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Streitgespräch: Die Debatte um den Artuso-Bericht
Die angeregte Debatte fand im Musée Dräi Eechelen statt.

Streitgespräch: Die Debatte um den Artuso-Bericht

Foto: Lex Kleren
Die angeregte Debatte fand im Musée Dräi Eechelen statt.
Politik 12 2 3 Min. 14.12.2015

Streitgespräch: Die Debatte um den Artuso-Bericht

Historiker über die Deutung und mögliche Fehler des Artuso-Berichts. Am Dienstag veröffentlicht wort.lu nochmals eine Wiederholung und einen Zusammenschnitt eines Streitgesprächs zwischen Historikern. Hier unser Rückblick auf den Artuso-Bericht.

(rar) - Der Streit um die Aufarbeitung der Kollaboration der Luxemburger Verwaltungskommission mit den Nazi-Besatzern im Zweiten Weltkrieg ist noch nicht ausgestanden. Im Musée Dräi Eechelen fand am Montag eine weitere Debatte statt, zwischen den Historikern, die sich seit Monaten über den Inhalt und die Deutung des "Artuso-Berichts" streiten.  Die Teilnehmer am Streitgespräch waren: Vincent Artuso, Charles Barthel, Marie-Paule Jungblut, Michel Pauly und Henri Wehenkel. Moderiert wurde die von der „Association luxembourgeoise des enseignants d'histoire“ (Aleh) organisierte Diskussionsrunde vom Historiker Jacques P. Leider.

Am Dienstag veröffentlicht wort.lu nochmals eine Wiederholung und einen Zusammenschnitt eines Streitgesprächs zwischen Historikern. Hier zunächst einmal  unser Rückblick auf den Artuso-Bericht.

Luxemburg und die Juden-Frage

Wie es vom Artuso-Bericht zum Historikerstreit kam, zeigt eine chronologische Auflistung der wichtigsten Ereignisse in der Debatte um die Judenfrage in Luxemburg:

22. Februar 2013: In einem Schreiben an RTL rückt der Historiker Denis Scuto die Rolle Luxemburgs während des Zweiten Weltkriegs in ein neues Licht. Er spricht darin vom "Mythos der aktiven Auflehnung" Luxemburs gegen den Nazi-Okkupanten. Laut Scuto habe die  Verwaltungskommission bis zu ihrer Auflösung im Dezember 1940 mit dem Nazi-Okkupanten kollaboriert. Ein Teil ihrer Arbeit sei die Umsetzung der antisemitischen Gesetze in Luxemburg gewesen. Eine aktive Rolle habe die Kommission insbesondere bei der Identifikation und Erfassung der jüdischen Bevölkerung Luxemburgs gespielt.

Mai 2013: Noch unter der Regierung Juncker wird ein Forschungsteam um Vincent Artuso mit der Aufarbeitung der Rolle der Verwaltungskommission im Zweiten Weltkrieg betraut. Artuso hatte sich bereits 2011 in seiner Doktorarbeit „La collaboration au Grand-Duché de Luxembourg durant la Seconde Guerre mondiale (1940-1945). Attentisme, coopération, assimilation“ mit dem Thema befasst.

10. Februar 2015: Das Historikerteam um Vincent Artuso kommt in seinem Bericht ("La question juive au Luxembourg - 1933-1941") zu dem Schluss, dass die Verwaltungskommission, die 1940 als Ersatzregierung agierte, eine Mitschuld an der Deportation der Juden trifft.

9. Juni 2015: Das Luxemburger Parlament entschuldigt sich offiziell bei der jüdischen Gemeinschaft für das Fehlverhalten der Behörden während des Zweiten Weltkriegs. Mit dem symbolischen Akt wurden die Juden offiziell als Opfer der Nazi-Besatzung anerkannt.

10. Oktober 2015: In einem langen Leserbrief im "Luxemburger Wort" unter dem Titel "Die "Judenfrage" in Luxemburg - Meilenstein oder Stolperfalle?" macht der Historiker Charles Barthel erstmals seine Kritik an den "Unzulänglichkeiten des Artuso-Berichts" öffentlich.

31. Oktober 2015: Vincent Artuso antwortet seinem Kritiker Charles Barthel in einem offenen Brief "Un temps déraisonnable": "Les débats entre historiens peuvent être vifs, voire brutaux, mais ils sont toujours construits sur des arguments. Il ne s’agit pas d’éliminer l’adversaire mais de convaincre l’auditoire. Le contraire, en somme, de ce que fait Charles Barthel."

19. November 2015: Der Historiker Denis Scuto hat eine neue Liste von Namen polnischer Juden gefunden, die die Luxemburger Behörden im Jahre 1940 der deutschen "Geheimen Staatspolizei" (Gestapo) übermittelt haben sollen. Die neuen Ergebnisse seiner Forschung inklusive der Originalliste publizierte Scuto im "Tageblatt".

12. Dezember 2015: Nächste Runde im "Historikerstreit": Charles Barthel reagiert auf die Vorwürfe von Denis Scuto in einem weiteren ausführlichen Beitrag, den das "Luxemburger Wort" veröffentlicht (Eine etwas andere Lesart ... Zur Entstehungsgeschichte einer Liste von „hierzulande angesiedelten Juden polnischer Abstammung“).

Mit Material von Marc Thill, Christoph Bumb, Dani Schumacher


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