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Überzeugungen
Leitartikel Politik 2 Min. 30.05.2015

Überzeugungen

Leitartikel Politik 2 Min. 30.05.2015

Überzeugungen

Jean-Lou SIWECK
Jean-Lou SIWECK
Welche Argumente erlauben es die Gegenseite endgültig von der eigenen Meinung zu überzeugen? Die Frage ist bis zum 7. Juni höchst aktuell. Die Antwort findet sich bei Aristoteles.

Bewundernswert ist es schon, wie sich so manche mit Leib und Seele der Debatte um die drei Referendumsfragen verschrieben haben. Für die einen ist es (in der Regel für) das Wahlrecht mit 16, für andere (hier sowohl pro wie kontra) das Ausländerwahlrecht. Die Frage nach den Ministermandaten erweckt offensichtlich weniger Emotionen.

Ob mit Leserbriefen in der Presse oder Präsenz auf Informationsabenden, vor allem aber mit scheinbar unermüdlichem Einsatz in den sozialen Netzwerken: Es wird Flagge gezeigt. Fast gibt es schon kein Entkommen mehr vor einigen der Protagonisten, ob es nun alte und bekannte Hasen der sogenannten Zivilgesellschaft sind, oder bisher diskretere Zeitgenossen.

Bei diesen Überzeugungstätern wird auch eine Woche vor dem Stichtag weiter nach Argumenten gesucht – vor allem nach jenem einen, das die Andersgläubigen unvermeidlich bekehren wird. Ein Bestreben, mit dem sie allerdings nur scheitern können. Denn es ist ein Irrglaube, die Debatte um ein „Ja“ oder ein „Nein“ wäre alleine durch eine bessere Beweisführung ganz rational 
zu gewinnen.

Schon Aristoteles unterschied zwischen drei Redegattungen. Da ist zuerst die Festrede oder der „epideiktische“ Diskurs. Er beschäftigt sich mit unstrittigen Fragen. Ein Klassiker ist der Small Talk übers Wetter. Die Feststellung, ob es nun regnet oder nicht, führt eher selten 
zu längerem Streit.

In eine andere Kategorie fällt die Gerichtsrede, der juristische Diskurs. Komplexer, beschäftigt er sich mit strittigen Fragen, für welche es aber eindeutige Regeln gibt, wie sie zu klären sind. Fakten werden von Richtern anhand des Strafgesetzbuches beurteilt, mit einem, im Idealfall, für jeden nachvollziehbaren Resultat. 

Bei Aktivisten bleibt oft nur Verwunderung, warum es trotz der vermeintlichen Beweise nicht gelingen will, die Gegenseite zu überzeugen."

Die Aktivisten befinden sich in dieser Logik. A plus B plus C wollen sie die Skeptiker von ihrer Position überzeugen. Schnell werden die Argumente der Gegenseite dabei aber einfach als nicht zulässig oder unbedeutend verworfen. Somit bleibt oft nur Verwunderung, warum es trotz der vermeintlichen Beweise nicht gelingen will, zu überzeugen. Als logische Konsequenz werden schließlich auf der anderen Seite niedere Beweggründe vermutet. Beim Thema Ausländerwahlrecht fallen dann bedauerlicherweise schnell Wörter wie „Vaterlandsverräter“ oder „Rassist“.

Aristoteles hätte festgestellt, dass es sich nicht um einen juristischen, sondern um die dritte Gattung, den deliberativen, politischen Diskurs handelt. Und in diesem gibt es eben keine klare Regeln, nach welchen er zu bewerten wäre. Somit ist es unausweichlich, dass das Bauchgefühl eine gewichtigere Rolle spielt als dieses oder jenes Argument.

Im Bildungsbürgertum wird man einwerfen, nur objektive Informationen dürften in den Entscheidungsprozess einfließen. Wozu so mancher Hirnforscher sagen würde, bewusstes Nachdenken sei im Endeffekt nur ein Prozess, der das Gehirn vom optimalen Funktionieren abhält.

Eine politische Debatte kann nur zufriedenstellend geführt werden, wenn akzeptiert wird, dass über die Zukunft diskutiert wird und, dass diese sich uns per Definition nicht erschließt. Ein gesunder Austausch ist demnach nur möglich, wenn man fähig bleibt auch einfach mal anzuerkennen, dass man nicht nur unterschiedlicher Meinung ist, sondern dies auch legitim ist.


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