Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Sozialpanorama: Tendenz zu Ungleichheiten ungebrochen
Politik 4 Min. 27.04.2019 Aus unserem online-Archiv

Sozialpanorama: Tendenz zu Ungleichheiten ungebrochen

In Sachen gerechterer Umverteilung hat die Regierung Hausaufgaben zu erledigen - die Situation Alleinerziehender und ihrer Kinder ist beschämend.

Sozialpanorama: Tendenz zu Ungleichheiten ungebrochen

In Sachen gerechterer Umverteilung hat die Regierung Hausaufgaben zu erledigen - die Situation Alleinerziehender und ihrer Kinder ist beschämend.
Foto: Wolfram Steinberg/dpa
Politik 4 Min. 27.04.2019 Aus unserem online-Archiv

Sozialpanorama: Tendenz zu Ungleichheiten ungebrochen

Annette WELSCH
Annette WELSCH
Arbeitnehmerkammer präsentiert das Sozialpanorama 2019 und macht sich Sorgen über steigende Ungleichheiten.

Die Chambre des salariés (CSL) ließ es sich diese Woche nicht nehmen, ihr traditionelles Sozialpanorama mit seiner Vielzahl an Statistiken vorzustellen. Pünktlich zu den Haushaltsdebatten im Parlament sollte der Regierung und den Volksvertretern wohl vor Augen geführt werden, dass es mit der sozialen Kohäsion nicht ganz so weit her ist. Trotz florierender Betriebe und anhaltenden Wirtschaftswachstums, profitiert bei weitem nicht jeder gleichermaßen vom Wohlstand des Landes. 

So ist beispielsweise der Gini-Koeffizient, mit dem die Ungleichheit der Einkommensverteilung gemessen wird, seit 2005 stark gestiegen: Er übersteigt seit 2016 den Durchschnitt in der Eurozone und auch der leichte Rückgang 2017, dem Jahr der Steuerreform, ändert daran nichts. Er liegt bei rund 0,3 nach Steuern und Sozialtransfers – hätte er den Wert 1, läge alles Einkommen einer Gesellschaft in einer Hand, hätte er den Wert 0 wäre alles gleichmäßig verteilt.  „Die Tendenz nach oben hält an“, zeigte sich der Berater der CSL-Direktion im Bereich Studien, Félix Martins de Brito, besorgt.

Ungleiche Gehaltssteigerungen 

Keinen Grund, die Hände in den Schoß zu legen, zeigen auch die Korrekturen des Staates zur gerechteren Verteilung auf: Durch die Steuern und Sozialtransfers sinkt die Ungleichverteilung zwar von 0,48 auf rund 0,3, andere Länder bringen aber auch hier bessere Resultate zustande. 

Tatsache ist, dass die Zahl der Haushalte, die angeben, Schwierigkeiten zu haben, finanziell über die Runden zu kommen, im Steigen begriffen ist. Sie ist seit 2003 um 50 Prozent gestiegen. Eine der Erklärungen dafür ist: Die 20 Prozent niedrigsten Gehälter, die bei ungefähr 1,2 mal dem Mindestlohn liegen, sind zwischen 2000 und 2017 um 40,3 Prozent in die Höhe gegangen, auf 68,2 Prozent mehr haben es dagegen die fünf Prozent höchsten Gehälter gebracht. Und weil sich die CSL auf die Angaben der Generalinspektion der Sozialversicherung stützt, die wiederum nur die auf 5,3 mal den Mindestlohn gedeckelten Gehälter in Betracht zieht, dürfte der reelle Unterschied noch viel höher liegen, gab Martins de Brito zu bedenken. 


Ungleich weniger Kaufkraft 

Für die Kaufkraft bedeutet das: Seit 2010 ist sie bei den 20 Prozent niedrigsten Gehaltsklassen um 2,3 Prozent gestiegen. Die fünf Prozent höchsten Gehaltsklassen hatten dagegen 8,1 Prozent mehr Geld im Portemonnaie. Und während die Kleinverdiener zwischen 2015 und 2016 mit sinkender Kaufkraft zu kämpfen hatten, füllte sich der Geldbeutel der Höchstverdiener auch in dieser, vom Sparpaket gekennzeichneten, Zeit weiter an. 

Das Armutsrisiko (working poor) ist derweil bei den Angestellten im Privatsektor in Luxemburg das höchste innerhalb der Eurozone. Hier müsse man nun abwarten, wie sich die Erhöhung des Mindestlohns auswirkt, meint Martins de Brito. 

Armutsrisiko steigt beharrlich 

Überhaupt steht Luxemburg bei der Armutsbekämpfung nicht gut da. Seit Anfang der 2000er-Jahre, als es bei gut zehn Prozent lag, zieht es an und erreicht mittlerweile gut 18 Prozent. „Die Sozialtransfers hatten durchaus deutliche Auswirkungen, besonders zwischen 2010 und 2013, haben in den vergangenen Jahren allerdings an Effizienz verloren“, bedauerte Martins de Brito. 

Dass die Wohnkosten besonders schwer zu Buche schlagen, braucht nicht weiter hervorgestrichen zu werden. Mittlerweile „fressen“ sie rund 64 Prozent des Einkommens der ärmeren Haushalte auf, 31 Prozent sind es bei den nicht-armen. Der Unterschied von 32,6 Prozentpunkten ist der höchste in der Eurozone. 

 Mit 46 Prozent ist das Armutsrisiko am meisten ausgeprägt bei den Alleinerziehern. Luxemburg wird hier unter den Ländern der Eurozone nur noch von Litauen getoppt. Ganz bedenklich ist dabei, dass die Kinder, die in einem solchen Haushalt groß werden, 3,5-mal mehr materiellen Entbehrungen ausgesetzt sind als andere Kinder in Luxemburg. „Es bietet sich an, über die Situation von Alleinerziehern eine Tiefenanalyse durchzuführen“, regte Martins de Brito an. 

Tiefenanalysen bieten sich an

Dasselbe gilt für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Hier ergibt die Einschätzung der Arbeitnehmer, dass sie in den vergangenen fünf Jahren eher in die falsche Richtung läuft. Über die Gründe könne man nur spekulieren. „Wir bräuchten mehr Details, welche Sorte Arbeit betroffen ist, ob es am mangelnden Abschalten in Zeiten der ständigen Erreichbarkeit liegt oder an der Dauer im Verkehr“, hieß es von der CSL. 

Dem CSL-Präsidenten Jean-Claude Reding bereitet derweil die Entwicklung bei den atypischen Arbeitsverträgen Sorge, die jedes Jahr um 0,5 Prozent steigen. „Befristete Arbeitsverträge nehmen seit 2005 stark zu. Besonders betroffen sind junge Arbeitnehmer bis 25 Jahre, denen damit ein schwerer Start ins Berufsleben bereitet wird.“ Mit 9,1 Prozent an der Gesamtbeschäftigung liegt Luxemburg weit unter dem EU-Schnitt von 16 Prozent. Aber: Bei den jungen Leuten sind mittlerweile 41,5 Prozent betroffen.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Statec stellt Sozialbericht 2015 vor: Jeder Fünfte von Armut bedroht
Luxemburg zählt zu den reichsten und wirtschaftlich erfolgreichsten EU-Staaten. Dennoch ist jeder fünfte Bürger von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Am stärksten betroffen sind ausländische Haushalte, Menschen mit geringer Bildung und Arbeitslose. Am Donnerstag stellte das Statec seinen neuesten "Rapport travail et cohésion sociale" vor.
Als armutsgefährdet gelten in Luxemburg Menschen, die monatlich mit weniger als 1.716 Euro auskommen müssen. Ausländische Haushalte sind stärker von Armut bedroht als Luxemburger Haushalte.
Die Schere klafft auseinander
Die soziale Schere öffnet sich. Die Ungleichheiten zwischen den Besser- und den Geringverdienern werden größer. Zu diesem Fazit gelangt die Arbeitnehmerkammer in ihrem jüngsten Sozialpanorama.
Die Zahl der Menschen, die auf RMG angewiesen sind, steigt kontinuierlich an.