SEW-OGBL kritisiert Bildungspolitik

"Die Lehrer fühlen sich veräppelt"

Aufgebrachte Lehrervertreter: Patrick Arendt und Jules Barthel vom SEW/OGBL.
Aufgebrachte Lehrervertreter: Patrick Arendt und Jules Barthel vom SEW/OGBL.
Foto: B. Beffort

(BB) - Zur Rentrée warnt die Lehrervertretung SEW-OGBL vor einer gefährlichen politischen Entwicklung. Das öffentliche und alle Kinder fördernde Bildungssystem werde durch falsche politische Ansätze erstickt. Gewerkschafter und Lehrer Patrick Arendt skizziert: "Als ich vor 30 Jahren anfing Unterricht zu halten, ging es darum, dass die stärkeren Schüler die Schwächeren unterstützen. Es ging um Solidarität und um sozialen Zusammenhalt. Heute ist die Botschaft eher: 'Lasst die Stärkeren Chinesisch lernen, und die Schwächeren müssen irgendwie zurechtkommen'. Es kommt zur schleichenden Privatisierung der öffentlichen Schule."

Harsche Kritik übt die Gewerkschaft an der politischen Roadmap von Bildungsminister Claude Meisch. Die von der Regierung gepriesene Autonomie der Schulen öffne Tür und Tor für ein bedenkliches Konkurrenzdenken, das letztlich viele Schüler zu benachteiligen drohe. "Wir setzen uns für eine Bildungsgerechtigkeit ein. Eine starke öffentliche Schule trägt zur sozialen Kohäsion der Gesellschaft bei. Leider führt das Ministerium kein stichhaltiges Konzept an, das der Sprachenvielfalt des Landes und der Schülerschaft Rechnung trägt", moniert Arendt.

Gefährliches "Outsourcing"

Der SEW/OGBL bedauert insbesondere, dass die Politik immer mehr Schulen dazu anrege, sich an ausländischen Lehrprogrammen  zu orientieren. So zum Beispiel beim englischsprachigen Angebot im Lycée Michel Lucius, in der neuen internationalen Schule in Differdingen oder auch bei Lehrprojekten fürs Lyzeum in Junglinster. "Die Programme werden einfach vom Ausland übernommen. Wir haben dann keinen Einfluss mehr darauf", erklärt Gewerkschafter Jules Barthel.

Dieses "Outsourcing" habe zur Folge, dass junge Leute nicht an die hiesige Mehrsprachigkeit herangeführt werden. "Wenn sich ein Schüler mit der deutschen oder französischen Sprache schwertut, dann müssen wir ihm zur Seite stehen. Doch anstatt die Herausforderungen anzupacken, werden sie in ein englischsprachiges Angebot ausgelagert", beklagt die Gewerkschaft. Eine "Zersplitterung" der Schullandschaft befindet der SEW für schlicht inakzeptabel.

Lehrarbeit wird unzureichend anerkannt

Zurzeit laufe insgesamt vieles in der Bildungspolitik schief. Die Lehrarbeit werde systematisch geschwächt, weil die Lehrer steife bürokratische Vorgänge erledigen müssten, fährt Patrick Arendt fort. "Die Stimmung bei den Lehrern kippt. Ihnen werden von oben herab so viele administrative Vorschriften auferlegt, dass kaum noch Zeit bleibt, um sich der eigentlichen Bildungsaufgabe bei den Schülern zu widmen. Die Lehrer fühlen sich veräppelt", resümiert Arendt.

Diplomierte Lehrer könnten nach vier Jahre Studium und einer dreijährigen Stagezeit ihrer eigentlichen Aufgabe nicht nachkommen. Letztlich würde der Unterricht von Chargés de cours übernommen. "Und die Chargés werden weniger bezahlt und verfügen über weniger gute Arbeitsbedingungen", gibt Patrick Arendt zu bedenken. Auch hier erinnere die Vorgehensweise an die Privatwirtschaft mit "Leiharbeitern, die als Puffer eingesetzt werden".

Der SEW appeliert demnach an die politischen Vertreter, die öffentliche Schule und die Arbeit der Lehrer viel mehr wertzuschätzen und zu unterstützen. "Letztlich geht es um die Frage: Wofür stehen wir?", so Patrick Arendt abschließend.