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Die Schwachstellen im System
Politik 1 6 Min. 12.07.2021
Waringo-Bericht zu den Altenheimen

Die Schwachstellen im System

Familienministerin Corinne Cahen (DP) am Montag im Gespräch mit Jeannot Waringo. Sie ist wegen der Corona-Situation in den Altenheimen stark unter Druck geraten, besonders aber wegen ihrer schlechten Informationspolitik.
Waringo-Bericht zu den Altenheimen

Die Schwachstellen im System

Familienministerin Corinne Cahen (DP) am Montag im Gespräch mit Jeannot Waringo. Sie ist wegen der Corona-Situation in den Altenheimen stark unter Druck geraten, besonders aber wegen ihrer schlechten Informationspolitik.
Foto: Guy Jallay
Politik 1 6 Min. 12.07.2021
Waringo-Bericht zu den Altenheimen

Die Schwachstellen im System

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Am Montag legte die Expertengruppe ihren Bericht zum Infektionsgeschehen in den Altenheimen vor und legte ein paar Schwachstellen offen.

Zusammen mit einem multidisziplinären Expertenteam hat Jeannot Waringo im Auftrag der Regierung die Infektionsherde in den 52 Alten- und Pflegeheimen untersucht und die Ergebnisse in einem 82 Seiten langen Bericht festgehalten. Der Bericht wurde am Montag im Parlament vorgestellt. 


Die Opposition sieht sich bestätigt
Der Waringo-Bericht zeige, dass das Familienministerium versagt habe, so die Vertreter der Oppositionsparteien.

Der Koordinator der Arbeitsgruppe will das Dokument als Bestandsaufnahme verstanden wissen, die als Grundlage für Verbesserungen dienen soll. „Wir haben versucht, eine objektive Arbeit zu machen“, so Jeannot Waringo. 

Der Bericht enthält epidemiologische Analysen zu den Ursprüngen der Cluster in den Häusern, zur Immunität sowie einen Vergleich mit den Nachbarländern anhand wissenschaftlicher Studien. Analysiert wurden auch die Prozeduren und Empfehlungen sowie deren Umsetzung in den Häusern, die Beziehung zu den zuständigen Ministerien (Gesundheit, Familie) oder noch die Organisation der Impfkampagne. Die Expertengruppe hat elf Heime besichtigt und sich mit den Direktionen von 18 Häusern vor Ort ausgetauscht. 

Waringo gab zu Beginn seiner Ausführungen zu bedenken, dass man die Studie nicht auf die Heime hätte beschränken sollen, sondern etwas weiter hätte ausholen müssen, weil die Heime Teil eines größeren Ganzen seien „und Infektionen aus Krankenhäusern, von zu Hause oder nach Ausgängen in die Häuser gebracht wurden“. Außerdem seien die Menschen, die in den Heimen arbeiten, in ein negatives Licht gerückt worden, „obwohl viele von ihnen eine gute Arbeit machen“. 

Vorschriften und Empfehlungen 

Die Untersuchung hat Schwachstellen auf der Ebene der Vorschriften und Empfehlungen aufgedeckt. Das Gesundheitsministerium kann auf gesetzlicher Basis Vorschriften herausgeben. Dem Familienministerium fehlt diese gesetzliche Basis. Folglich musste es sich auf Empfehlungen beschränken, denen es aber an Präzision fehlte, wie die Analyse ergab. 

Die Schreiben an die Häuser trugen teils keine Unterschrift, kein Datum und keinen Briefkopf und die Empfehlungen waren vage formuliert („Chaque gestionnaire est libre de prendre ses responsabilités et les mesures qui s'imposent en ce qui concerne les sorties des résidents“). 

Das habe zu großer Unsicherheit bei den Betreibern und zu vielen Fragen geführt, so Jeannot Waringo. „Da zwei Ministerien zuständig sind, wussten die Häuser oft nicht, an wen sie sich wenden sollten.“ Was aber nicht bedeutet, dass sie keine Antworten bekamen. Beide Ministerien hätten die Häuser bei Fragen unterstützt, hieß es am Montag. 


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Die Verantwortlichen der Häuser waren bemüht, die richtige Balance zu finden zwischen individueller Freiheit und dem Schutz vor Infektionen. Sie berichteten, dass die beiden Ministerien in dieser Angelegenheit unterschiedlichen Sichtweisen hätten. Das Gesundheitsministerium habe den Infektionsschutz in den Mittelpunkt gestellt, das Familienministerium die individuelle Freiheit. Diese unterschiedlichen Ansichten spiegeln sich laut der Expertengruppe in der unpräzisen Kommunikation gegenüber den Häusern wider. 

Wir haben uns gewundert, dass die Häuser nicht auf die sich verändernde Situation aufmerksam gemacht wurden.

Jeannot Waringo

Funkstille in der Winterwelle 

Ab September stiegen die Infektionszahlen. Doch die Expertengruppe stellte mit Erstaunen fest, dass die Häuser zwischen Juni 2020 (das Schreiben ist nicht datiert) und dem 22. Februar 2021 keine neuen Empfehlungen erreicht haben – mit Ausnahme einer kurz gefassten Nachricht am 28. Oktober, in der darauf hingewiesen wurde, dass die Infektionszahlen steigen und die Distanzregeln einzuhalten seien, und einer Empfehlung am 9. Dezember, Besucher zu testen. 

„Wir haben uns gewundert, dass die Häuser nicht auf die sich verändernde Situation aufmerksam gemacht wurden“, sagte Jeannot Waringo. Er schlussfolgert aus der Untersuchung, dass für die Häuser die Verantwortungsaufteilung unklar war. Die doppelte Zuständigkeit habe sich als Handicap herausgestellt. Die Experten empfehlen, darüber nachzudenken, die Seniorenstrukturen unter die alleinige Zuständigkeit des Gesundheitsministerium zu stellen. Das sei besonders in Krisenzeiten sehr wichtig. 

In Anlehnung an die Vorgehensweise im Bildungsbereich (Stufenplan) stellte Waringo die Frage in den Raum, warum die Entspannung während der Sommerpause nicht dazu genutzt worden ist, um einen Krisenplan im Seniorenbereich auszuarbeiten, „mit minimalen Leitlinien, damit die Häuser wissen, was in welchem Fall zu tun ist“. Er regte an, für die Zukunft einen solchen Plan auszuarbeiten. 


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Test- und Impfpflicht für Personal 

Die unterschiedlichen Sichtweisen zwischen „Santé“ und „Famille“ haben wohl auch dazu geführt, dass die „Santé“ in ihrem Schreiben vom 12. April 2021 an die Häuser auf eine Testpflicht für Personal und externe Dienstleister verzichtet und sich auf eine „forte recommandation“ beschränkt hat. 

In diesem Punkt findet die Expertengruppe deutliche Worte und schreibt, dass sie kein Verständnis habe für die Entscheidung, keine Test- beziehungsweise Impfpflicht für Personen einzuführen, die mit Vulnerablen arbeiten. Dieses Unverständnis werde von der großen Mehrheit der Verantwortlichen der Strukturen, die sie im Rahmen der Untersuchung getroffen haben, geteilt, heißt es weiter. 

Jeannot Waringo erzählte von einem Haus, dessen Personal nicht einmal zu 50 Prozent geimpft sei und das jeden Tag das ganze Personal durchteste, „weil es seine Mitarbeiter aus Datenschutzgründen nicht nach der Impfung fragen und keine Listen erstellen darf“. In manchen Häusern würden heimlich Listen erstellt. „Das ist ein eigenartiges Phänomen.“ 

Cluster im Altenheim Lauterbann 

Die Analyse der Indexfälle (erster Fall eines Clusters) hat ergeben, dass die Infektionsketten (mindestens zwei Fälle innerhalb von zwei Wochen) in der ersten Welle (Frühjahr 2020) vor allem auf Bewohner zurückgehen (93 Prozent). Die Cluster in der dritten Phase (1. September bis 31. Dezember) gingen mehrheitlich vom Personal aus (61 Prozent). Im gesamten Verlauf der Pandemie standen die Bewohner zu 54 Prozent am Beginn einer Infektionskette, das Personal zu 40 Prozent, in sechs Prozent der Fälle beide. 

Wir können im Fall Lauterbann keine definitiven Schlüsse ziehen.

Jeannot Waringo

Aus der Untersuchung der Cluster schlussfolgert die Expertengruppe, dass dem Personal bei der Entstehung von Infektionsketten eine Rolle zuzuschreiben ist und dass künftige Präventions-, Früherkennungs- und Impfstrategien immer auch das Personal umfassen sollten. 

Im Niederkorner Altenheim Lauterbann mit 70 positiven Fällen und 23 Toten zwischen dem 15. Februar und dem 24. März 2021 steht für die Expertengruppe fest, dass Fehler passiert sind, unter anderem bei der Organisation der Impfungen (zu viele Personen auf einmal im Raum). 

Doch auch die Beschaffenheit des Hauses (60 Zimmer ohne WC) habe die Verbreitung des Virus begünstigt und das Haus sei auf der Impfliste an 66. Stelle (von 86 Häusern) aufgetreten. „Wir können im Fall Lauterbann keine definitiven Schlüsse ziehen“, sagte Waringo. Dazu müsse man die Situation im Detail analysieren. Er sei aber sicher, dass die Impfungen heute total anders organisiert würden. 


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In Bezug auf die Immunität der Bewohner erklärte Joël Mossong, Epidemiologe bei der Santé, dass Personen, die infiziert und geimpft sind, sehr hohe Antikörperwerte aufweisen. Den zweithöchsten Wert haben geimpfte, aber nicht infizierte Personen. Dies sei ein wichtiger Hinweis für eine künftige Impfpriorisierung. 

Die unabhängige Epidemiologin Germaine Hanquet zog einen Vergleich mit der Großregion und kam zu dem Schluss, dass Luxemburg sich im Zusammenhang mit Clustern in Altenheimen im Mittelfeld befinde.

Der Bericht kann auf der Internetseite der Chamber heruntergeladen werden.

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