiten zu verbessern, sondern seien ein Begleiteffekt, entgegnete sie auf die Bedenken von Oberweis. „Es ist hier nicht anders als in anderen Betrieben: Wenn Veränderungen anstehen, muss das Personal mitgenommen werden und erklärt werden, warum sie wichtig sind.“ Ein Monitoring, ob man auf dem richtigen Weg ist, sei jedenfalls vorgesehen. 

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