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So "gerecht" ist Luxemburg
Politik 3 Min. 19.02.2019 Aus unserem online-Archiv

So "gerecht" ist Luxemburg

Der Welttag der sozialen Gerechtigkeit soll auf gesellschaftliche Ungleichgewichte aufmerksam machen.

So "gerecht" ist Luxemburg

Der Welttag der sozialen Gerechtigkeit soll auf gesellschaftliche Ungleichgewichte aufmerksam machen.
Foto: Shutterstock
Politik 3 Min. 19.02.2019 Aus unserem online-Archiv

So "gerecht" ist Luxemburg

Wohlstand und Wirtschaftswachstum allein sind noch kein Garant: In Fragen gesellschaftlicher Verteilung und Teilhabe heimst Luxemburg im EU-Vergleich Lob und Tadel ein.

(wel/GlS) - Auch wenn die soziale Inklusion zu den zentralen Themen unserer Zeit gehört, ist der Welttag der sozialen Gerechtigkeit nur wenigen Menschen bekannt. Er wurde 2007 von den Vereinten Nationen initiiert und findet seit 2009 jährlich am 20. Februar statt. Hintergrund des Tages ist es, auf Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft aufmerksam zu machen und die Bemühungen zu stärken, diesen entgegenzuwirken. Das Motto in diesem Jahr ist bezeichnend für die Initiative: „Wenn du Frieden und Entwicklung möchtest, dann arbeite an der sozialen Gerechtigkeit“. 

Im „Social-Justice-Index“, den die deutsche Bertelsmann Stiftung seit 2008 veröffentlicht, werden die 28 EU-Mitgliedsstaaten anhand von sechs Kriterien untersucht. Im letzten Bericht verschlechtert sich Luxemburg um einen Platz im Vergleich zum Vorjahr. Auffallend ist vor allem das Nord-Süd-Gefälle im Index: Angeführt wird die Liste weiterhin von den skandinavischen Ländern, Griechenland bildet derweil nach wie vor das Schlusslicht.

Armutsprävention

Platz zehn für Luxemburgs Armutsrisiko. Negativ fällt die hohe Kinderarmutsrate von 23 Prozent auf. Vor allem wird aber der dramatische Anstieg des Armutsrisikos bei Alleinerziehenden von 25,2 Prozent im Jahr 2003 auf 46,1 Prozent im Jahr 2013 moniert.

Gerechte Bildung

Im Hinblick auf gerechte Bildungschancen belegt Luxemburg lediglich den 18. Platz unter den EU-Staaten. Im Bericht der Stiftung werden zwar einige Fortschritte gelobt, so beispielsweise die Halbierung der Zahl der Schulabbrecher sowie Anstrengungen im Bereich der Integration von Migrantenkindern, dennoch bestehe in einigen Bereichen weiterhin Handlungsbedarf. Dies betreffe vor allem die unterschiedlichen Bildungschancen von Luxemburgern und Ausländern. Bemängelt wird allen voran, dass ausländische Schüler statistisch gesehen deutlich seltener die Hürde von der Grundschule hin ins klassische Gymnasium überwinden als ihre luxemburgischen Mitschüler. Als Hauptgrund hierfür nennt der Bericht die sprachliche Situation hierzulande. 

Arbeitsmarktzugang

Platz zehn insgesamt überdeckt die relativ hohe Arbeitslosenquote bei jungen Menschen (Platz 16), die geringe Beschäftigtenrate insgesamt (Platz 15), vor allem bei Älteren (Platz 25) und der Platz unter den Schlusslichtern bei den sogenannten Working Poor.

Soziale Kohäsion

Platz fünf im EU-weiten Vergleich. Auch wenn Luxemburg im Vorjahr noch den dritten Rang innehatte, kann sich das Land nach wie vor zum Kreis der europäischen Spitzenreiter im Bereich der sozialen Kohäsion zählen. Ausschlaggebend hierfür ist unter anderem der niedrige Anteil an sogenannten NEETs, also jungen Menschen, die keine Schule besuchen, jedoch auch keiner Arbeit nachgehen und sich in keiner beruflichen Ausbildung befinden. Als zusätzliche wertvolle Stütze des sozialen Zusammenhalts wird das garantierte Mindesteinkommen (RMG) gewertet, das sicherstellt, dass den betroffenen Menschen existenzsichernde Leistungen zugute kommen. Des Weiteren loben die Forscher, dass es im Zuge der Migration hierzulande zu weniger ethnischen Konflikten und Diskriminierungen käme, als es in den anderen EU-Mitgliedstaaten der Fall sei.

Gesundheit

Auch wenn ein Platz verloren ging und Luxemburg nun auf Platz drei landet, bekommt es viel Lob für sein Gesundheitssystem: Nur 0,9 Prozent der Versicherten geben beispielsweise an, aufgrund von Kosten, Distanz oder Wartezeiten keine Behandlung erhalten zu haben. Es sei leistungsfähig und mit guten Resultaten, aber auch teuer aufgrund der hohen Gehälter der Angestellten, der hohen technisch-medizinischen Ausstattung und der geringen Eigenbeteiligung der Patienten. Eine gute Note bekommt die Gesundheitspolitik, denn die Leistungen seien verbessert worden und das Krankengeld noch besser als in den skandinavischen Ländern. Kritisch wird gesehen, dass sich das gute System nicht auch in entsprechend vielen Jahre bei guter Gesundheit niederschlägt. Denn die Lebenserwartung ist durchaus hoch in Luxemburg, aber nur 62,2 Lebensjahre werden ohne gesundheitliche Einschränkungen verbracht. Das hat sich seit 2006 nur um ein halbes Jahr verbessert und die Schweden sind zwölf Jahre länger gesund.

Generationengerechtigkeit

Hohe Kinderarmut, aber dafür die geringste Armut in der EU bei den über 65-Jährigen mit 8,2 Prozent – das ist nicht gerade generationengerecht, kritisieren die Forscher. Schlimmer noch sieht es bei der Klimabilanz aus: Der mit Abstand höchste Ausstoß an Treibhausgasen in der EU mit alarmierenden 19,9 Tonnen pro Kopf (2013) und der geringste Anteil an erneuerbaren Energien. Dieser stieg nur leicht von 2,7 Prozent Anteil am Gesamtenergieverbrauch im Jahr 2007 auf 4,5 Prozent im Jahr 2014. Ein so wohlhabendes Land müsste politisch stärker gegen diese globale Bedrohung vorgehen, wird gefordert. Dafür belastet die vergleichsweise geringe Staatsschuld kommende Generationen weniger als in anderen Ländern.


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