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Sekundarschulpersonal wehrt sich gegen Zwangsüberstunden
Politik 3 Min. 28.07.2020

Sekundarschulpersonal wehrt sich gegen Zwangsüberstunden

Das psychosoziale Personal in den Sekundarschulen berät Schüler, Eltern und Lehrer.

Sekundarschulpersonal wehrt sich gegen Zwangsüberstunden

Das psychosoziale Personal in den Sekundarschulen berät Schüler, Eltern und Lehrer.
Foto: Shutterstock
Politik 3 Min. 28.07.2020

Sekundarschulpersonal wehrt sich gegen Zwangsüberstunden

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Das edukative und psychosoziale Personal in den Sekundarschulen soll künftig eine obligatorische 44-Stunden-Woche leisten. Die Personalvertretung APPSAS reagiert.

Das edukative und psychosoziale Personal in den Sekundarschulen hat laut Gesetz eine reguläre 40-Stunden-Woche und 32 Urlaubstage. Die meisten Fachkräfte leisten Überstunden, zum Beispiel wenn Elternabende stattfinden, Tage der offenen Tür, oder wenn sonstige Aufgaben anfallen. Die so geleisteten Überstunden werden im August als Urlaubstage genommen, wenn die Schulen geschlossen sind. 


Das Bildungsministerium möchte die Arbeitsbedingungen des edukativen und psychoszialen Personals in den Schulen und Kompetenzzentren vereinheitlichen.
Offener Brief an Claude Meisch: "Vor vollendete Tatsachen gestellt"
Fünf Gewerkschaften werfen Bildungsminister Meisch (DP) vor, die Arbeitsbedingungen des edukativen Personals im Bildungswesen verschlechtern zu wollen. Das Bildungsministerium reagiert.

Nun aber will das Bildungsministerium den Fachkräften in den Sekundarschulen eine obligatorische 44-Stunden-Woche während den Schulwochen aufbrummen. Die obligatorische 44-Stunden-Woche steht in einem Dokument des Bildungsministeriums, das von zwei Beamten unterzeichnet und am 10. Juli in Umlauf gebracht worden war. Die APPSAS, die Vertretung des edukativen und psychosozialen Personals in den Sekundarschulen, wehrt sich gegen die einseitig getroffene Entscheidung.

Die APPSAS ist eine von fünf Organisationen, die sich am Montag in einem offenen Brief an Bildungsminister Claude Meisch (DP) gegen die neuen Arbeitsbedingungen für das gesamte edukative und psychosoziale Personal in den Grundschulen, den Kompetenzzentren und den Sekundarschulen gewehrt hatten. Sie hatten dem Minister vorgeworfen, über ihre Köpfe hinweg entschieden zu haben.

Bildungsminister Claude Meisch wurde vorgeworfen, die Entscheidung ohne die Betroffenen getroffen zu haben.
Bildungsminister Claude Meisch wurde vorgeworfen, die Entscheidung ohne die Betroffenen getroffen zu haben.
Foto: SIP

Das Bildungsministerium nahm noch am selben Tag Stellung dazu. Auf Nachfrage erklärte Laurent Dura, chef de la direction générale de l'inclusion, das Ministerium erfinde nichts Neues, sondern wende geltendes Recht an, mit dem Ziel, die Arbeitsbedingungen des gesamten edukativen und psychosozialen Personals im Bildungswesen zu vereinheitlichen. Damit sei man dem Wunsch der Gewerkschaften nachgekommen.

Dura hob die Vorzüge der Zeitsparkonten (CET: Compte Epargne Temps) hervor. Das Gesetz über die Zeitsparkonten verschaffe den Fachkräften mehr Flexibilität. Sie können bis zu acht Überstunden pro Woche leisten, die sie dann während der Schulferien - aber nicht ausschließlich - freinehmen können. 

Vier Überstunden jede Woche

Patrick Reeff von der APPSAS sieht die Dinge etwas anders. Dass Überstunden geleistet werden, sei in den Sekundarschulen gängige Praxis, allerdings nur, wenn auch Arbeit anfällt. „Das können in der einen Woche acht Stunden sein, in einer anderen fallen keine Überstunden an. Jetzt aber werden wir gezwungen, während den Schulwochen jede Woche vier Überstunden zu machen“, sagte er am Dienstag im Gespräch mit dem „Luxemburger Wort“, „ob Arbeit anfällt oder nicht“. Das sei wenig sinnvoll, ja kontraproduktiv. Darüber hinaus sei das Personal verpflichtet, die zusätzlichen Urlaubstage im August zu nehmen und könne nicht, wie das in anderen Sparten der Fall sei, auch außerhalb der Schulferien freinehmen.

Wir hätten gerne mit dem Bildungsminister diskutiert, aber mit uns hat niemand geredet.

Patrick Reef, APPSAS

Reeff hat auch Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Zwangsüberstunden. „Laut dem CET-Gesetz ist es so, dass der Arbeitnehmer entscheidet, ob und wie viele Überstunden er macht.“ Kein Arbeitgeber könne seine Mitarbeiter von vornherein zu vier Überstunden zwingen. Reeff schlägt vor, eine Referenzperiode oder einen Überstundendurchschnitt pro Trimester festzulegen beispielsweise. 

Die fünf Gewerkschaften hatten dem Bildungsminister in ihrem Brief vorgeworfen, sie vor vollendete Tatsachen zu stellen, statt mit ihnen über die Änderungen zu verhandeln. Das gilt im Speziellen auch für die APPSAS. „Wir hätten gerne mit dem Bildungsminister diskutiert, aber mit uns hat niemand geredet“, sagte Reeff. Diese Vorgehensweise sei im Übrigen nicht in Einklang mit dem Gesetz, so der Psychologe. 

„Ministerium muss mit uns verhandeln“

Laut dem Gesetz sei das Ministerium verpflichtet, über Änderungen mit der Personalvertretung zu verhandeln, bevor Dinge entschieden werden. Das sei nicht passiert. „Uns wurde ein von Beamten des Bildungsministeriums unterzeichnetes, fertiges Dokument vorgelegt. Wir wurden bestenfalls informiert.“ Mehrere Briefe der APPSAS an den Bildungsminister und an die zuständigen Beamten seien unbeantwortet geblieben.

Die APPSAS fordert den Rückzug des Dokuments und dass das Ministerium sich mit ihr an einen Tisch setzt, um über die künftigen Arbeitsbedingungen zu verhandeln.

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