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Wartezimmer
Leitartikel Politik 2 Min. 08.05.2015 Aus unserem online-Archiv
Editorial

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Leitartikel Politik 2 Min. 08.05.2015 Aus unserem online-Archiv
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Wartezimmer

Marc THILL
Marc THILL
In diesen Tagen und Wochen reihen sich die historischen Tage aneinander. An diesem 8. Mai feiern wir 70 Jahre Kapitulation von Nazi-Deutschland und am 10. Mai ist der 75. Jahrestag des Einmarschs der Wehrmacht in Luxemburg.

In diesen Tagen und Wochen reihen sich die historischen Tage aneinander. An diesem 8. Mai feiern wir 70 Jahre Kapitulation von Nazi-Deutschland und am 10. Mai ist der 75. Jahrestag des Einmarschs der Wehrmacht in Luxemburg.

Die Erinnerung an das 70. Jubiläum der Heimkehr der Großherzogin Charlotte aus dem Londoner Exil am vergangenen 14. April ist uns noch sehr präsent, auch wenn diese Feier wegen der Osterferien und der fast schon endlosen Urlaubslaune der Luxemburger etwas schlichter und bedauerlicherweise ohne die Präsenz des Premierministers stattgefunden hat.

Dafür hat sich aber Xavier Bettel am Dienstag in seiner Rede zur Lage der Nation vor dem Parlament ausführlich mit dem Thema Geschichte beschäftigt. Es genüge nicht, nur an Geschichte zu erinnern, man müsse Historisches auch erklären, ergründen und hinterfragen, so in etwa der Gedanke des Premierministers, der darauf hinwies, dass die Vergangenheit letztlich Verantwortung bedeute. Ihm kann man darin nur zustimmen: Wir sollten Verantwortung übernehmen, dies vor allem für die kommenden Generationen.

Bettel kündigte insofern auch an, dass der Prozess der Wahrheitsfindung nicht mit dem Artuso-Bericht über die Rolle der Verwaltungskommission in den ersten Monaten des Zweiten Weltkrieges abgeschlossen ist.

Dass der Regierungschef die längst überfällig gewordene Aufarbeitung dieser komplexen Vergangenheit vorantreiben möchte, zeigt zweierlei. Zum einen braucht es noch zusätzliches Wissen über das Vergangene, da sich die Volksvertreter im Parlament derzeit noch unschlüssig darüber sind, wie sie auf den Artuso-Bericht reagieren sollten.

Zum anderen kann Bettel mit diesem weiteren Schritt die lobenswerte Initiative zur Aufarbeitung der rezenten Geschichte Luxemburgs komplett vereinnahmen, eine Initiative, die schließlich bereits vom vorherigen Premierminister Jean-Claude Juncker auf Druck von Historikern in die Wege geleitet worden ist.

Geschichte erklären ist nicht einfach, braucht bestimmt auch Leitplanken. Geschichte sollte aber bedingungslos geteilt werden. Und das gilt auch für den Ersten Weltkrieg. Die Rolle Luxemburgs während der „Grande Guerre“ geriet genauso wie der Antisemitismus in Luxemburg zu Beginn des Zweiten Weltkrieges – gewollt oder ungewollt – in Vergessenheit.

Deshalb wird es Historiker bestimmt gefreut haben, dass der Premierminister in seiner Rede zur Lage der Nation im Parlament angekündigt hat, die Ausstellung über den Ersten Weltkrieg werde nun doch stattfinden, und zwar digital und multimedial.

Bettel hat damit die Forschungsarbeit der Uni Lëtzebuerg über den Ersten Weltkrieg definitiv aus ihrem bisherigen Wartezimmer geholt, in das sie Kulturministerin Maggy Nagel wegen der nicht budgetierten 256 000 Euro abgeschoben hatte. Damit hat er aber auch seine Politik im Umgang mit der Geschichte auf einen gemeinsamen Nenner gebracht und will für beide Weltkriege dieselben Kriterien anwenden.

Wie präsent der Erste Weltkrieg in diesen Tagen sein kann, zeigt übrigens der morgige hundertste Todestag von François Faber. An einem 9. Mai 1915 fiel der erste Luxemburger „Tour de France“-Gewinner als Legionär im Artois im Norden Frankreichs (siehe Seite 12 und 13). Faber blieb nicht im so genannten „Wartezimmer des Krieges“. Auf dem Schlachtfeld preschte er wie in seinen Radrennen vor und drehte sich nicht mehr um. Nie mehr ...


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