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Sieben Fragen zur neuen Pflegeversicherung
Politik 3 Min. 12.07.2017 Aus unserem online-Archiv
Pflege zu Hause

Sieben Fragen zur neuen Pflegeversicherung

Die Verwaltungsstelle der Pflegeversicherung ermittelt individuell die Bedürfnisse einer Person. Der Pflegeplan reiht sich aber künftig in ein System mit 15 Pflegestufen ein.
Pflege zu Hause

Sieben Fragen zur neuen Pflegeversicherung

Die Verwaltungsstelle der Pflegeversicherung ermittelt individuell die Bedürfnisse einer Person. Der Pflegeplan reiht sich aber künftig in ein System mit 15 Pflegestufen ein.
Foto: Shutterstock
Politik 3 Min. 12.07.2017 Aus unserem online-Archiv
Pflege zu Hause

Sieben Fragen zur neuen Pflegeversicherung

Bérengère BEFFORT
Bérengère BEFFORT
Die Anpassungen an der Pflegeversicherung standen drei Jahre lang zur Diskussion. Nun billigten die Abgeordneten das neue Gesetz. Berichterstatterin Taina Bofferding erklärt, was den Pflegebedürftigen zusteht.

(BB) - Die Pflegeversicherung wird rund 20 Jahre nach ihrer Einführung reformiert.  Die Eckpunkte stellte Berichterstatterin Taina Bofferding (LSAP) am Mittwoch bei der Abstimmung im Parlament vor. Das "Wort" hat die wichtigsten Änderungen und grundsätzlichen Ausrichtungen zusammengefasst. Ein Überblick in sieben Fragen.

Wieso kommt es zu Änderungen?

Als das System der Pflegeversicherung vor ein paar Jahren untersucht wurde, sah die Wirtschaftssituation wenig rosig aus. Unklar war, ob das großzügige und stark beanspruchte Betreuungssystem langfristig gewährt werden kann. Minister Romain Schneider kündigte so denn im Sommer 2014 eine Reform an. Zugleich kam es zu vereinzelten Maßnahmen im Rahmen des Zukunftspakets der Regierung.
Drei Jahre später weist die Pflegeversicherung wiederum satte Überschüsse von rund 42 Millionen Euro auf. Von erheblichen strukturellen Änderungen ist nicht mehr die Rede. Die Leistungen werden allerdings neu zusammengestellt. "Ein System muss sich weiterentwickeln, um sich an den technischen Entwicklungen und den neuen Bedürfnissen seiner Bezieher anzupassen", sagt Berichterstatterin Taina Bofferding. Die LSAP-Abgeordnete fasst das Gesetz so zusammen:

  • bessere Leistungen für Pflegebedürftige;
  • eine gesetzlich geregelte Qualität, an der sich die Dienstleister orientieren können;
  • ein transparentes System durch mehr Kontrollen.

Was ändert sich, was bleibt?

So wie bisher wird jede pflegebedürftige Person eine individuell zugeschnittene Pflege erhalten. Ältere Menschen sollen möglichst lange in ihrer Wohnung verbleiben können und bekommen hierfür Unterstützung bei den alltäglichen Aktivitäten des Lebens. Sei es beim Anziehen, bei der Ernährung oder der Körperpflege.
Begleitende Leistungsangebote werden anders gewichtet und es kommen neue Angebote bei den Nachtwachen hinzu.

Die Gewerkschaften und die Vertreter der Dienstleister hegten Bedenken an den gesetzlichen Anpassungen. Sind Leistungsverschlechterungen zu befürchten?

"Jede Person erhält weiterhin einen Pflegeplan, der ihren Bedürfnissen entspricht", beschwichtigt Taina Bofferding. Die Einstufung wird unverändert von der Cellule d'évaluation durchgeführt, die zur eigenständigen Verwaltung und Beratungsstelle aufsteigt. Sie stellt die Pflegebedürftigkeit fest und bestimmt die Dauer der Unterstützung.
Neu ist, dass die Leistungen in 15 Pflegestufen zusammengeführt werden. So stehen einer Person mit einem leichten Pflegegrad zwischen 210 und 350 Minuten Pflege pro Woche zu. Der Dienstleister kann die Betreuung flexibel gestalten. Braucht eine Person im Schnitt 240 Minuten Pflege pro Woche, ist demnach sichergestellt, dass sie wenigstens 210 Minuten Pflege erhält und bis zu 350 Minuten bekommen kann, wenn der Gesundheitszustand an manchen Tagen weniger gut ausfällt. Der Dienstleister bezieht dafür einen Pauschalbetrag.

Was hat es mit den "activités d'appui à l'indépendance" und den "activités d'accompagnement" auf sich?

Die "activités d'appui à l'indépendance" fordern die Autonomie des Pflegebedürftigen. "Das können zum Beispiel Übungen sein, bei denen man die Treppen auf und ab geht, um die motorische Fähigkeiten einer Person zu stärken", erklärt Taina Bofferding. Für die individuelle Unterstützung werden bis zu fünf Stunden gewährt. Bei gemeinsamen Gruppenaktivitäten sind es bis zu 20 Stunden.

Die "activités d'accompagnement" vereinen ihrerseits die nicht spezialisierten Angebote. Sie sollen unter anderem dazu beitragen, dass eine Person nicht sozial isoliert ist. Zu Hause können die Bezieher bis zu drei Stunden Hilfe für häusliche Tätigkeiten erhalten. Gefördert werden insbesondere gemeinsame Aktivitäten in den Tageseinrichtungen.

Erhalten Pflegebedürftige keine Unterstützung mehr bei den Einkäufen?

"Die individuelle Begleitung für Einkäufe, auch "course-sortie" genannt, wird nicht mehr übernommen. Der Fokus wird viel mehr auf gemeinsame Gruppenaktivitäten in den Einrichtungen gerichtet", erklärt Taina Bofferding. Statt einzelne Einkaufshilfen zu finanzieren, will die Pflegeversicherung dazu anregen, an gemeinsamen sozialen Aktivitäten teilzunehmen.

Was passiert mit den pflegenden Angehörigen und den externen Hilfskräften?

Pflegende Angehörige, die sich als "aidants informels" einbringen, werden zunehmend in ihren Aufgaben begleitet. Wer sich um eine pflegebedürftige Person kümmert, muss als "aidant" beim zuständigen Amt gemeldet sein. Ihm stehen Weiterbildungskurse zu. Um die Schwarzarbeit zu unterbinden, verlangt der Staat fortan, dass externe Hilfskräfte einen Arbeitsvertrag aufweisen, soziale Beiträge zahlen und wenigstens den Mindestlohn beziehen. Die Verwaltungsstelle der Pflegeversicherung wird ihrerseits mehr kontrollieren, um gegen Missstände im Fall von illegalen ausländischen Pflegekräften vorzugehen.

Was passiert, wenn der "aidant informel" selbst krank ist oder eine Auszeit braucht?

Bislang sorgt der plötzliche Ausfall eines pflegenden Angehörigen für viel Kopfzerbrechen in den Familien. "Die Familien haben auf die „Vakanzenbetter“ in integrierten Seniorenzentren zurückgegriffen, allerdings waren diese je nach Jahreszeit schon überfüllt", erklärt Taina Bofferding. Um den Familien entgegenzukommen, bietet die Pflegeversicherung neuerdings Nachtwachen an. Jährlich werden für bis zu zehn Nächte für eine Betreuung am Bett des Pflegebedürftigen übernommen.









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