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Staat und katholische Kirche: Die aufgezwungenen Chancen
Politik 1 3 Min. 24.01.2015

Staat und katholische Kirche: Die aufgezwungenen Chancen

Politik 1 3 Min. 24.01.2015

Staat und katholische Kirche: Die aufgezwungenen Chancen

Das Abkommen zwischen Regierung und Glaubensgemeinschaften wird nicht nur das Verhältnis zwischen dem Staat und den Kirchen neu regeln. Auch die katholische Kirche wird sich in den nächsten Jahren grundsätzlich verändern, meint Erzbischof Jean-Claude Hollerich.

(DS) - Am Montag werden die Regierung und die Vertreter der Glaubensgemeinschaften das Abkommen unterzeichnen, das das Verhältnis zwischen dem Staat und den Kirchen in Luxemburg völlig neu regeln wird. Auch wenn die Initiative nicht von der katholischen Kirche ausging, so zeigt sich Erzbischof Jean-Claude Hollerich im Nachhinein doch zufrieden.

Das Oberhaupt der katholischen Kirche in Luxemburg erkennt in der neuen Grundlage für das Miteinander zwischen dem Staat und den Kirchen nämlich auch Chancen. Die gesamte Gesellschaft befinde sich in einem fundamentalen Kulturwandel, der neue Wege unausweichlich mache, so der Erzbischof im Interview mit dem Luxemburger Wort. Nachdem die Regierung die Initiative ergriffen hatte, um eine Trennung zwischen Staat und Kirche zu erwirken, musste sich auch die katholische Kirche bewegen, sich in Frage stellen und, last but not least, ganz neu aufstellen: „Die Kirche schleppt teilweise Jahrhunderte alte Lasten mit sich. Nun haben wir die Chance, Ballast abzuwerfen.“

Wer es warm haben will, muss zahlen

Hollerich ist sich zwar bewusst, dass die Kirche um einiges ärmer werden wird. Doch das schade ihr nicht wirklich. „Wir müssen mit den Mitteln zurecht kommen, die wir haben.“ Im Klartext bedeutet dies, wenn man wolle, dass die Kirche geheizt werde, müsse man auch bereit sein, etwas dafür zu tun, so der Erzbischof.

Der Erzbischof vermag heute noch nicht zu sagen, ob es möglich sein wird, alle Kirchen zu halten, oder ob einige aufgegeben werden müssen. Für ihn steht allerdings schon heute fest: „Wenn es aber keine Gemeinschaft mehr gibt, die ihre Kirche behalten will, in dem Fall habe ich kein Problem, die Kirche aufzugeben. Dann wird die Kirche nämlich nicht mehr gebraucht.“

Die Absicherung der Kultusdiener

Besonders wichtig ist dem Erzbischof, dass die Kultusdiener finanziell abgesichert werden konnten: „Als Bischof trage ich die Verantwortung für die Mitarbeiter der Kirche. Ich war sehr erleichtert, als wir uns auf das 'pacta sunt servanda' verständigen konnten, das zu Beginn der Verhandlungen nicht Bestandteil des Abkommens war.“

Vorerst keine Änderungen bei den Kirchenfabriken

Generalvikar Erny Gillen, der zusammen mit dem Erzbischof und dem Direktor des Centre Jean XXII, Jean Ehret, mit der Regierung verhandelte, stellt zudem klar, dass bei den Kirchenfabriken vorerst alles beim Alten bleibt: „Die Kirchenfabriken werden mit der Unterschrift des Abkommens nicht abgeschafft, sie funktionieren bis auf Weiteres unverändert weiter. Vor dem 1. April 2017 wird sich nichts ändern. Bis dahin haben wir Zeit, auf lokaler Ebene eine Einigung zu erzielen.“

Zu dem neuen Fonds, in das das Vermögen der Kirchenfabriken überführt werden soll merkt der Direktor des Centre Jean XXIII, Jean Ehret an, „dass Schenkungen oder Spenden, die für eine bestimmte Kirche gemacht wurden, selbstverständlich bei dieser Kirche verbleiben werden“. Die Absicht der Spender werde respektiert, man werde den betroffenen Kirchenfabriken ihre Vermögenswerte nicht einfach wegnehmen: „Wir werfen nicht alles in einen großen Topf. Allerdings wird der Aspekt der Solidarität spielen.“

Der Zukunftsfonds

Solidarität erwartet sich die Katholische Kirche aber auch von den heutigen Kultusdienern. Auf freiwilliger Basis sollen sie sich an einem Zukunftsfonds beteiligen, „damit wir in Zukunft Geistliche und Laien einstellen und ihnen einen dezenten Lebensunterhalt sichern können“, so Erzbischof Hollerich. Die Spenden seien freiwillig, es gebe keine Verpflichtung. Allerdings setzt man bei der Kirche auf die Eigenverantwortung der Kultusdiener.

In einem Punkt zeigt sich der Erzbischof allerdings enttäuscht. Er bedauert zutiefts, dass der Religionsunterricht abgeschafft  und durch einen allgemeinen Werteunterricht ersetzt wird. Tröstlich sei aber, "dass in dem neuen, gemeinsamen Unterrichtsfach das Phänomen der Religionen noch behandelt werden wird..." und dass der Kultusrat bei der inhaltlichen Gestaltung des Unterricht mitreden darf. 


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