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Unicef-Bericht: Eine unbequeme Wahrheit
Politik 3 Min. 17.11.2016

Unicef-Bericht: Eine unbequeme Wahrheit

Gewalt gegen Kinder findet meist in deren näheren Umfeld und im Verborgenen statt. Deshalb wird das Phänomen extrem unterschätzt.

Unicef-Bericht: Eine unbequeme Wahrheit

Gewalt gegen Kinder findet meist in deren näheren Umfeld und im Verborgenen statt. Deshalb wird das Phänomen extrem unterschätzt.
Foto: Foto: Shutterstock
Politik 3 Min. 17.11.2016

Unicef-Bericht: Eine unbequeme Wahrheit

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Weltweit sind Minderjährige in erschütterndem Ausmaß psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt ausgesetzt. Freitagmittag möchte Unicef Luxemburg mit einer Menschenkette auf das Phänomen aufmerksam machen.

(mig) - Weltweit werden Millionen Kinder von Personen aus ihrem näheren Umfeld geschlagen, erniedrigt und sexuell missbraucht. Die Zahlen, die aus dem internationalen Unicef-Bericht über Gewalt gegen Kinder hervorgehen, sind erschreckend.

Weltweit stirbt alle fünf Minuten ein Kind an den Folgen von Gewalteinwirkung, 15 Millionen Mädchen unter 18 Jahren werden zwangsverheiratet, alle zehn Sekunden werden Genitalverstümmelungen an Mädchen vorgenommen. In Europa sind 18 Millionen Kinder Opfer von sexueller Gewalt, 44 Millionen sind körperlicher und 55 Millionen Kinder psychologischer Gewalt ausgesetzt.

Gewalt gegen Kinder in Luxemburg

Obwohl Luxemburg die Kinderrechtskonvention unterzeichnet hat und das Recht auf gewaltfreie Erziehung seit 2008 gesetzlich verankert ist, gehört Gewalt hierzulande zum Alltag. 2015 kam es zu 802 Polizeieinsätzen wegen häuslicher Gewalt, 168 Opfer waren minderjährig. Das entspricht laut Unicef einer Steigerung von 37 Prozent im Vergleich zu 2014.

2014 gaben 15 Prozent der Frauen in Luxemburg an, sexuelle Gewalt durch Erwachsene erlebt zu haben, bevor sie 15 Jahre alt waren. Ein Drittel der Fünf- bis Elfjährigen in Luxemburg wurde eigenen Angaben zufolge in der Schule Opfer von Mobbing.

Keine kohärente Statistik

Luxemburg verfügt über keine einheitliche Definition, was unter Gewalt gegen Kinder zu verstehen ist, und über keine kohärente Statistik. Deshalb trug Unicef Luxemburg die Daten, die sie in ihrem Bericht veröffentlicht hat, aus vielen verschiedenen Quellen selbst zusammen. Ohne klare Definition und ohne zentralisierte Statistiken aber sei es schwierig, die Schwere des Gewaltphänomens richtig einzuschätzen, etwaige Lücken auszumachen und effizient gegen Gewalt vorzugehen, so die Unicef-Direktorin Sandra Visscher im LW-Gespräch.

Warum bleibt das Leid vieler Kinder unsichtbar? Sie findet meist im Verborgenen statt. Manche Erscheinungsformen sind gesellschaftlich akzeptiert oder werden stillschweigend hingenommen. Kaum jemand will darüber reden, die Opfer nicht, aus Angst oder Scham, Zeugen von Gewalt nicht, weil sie persönliche Konsequenzen befürchten. „Die Enttabuisierung von Gewalt ist nicht leicht“, sagt Sandra Visscher, „vor allem für die Opfer“. „Wer will schon erzählen, dass er Prügel bezieht, mit einem Gürtel oder einem Stock geschlagen oder sexuell missbraucht wird?“, sagt der Unicef-Kommunikationsbeauftragte Paul Heber.

"Wir wollen es nicht sehen"

„Zum Teil sehen wir nicht, was vor sich geht, zum Teil wollen wir es nicht sehen. Das hat mit sozialen Normen, mit Einstellungen zu tun“, sagt Visscher. Sie zu ändern sei schwierig. „Wir brauchen gesetzliche Reformen, eine einheitliche Definition von Gewalt, kohärente Statistiken, aber wir brauchen vor allem auch eine nationale Strategie gegen Gewalt. Erst dann können sich auch die sozialen Normen ändern.“

Die Unicef-Direktorin könnte sich die nationale Strategie im Rahmen eines nationalen Aktionsplans vorstellen, der die Umsetzung der 1994 unterzeichneten Kinderrechtskonvention zum Ziel hat. In einen solchen Plan gehören ihrer Ansicht nach u. a. Unterstützungsprogramme für Eltern, Aufklärungskampagnen und obligatorische Gewaltpräventionsprogramme in den Schulen und Betreuungseinrichtungen.

"Maison de l'enfant"

In ihren Empfehlungen greift Unicef auch einen Vorschlag des Kinderarztes und Gründers der Vereinigung ALUPSE, Roland Seligmann, auf. Er fordert die Schaffung einer „Maison de l'enfant“, eine zentrale Anlaufstelle für minderjährige Gewaltopfer, wo alle Fäden – von der Diagnose bis zur Betreuung – zusammenlaufen. Seligmann spricht sich auch dafür aus, die Zahl der Hilfsstrukturen zu reduzieren und eine nationale Struktur (service social national) zu schaffen, die 365 Tage im Jahr zugänglich ist und über ein Spezialistenteam für Kinder verfügt.

Wo bleibt das Jugendschutzgesetz?

Eine Reform des Jugendschutzgesetzes lässt seit Jahren auf sich warten. „Uns ist unverständlich, warum die Verbesserung des Kinder- und Jugendschutzes nicht zu den politischen Prioritäten gehört“, sagt die Unicef-Direktorin. In ihrem internationalen Bericht weist die Kinderschutzorganisation darauf hin, dass Kinder, die Misshandlungen, Missbrauch oder Vernachlässigung erleiden, in ihrer gesamten Entwicklung geschädigt werden und lebenslange Konsequenzen davontragen. Sie haben Probleme in der Schule, entwickeln ein geringes Selbstwertgefühl und sind anfällig für psychische Erkrankungen, wie z. B. Depressionen. Viele laufen Gefahr, in ihrem späteren Leben zu Tätern zu werden.

Visscher zufolge „müsste der Politik eigentlich klar sein, dass, abgesehen vom ethisch-moralischen Aspekt, das Nichtstun den Staat Unmengen an Geld kosten und langfristig erhebliche Konsequenzen für die Kohärenz der Gesellschaft haben wird“.

Menschenkette vom Knuedler bis zur Chamber

Anlässlich des internationalen Tages der Kinderrechte (20. November) ruft Unicef Luxemburg die Bevölkerung dazu auf, sich am Freitag (18. November) um 12.15 Uhr auf dem Knuedler einzufinden, um eine Menschenkette bis zur Chamber zu bilden, als Zeichen der Solidarität mit Kindern, die Opfer von Gewalt sind. Gegen 12.40 Uhr überreichen die Unicef-Verantwortlichen den Luxemburger Bericht „Mettre fin à la violence à l'égard des enfants“ an Parlamentspräsident Mars Di Bartolomeo.


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