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Tschernobyl 1986: "Wir tranken Rotwein gegen die Strahlung"
Politik 9 1 5 Min. 25.04.2021 Aus unserem online-Archiv
35 Jahre

Tschernobyl 1986: "Wir tranken Rotwein gegen die Strahlung"

Erinnerungen aus einem anderen Leben: Viktor Wittal lebt seit 1999 in Luxemburg.
35 Jahre

Tschernobyl 1986: "Wir tranken Rotwein gegen die Strahlung"

Erinnerungen aus einem anderen Leben: Viktor Wittal lebt seit 1999 in Luxemburg.
Foto: privat
Politik 9 1 5 Min. 25.04.2021 Aus unserem online-Archiv
35 Jahre

Tschernobyl 1986: "Wir tranken Rotwein gegen die Strahlung"

Viktor Wittal, Jahrgang 1970, ist “Software Architect” beim Luxemburger Wort. Geboren und aufgewachsen ist er in der ukrainischen Stadt Tscherniwzi, zu deutsch Czernowitz. Seine Erinnerungen an die Ereignisse nach dem Super-Gau von Tschernobyl geben einen interessanten Einblick in die Welt hinter dem “Eisernen Vorhang”.

Ich war 1986 in der Schule in Tscherniwzi in der Ukraine. Wir waren eine Sowjetrepublik, mit allem, was dazugehört. Als Breschnew 1982 gestorben ist, haben wir die Beerdigung im Fernsehen in der Schule angeschaut. Wir hatten Angst, dass es jetzt Krieg gibt, weil wir dachten, Breschnew ist die Garantie für den Frieden. So war die Stimmung. 

Mein Vater war Chef der Abteilung für Arbeitssicherheit und Strahlenschutz an der Universität in Tscherniwzi. Das heißt, er hatte natürlich Zugriff auf Messinstrumente, Dosimeter und dergleichen. Wir waren 450 Kilometer südwestlich von Tschernobyl, aber auch bei uns war die Strahlung höher. Offiziell war sie das natürlich nicht, und ich glaube, er hätte es auch nicht rumerzählen sollen. Aber so war die Sowjetunion: Du darfst nichts, aber es kontrolliert auch keiner. Oder fast keiner: Der KGB hat wohl gleich die Dosimeter konfisziert, aber eins haben sie ihm gelassen. 

Ich kann mich nicht genau erinnern, aber im Familien- und Freundeskreis wussten wir bestimmt von den erhöhten Werten, weil mein Vater das wusste.


HANDOUT - 22.04.2021, Ukraine, Tschernobyl: Ilja_Suslow_1986.jpg Autor: unbekannt - Privatarchiv Ilja Suslow Datum: um den 25. August 1986 Ort: 51.390835, 30.096740 Beschreibung: Nach der Errichtung der ersten 17 Meter hohen Kaskade des ersten Betonsakophargs am explodierten Block vier des Atomkraftwerks Tschernobyl posiert Ilja Suslow (r) mit zwei Kollegen für ein Erinnerungsfoto. (zu dpa "35 Jahre Tschernobyl: Atomunglück belastet Zeitzeugen und Politik") Foto: ---/Ilja Suslow/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++
35 Jahre Tschernobyl: Die Last der Zeitzeugen
Am 26. April 1986 zieht nach der Katastrophe von Tschernobyl eine radioaktive Wolke von der Ukraine bis Westeuropa. Der Schock sitzt tief.

 Und ich erinnere mich an den 1. Mai, also ein paar Tage später. Da waren draußen wie immer alle möglichen Paraden, aber meine Mutter hat uns verboten, da hinzugehen. Meine Schwester erinnert sich auch, dass uns an dem Tag “die Wolke” erreicht hat und es abends regnete.

In der Schule hat niemand offiziell was gesagt – weil offiziell nichts passiert war. Wir haben es aber natürlich gewusst. Eine Schülerin kam neu zu uns, sie war nur ein paar Monate da. Sie kam aus Kiew und wir wussten alle, dass ihre Eltern sie zu uns geschickt hatten, weil sie bei uns weiter weg von Tschernobyl war.

Die Auswirkungen haben wir dann irgendwie mitbekommen. Es war die Rede von Jodtabletten, und dass man lieber keine Pilze isst. Man hatte Angst, auf dem Markt einkaufen zu gehen, weil man ja nicht wusste, woher das Gemüse kommt. Und: Es gab irgendwoher die Information, dass Rotwein die radioaktive Strahlung aus dem Körper schafft. Deshalb haben alle viel davon getrunken, auch wir Jugendlichen. Alle tranken Cabernet. Mein Vater hat irgendwoher auch zwei Kisten besorgt, wie auch immer er das geschafft hat.

Ich kann mich auch erinnern, dass Freiwillige nach Tschernobyl gefahren sind, um zu helfen. Die Leute, die da als erstes hinkamen und es geschafft haben, das Feuer zu löschen, haben uns alle gerettet. Das Problem wäre ja europaweit viel größer gewesen, wenn es da weitergebrannt hätte. Ein Schulkamerad aus meiner Parallelklasse war auch dabei. Er ist später mit 42 gestorben, “Gefäßprobleme”. Alle, die mit ihm hingefahren sind, sind schon tot.

Später hat uns das nicht mehr allzu sehr beschäftigt. Die Stadt hatte eigene Probleme, Ende der 1980er kam in Tscherniwzi eine rätselhafte Krankheit auf, bei der Kinder ihre Haare verloren und halluzinierten. Die Ursachen wurden glaube ich nie ganz geklärt, allerdings hatte das nichts mit radioaktiver Strahlung zu tun. Eine Erklärung war, dass es etwas mit Raketentreibstoff zu tun hätte, den die Rote Armee dort aus dem Tanklaster verschüttet hatte. Jedenfalls war das das erste Mal, dass Leute offen Informationen über ein Problem eingefordert haben, und da konnte die Regierung auch nicht mehr schweigen. Bei Tschernobyl ein paar Jahre vorher gab es das nicht. Das war weit von uns weg - “hoffentlich”. 

Von der internationalen Aufregung haben einige wohl über den Radiosender Radio Svoboda (“Radio Free Europe”) mitbekommen und das dann über Mundpropaganda weitergetragen. Mein Vater hat sicher auch Messungen für die Regierung gemacht, aber offiziell kam da nichts.

Einige Jahre später gab es dann aber Entschädigungen für die Betroffenen und auch Ehrungen für die, die geholfen und überlebt hatten. Ich habe Mitte der 1990er als Informatiker in einem medizinischen Zentrum gearbeitet, da haben wir extra ein Messgerät bekommen, um die Strahlung diagnostizieren und dokumentieren zu können. Zu uns kamen zum Beispiel einige aus der Gegend um Kiseliv, das war ein Dorf, das durch die Strahlung schwer betroffen war. Die Regierung hatte die verstrahlte Wolke von Moskau weghalten wollen und mit dem Militär dafür gesorgt, dass sie sich vorher in Richtung Kiew ausregnet. Ich glaube aber, wir haben nicht viel gefunden.

Aufgezeichnet und ergänzt von Tom Rüdell

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