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Vincent Artuso: "Es war ein großer Moment"
Politik 1 3 Min. 11.02.2015

Vincent Artuso: "Es war ein großer Moment"

Ein Mann mit markanter Brille, 34 Jahre alt, Historiker von Beruf. Vincent Artuso stand am Dienstag im Rampenlicht, als er einen Bericht vorlegte, der Luxemburgs Rolle im Zweiten Weltkrieg neu beleuchtet. Ein Interview über einen Karriere-Höhepunkt, dem eine ungewisse Zukunft folgt.


Vincent Artuso hat sich bereits in seiner Doktorarbeit mit der Kollaboration in Luxemburg beschäftigt. In einem Forschungsprojekt, das zwischen der Universität Luxemburg und der Regierung vereinbart worden war, widmete er sich erneut dem Thema.
Vincent Artuso hat sich bereits in seiner Doktorarbeit mit der Kollaboration in Luxemburg beschäftigt. In einem Forschungsprojekt, das zwischen der Universität Luxemburg und der Regierung vereinbart worden war, widmete er sich erneut dem Thema.
Guy Jallay

Von Kerstin Smirr

Dem 34-jährigen Vincent Artuso wurde am Dienstag viel Aufmerksamkeit zuteil. Vor ihm zahlreiche Journalisten und Fotografen, neben ihm Premierminister Xavier Bettel. Der junge Historiker stellte einen 261 Seiten starken Bericht vor, in dem er nachweist, dass die luxemburgische Verwaltungskommission - eine Art Ersatzregierung - im Zweiten Weltkrieg mit dem deutschen Besatzer kollaborierte.

Sie haben am Dienstag sehr viel Aufmerksamkeit erhalten. Wie haben Sie diese Situation empfunden?

Es war ein großer Moment. Ich war mir der Verantwortung bewusst und hatte mir gedacht, dass der Bericht sehr viel Interesse wecken würde. Andererseits empfand ich es auch als erstaunlich. Schließlich hatte ich 20 Monate lang alleine in Archiven gearbeitet und den Bericht geschrieben. Und auf einmal ist er in aller Öffentlichkeit.

Glauben Sie, dass Sie den Auftrag erhielten, weil sie als junger Historiker mit einem anderen Geschichtsverständnis aufgewachsen sind als ältere Kollegen?

Ich wurde ausgewählt, weil ich mich bereits in meiner Dissertation mit der Kollaboration in Luxemburg beschäftigt hatte. Aber ja, ich hatte darin auch bewiesen, dass ich einen anderen Blickwinkel habe. Es ist klar, dass meine Generation eine andere Perspektive einnimmt.

Es spielte auch eine Rolle, dass ich einen Migrationshintergrund habe. Ich bin Franzose, im Alter von zwei Jahren nach Luxemburg gekommen und hier aufgewachsen. Im Großherzogtum hat sich die Erzählung verbreitet, dass alle Luxemburger Widerstand gegen den Besatzer leisteten. In meiner Familie wurde dies nicht oral weitergegeben, eben weil wir Einwanderer waren. Ich fühle wie ein Luxemburger, aber kannte diesen Teil der Geschichte nicht. Daraus ergab sich auch mein Interesse für dieses Thema.

In Ihrem Bericht erwähnen Sie, dass Sie mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten...

Es gibt in Luxemburg kein Gesetz, das die Verwaltungen verpflichtet, Dokumente an die Archive abzugeben. Daher gibt es Lücken. Das war mein Hauptproblem. Obwohl in dem Abkommen zwischen der Universität Luxemburg und der Regierung geregelt war, dass ich Zugang zu allen Quellen erhalten sollte, war das nicht der Fall. Von einigen Behörden habe ich auf meine Anfrage schlicht keine Antwort erhalten. Ich fand letztlich dennoch genug Quellen in Luxemburg, Deutschland und den USA.

Warum hat es 70 Jahre gedauert, bis die Kollaboration der luxemburgischen Verwaltungskommission in Sachen Judenverfolgung in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gelangte?

Die Erzählung, die nach dem Krieg entstand, war konsensfähig in einer Gesellschaft, die gespalten und traumatisiert war. Hässliche Erinnerungen wurden nicht erwähnt, um zu überleben und die Einheit der Gesellschaft zu wahren. Heute wird darüber gesprochen, weil die Generation der Zeitzeugen langsam verschwindet. Die Erinnerung tut nicht mehr so weh.

Während der Pressekonferenz ging Vincent Artuso am Dienstag auf die Form der Kollaboration ein:

Premierminister Xavier Bettel hat angekündigt, mit den Abgeordneten darüber diskutieren zu wollen, ob er sich im Namen der Regierung bei der jüdischen Gemeinschaft entschuldigt. Glauben Sie, dass dies angebracht wäre?

Ich hüte mich davor, eine Antwort darauf zu geben, nicht weil ich keine Meinung dazu hätte. Ich denke, dass es an den Politikern ist, darüber zu debattieren und mit ihrer demokratischen Legitimität eine Entscheidung zu treffen. Ein Experte zum Thema muss der Politik nicht vorschreiben, was sie zu tun hat.

Wie geht es nun beruflich für Sie weiter?

Mein Vertrag mit der Universität Luxemburg ist im Dezember ausgelaufen. Jetzt entwickele ich neue Projekte und suche Universitäten, an denen ich arbeiten könnte. Es würde mich interessieren, über die Wirtschaftsgeschichte in der Nachkriegszeit zu forschen, beispielsweise über die Entstehung des Finanzplatzes im Großherzogtum. Feste Jobs sind in unserem Milieu die Ausnahme und ich habe keinen Grund zu klagen. Vielleicht bin ich derzeit der angesehenste arbeitslose Historiker Luxemburgs.


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