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Sozialalmanach: Caritas untersucht soziale Kohäsion
Politik 3 Min. 20.04.2018 Aus unserem online-Archiv

Sozialalmanach: Caritas untersucht soziale Kohäsion

 Caritas-Präsidentin Marie-Josée Jacobs und Caritas-Sprecher Robert Urbé sorgen sich um das Zusammenleben in Luxemburg

Sozialalmanach: Caritas untersucht soziale Kohäsion

Caritas-Präsidentin Marie-Josée Jacobs und Caritas-Sprecher Robert Urbé sorgen sich um das Zusammenleben in Luxemburg
Foto: Caritas
Politik 3 Min. 20.04.2018 Aus unserem online-Archiv

Sozialalmanach: Caritas untersucht soziale Kohäsion

Annette WELSCH
Annette WELSCH
Pünktlich für die Rede zur Lage der Nation beleuchtet die Caritas in ihrem Sozialalmanach die soziale Lage Luxemburgs mit dem diesjährigen Schwerpunkt auf der Frage des Zusammenlebens.

Konkret geht es um „das Zusammenleben in einem kleinen, aber ganz heterogenen Land, das schnell wächst“, wie Caritas-Präsidentin Marie-Josée Jacobs sich ausdrückt, als am Donnerstag der Sozialalmanach 2018 vorgestellt wird. Er knüpft demnach am Almanach des vergangenen Jahres an, bei dem es um den „1,1 Millionen Awunnerstaat“ geht und vertieft die Frage: „D'sozial Kohäsioun um Spill?“.

„Der Schlüssel für ein gutes Zusammenleben ist die Integration im täglichen Leben“, sagt die ehemalige CSV-Ministerin und fordert: „ Deswegen brauchen wir den Nationalen Integrationsplan, der seit 2014 nicht mehr besteht.“ Besonders wichtig sei die Integration der Flüchtlinge - dass sie die Sprache lernen und die Kinder die Schule besuchen. „Das kostet Geld - ja, aber wenn wir die Integration nicht schaffen, dann kostet es das Land auf Dauer noch viel mehr.“ Man dürfe auch die Integration der 10.000 Personen nicht vergessen, die jährlich ins Land kommen und keine Flüchtlinge sind.

Über Revis noch eine gesellschaftliche Debatte führen

Caritas-Sprecher Robert Urbé, der im Almanach auch die soziale Lage Luxemburgs 2017-2018 beleuchtet und für den Statistik-Teil verantwortlich zeichnet, hebt zwei Brennpunkte hervor: Die Reform des garantierten Mindesteinkommens (RMG) und die Wohnungssituation. Die RMG-Reform hin zum neuen Revis (Revenu d'inclusion sociale) habe durchaus positive Aspekte, die in die richtige Richtung gingen. Es werde aber nichts am Betrag geändert und das Hauptproblem sei, dass das Recht auf ein soziales Mindesteinkommen verloren gehe.

Dadurch, dass von Aktivierung gesprochen werde, leite man einen Paradigmenwechsel ein. „Die Botschaft ist: Das sind alles Faulpelze, die nichts verdient haben“, ereiferte er sich. Und das sei „dommt Gebraddels“, denn mehr als 80 Prozent der RMG-Bezieher würden arbeiten und bekämen nur die Ergänzungszahlungen, um auf ein garantiertes Mindesteinkommen zu kommen. „Sie arbeiten hart, es reicht dennoch nicht und wir machen uns lustig über sie - es wird Zeit, dass damit Schluss ist.“

Den Lippenbekenntnissen zu den Sozialwohnungen müssen Taten folgen


Das Wachstum hinterfragen

Im Wohnungsbau monierte Urbé, dass das Gesetz zu den Baulandverträgen nicht vorankommt und auch beim Thema Baugenossenschaften nicht passiert. Es werde auch nicht genug Geld für den sozialen Mietwohnungsbau bereitgestellt - wie soll da der Rückstand von 30.000 Sozialwohnungen aufgefangen werden?, fragte Urbé. Den Lippenbekenntnissen müssten endlich Taten folgen. Er sehe auch keinen Fortschritt durch die Auflage an private Bauträger, zehn Prozent der Wohnungen zu sozialen Preisen veräußern zu müssen.

Zum Thema Wachstum forderte Urbé dazu auf, Aussagen wie „Ohne Wachstum geht es nicht“ oder „Wir brauchen ein Wachstum von vier Prozent im Jahr“ zu hinterfragen. „Das hieße eine Verdoppelung innerhalb von 25 Jahren - das kann nicht unser Ziel sein.“ Als Ursprung des Wachstumsgedankens machte er die Überlegung aus, dass man so immer mehr geben könne, ohne irgendjemandem etwas wegnehmen zu müssen - so funktionierten Politiker eben. „Wir müssten mehr diskutieren, was wir tatsächlich brauchen und was überflüssig ist“, meinte Urbé.

Arm und Reich klaffen zunehmend auseinander

Wachstum an sich garantiere auch nicht, dass jeder gleich davon profitiert. Nach der OECD  steige die Armut seit dem zweiten Weltkrieg an und der  Reichtum, der geschaffen wird, gehe an die Kapitalseite und nicht an die Lohnabhängigen. „Die Löhne sind zwar stetig gestiegen, aber im Verhältnis hat die Lohnarbeit an Wert verloren.“ Auch in Luxemburg seien die Ungleichheiten und die Armut seit 2004 gestiegen. „Das ist die Konsequenz der Politik, die betrieben wurde und der, die nicht betrieben wurde.“

Zehn nationale und internationale Autoren liefern im Sozialalmanach diesmal Beiträge zum Thema soziale Kohäsion und befassen sich beispielsweise mit der Sicht junger Luxemburger, mit der gesellschaftlichen Integration, dem Zusammenhang zur mentalen Gesundheit, dem Einsatz von Pflegerobotern, dem Beitrag der Universität Luxemburg oder auch mit dem Grundeinkommen. Der Almanach enthält aber auch Empfehlungen an die Parteien für ihre Wahlprogramme. 


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Presentation Sozialalmanach Caritas 2015 par Marie-Josee Jacobs, a Luxembourg, le 24 Avril 2015. Photo: Chris Karaba