Vor 50 Jahren starb Konrad Adenauer: Schlitzohr, Katholik, Revolutionär
Europäischer Visionär: Gemeinsam mit Charles de Gaulle (l.) brachte Konrad Adenauer die deutsch-französische Aussöhnung aktiv voran - und machte sie zur Zusammenarbeit.

Vor 50 Jahren starb Konrad Adenauer: Schlitzohr, Katholik, Revolutionär

Foto: Deutsche Post
Europäischer Visionär: Gemeinsam mit Charles de Gaulle (l.) brachte Konrad Adenauer die deutsch-französische Aussöhnung aktiv voran - und machte sie zur Zusammenarbeit.
Politik 5 4 Min.19.04.2017

Vor 50 Jahren starb Konrad Adenauer: Schlitzohr, Katholik, Revolutionär

Tom Ruedell
Tom Ruedell

Er sah aus wie ein Indianerhäuptling - fand jedenfalls der amerikanische Außenminister. Und so markant wie sein Gesicht war auch die Persönlichkeit des ersten deutschen Kanzlers Konrad Adenauer.

(dpa) - Am 13. April war Konrad Adenauer noch einmal zu Bewusstsein gekommen. „Do jitt et nix zo kriesche“, sagte er auf Kölsch zu seinen sieben Kindern: Kein Grund zum Weinen. Am 19. April 1967 - am Mittwoch vor 50 Jahren - starb der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland im Alter von 91 Jahren.

Wenn heute Schulklassen sein Haus in Rhöndorf bei Bonn besuchen, in dem er 30 Jahre gelebt hat und dann auch gestorben ist, hört man oft die Überraschung heraus: „So einfach hat der gewohnt?“ Alles ist schlicht und durch die kleinen Fenster auch etwas düster. Vor allem in der Küche hängt noch ein undefinierbarer Geruch, den ältere Besucher aus ihrer Kindheit kennen mögen. Vermutet wird, dass es die alten Möbel sind, die das Aroma der Nachkriegszeit verströmen.

Zum Denkmal erstarrt

50 Jahre nach seinem Tod ist Adenauer zum Denkmal erstarrt. Der Flughafen Köln/Bonn trägt seinen Namen, die Parteizentrale der deutschen Christdemokraten und mindestens 437 Straßen, so schätzt die Konrad-Adenauer-Stiftung. Kanzlerin Angela Merkel hat ihn in Öl gemalt hinter ihrem Schreibtisch hängen, und in der ZDF-Reihe „Unsere Besten“ wurde er 2003 zum „größten Deutschen“ gewählt.

Maskenhaft erscheinen die Züge Adenauers. Das Gesicht mit der platten Nase und den hohen Wangenknochen hat immer wieder wilde Vergleiche herausgefordert. So fragte der amerikanische Außenminister John Foster Dulles ernsthaft, ob unter seinen Vorfahren ein Indianer gewesen sein könnte. Die Wahrheit war nüchterner: 1917 hatte Adenauers Chauffeur in Köln einen Unfall gebaut. Adenauer brach sich dabei Nase und Wangenknochen. Sein Sohn sagte später, er habe dadurch ein „anderes Gesicht“ bekommen.

Kanzlerfrage am kalten Buffet

Adenauers Biografen kommen in vielen Punkten zu unterschiedlichen Schlüssen. In einem aber stimmen sie überein: Er war eine starke Persönlichkeit. Ein ganz wesentlicher Charakterzug war seine Schlitzohrigkeit. Das wohl berühmteste Beispiel dafür lieferte er an einem glühend heißen Augustsonntag des Jahres 1949, eine Woche nach der ersten Bundestagswahl. Es ging um die Frage: Welcher CDU-Politiker wird erster Bundeskanzler?

Adenauer hatte starke Konkurrenz, mehr noch: Kaum jemand rechnete mit ihm, er war schließlich schon 73. Sein erster Schachzug war, dass er die Parteispitze zu sich nach Rhöndorf einlud. Dadurch hatte er als Hausherr automatisch die Fäden in der Hand. Einer der Gäste, der junge Franz Josef Strauß, erinnerte sich später: „Überwältigender Eindruck für uns ausgehungerte Großstädter war ein Buffet von einer Reichhaltigkeit, wie ich es auf Privatkosten Adenauers weder vorher noch nachher jemals erlebt habe.“ Dazu entkorkte der Gastgeber „Weine, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nie getrunken hatte“.

Anschließend, als alle von einem Gefühl der Dankbarkeit erfüllt waren, verkündete Adenauer unvermittelt, „aus Parteikreisen“ sei der Wunsch an ihn herangetragen worden, sich als Kanzler zur Verfügung zu stellen. Welche Parteikreise das gewesen sein sollten, blieb sein Geheimnis. Doch ehe man groß darüber nachdenken konnte, erklärte er schon: „Ich bin trotz meiner Jahre grundsätzlich hierzu bereit.“ Angesichts seines Alters könne er allerdings höchstens ein bis zwei Jahre im Amt bleiben. Es wurden dann 14.

Skrupelloser Machtmensch, aufrechter Nazi-Gegner

Ebenso kennzeichnend für den Katholiken Adenauer war sein unerschütterlicher Glaube daran, dass er - und nur er allein - recht hatte. Dies konnte in Sturheit und Arroganz, ja sogar in Skrupellosigkeit ausarten. Bei der Bekämpfung seiner politischen Gegner schreckte Adenauer vor kaum einem Mittel zurück. Nach neuen „Spiegel“-Recherchen ließ er SPD-Chef Willy Brandt sogar bespitzeln.

Sein übersteigertes Selbstbild konnte sich aber auch in bewundernswerter Standhaftigkeit äußern. So zog sich Adenauer 1933 den Hass der Nazis zu, indem er sich als Kölner Oberbürgermeister noch zweieinhalb Wochen nach Hitlers Machtübernahme weigerte, den Führer am Flughafen zu empfangen und zu seinen Ehren die städtischen Gebäude zu beflaggen. Auf einer Brücke ließ er nachts angebrachte Hakenkreuz-Fahnen wieder abnehmen - und riskierte damit sein Leben.

Nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 wurde der überzeugte Republikaner verhaftet. Ein Gestapo-Kommissar bat ihn, doch bitte keinen Selbstmord zu begehen, denn das würde ihm große Scherereien verursachen. Auf Adenauers verwunderte Frage, warum er das tun sollte, antwortete der Gestapo-Mann, er habe doch vom Leben nichts mehr zu erwarten.

Doch da irrte er sich - Adenauer legte erst richtig los. Er wurde zum Glücksfall für die junge Bundesrepublik. Sein autoritärer Führungsstil ist zwar oft kritisiert worden, doch Historiker wie die Adenauer-Biografin Marie-Luise Recker betonen: Erst dadurch und durch sein Image als „Macher“ verschaffte er der Demokratie erstmals breite Akzeptanz bei den Deutschen.

In der Außenpolitik brach Adenauer grundlegend mit der nationalistischen deutschen Tradition und band zum ersten Mal einen deutschen Staat in ein Bündnissystem westlicher Demokratien ein. Damit lenkte er die deutsche Geschichte auf Dauer in eine andere Richtung. Für den Politikwissenschaftler Christian Hacke ist Adenauer aus diesem Grund ein „politischer Revolutionär“.

Für die Versöhnung zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern  Deutschland und Frankreich leistete er zusammen mit Charles de Gaulle mit den deutsch-französischen Verträgen von 1963 Großes. Und auch ein diffiziles Thema wie die deutsche Annäherung an Israel war Adenauer nicht zu schwierig: Mit dem so genannten "Luxemburger Abkommen" (nach dem Ort seiner Unterzeichnung, dem Luxemburger Rathaus) von 1951 verpflichtete Deutschland sich zu Reparationszahlungen an den Staat Israel. Adenauer hatte die Zustimmung zu diesem Vertrag im Bundestag durchgesetzt - gegen Teile seiner eigenen Regierungskoalition.

Auch wenn die Bundesrepublik 50 Jahre nach seinem Tod keine Bonner Republik mehr ist: Den Stempel ihres ersten Kanzlers trägt sie bis heute.

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