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Schulabbruch: "Wir dürfen niemanden fallen lassen"
Politik 7 Min. 15.02.2017

Schulabbruch: "Wir dürfen niemanden fallen lassen"

Bryans Traum ist es, als ausgebildeteter Erzieher in einer Maison relais zu arbeiten.

Schulabbruch: "Wir dürfen niemanden fallen lassen"

Bryans Traum ist es, als ausgebildeteter Erzieher in einer Maison relais zu arbeiten.
Foto: Shutterstock
Politik 7 Min. 15.02.2017

Schulabbruch: "Wir dürfen niemanden fallen lassen"

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Jeden Monat brechen knapp 140 Schüler die Schule ab. Bryan ist einer von ihnen. Kurz nach seinem 16. Geburtstag schmiss er alles hin. Heute arbeitet der 18-Jährige in einer Maison relais. Er möchte eine Ausbildung zum Erzieher machen, doch das ist leichter gesagt als getan.

Von Michèle Gantenbein

In den vergangenen fünf Jahren haben im Schnitt jeden Monat 143 Schüler die Schule frühzeitig abgebrochen. Unter ihnen war auch Bryan. Er ist das, was man einen klassischen Schulabbrecher nennt.

Bryan erkannte sehr früh sein Interessengebiet. „Ich war schon immer sehr auf den sozialen Bereich fixiert“, erzählt der heute 18-Jährige. Doch die Orientierung am Ende der 9e verlief anders.

Für die Ausbildung zum Erzieher im „Lycée technique pour professions éducatives et sociales“ waren seine Noten nicht gut genug. Aus der Ausbildung zum Krankenpflegehelfer im „Lycée technique pour professions de santé“ in Strassen wurde auch nichts.

Falsche Ausbildung

Also liebäugelte er mit einer Ausbildung im Bauingenieurwesen, doch auch hierfür reichten die Noten nicht. Hinzu kam eine schlechte Benotung im Benehmen, „weil ich ständig den Clown gemacht habe“. Die Zeit wurde knapp und Bryan entschied sich für eine 10e Commerce. Trotz zufriedenstellender Noten stellte er schnell fest, „dass das nicht das war, was ich später machen wollte“.

Kurz nach seinem 16. Geburtstag brach Bryan die Schule ab und begann Praktika in verschiedenen Maisons relais. Darauf folgte ein Volontariat beim „Service national de la jeunesse“ (SNJ). Die Arbeit mit den Kindern machte ihm großen Spaß, die Chefin schätzte sein Engagement und sein Talent im Umgang mit Kindern.

Bryan schien seinen Weg gefunden haben. Sein Plan war, nach dem Volontariat eine Ausbildung zum Erzieher anzufangen. Doch dann kam der Rückschlag: Aufgrund einer neuen Regelung, wonach man für die Arbeit in der Maison relais 18 Jahre alt sein musste, verlor er von heute auf morgen seinen Job.

Rausschmiss traf ihn schwer

Der Rausschmiss traf ihn schwer. Ein Jahr lang hockte er untätig zu Hause. „Ich habe nicht rechtzeitig gemerkt, dass ich anfing, richtig faul zu werden“, sagt er heute. Zwar hatte er sich anfangs bei der Adem eingeschrieben. Er wollte schnell einen Job finden, doch es klappte nicht. „Irgendwann verließ mich der Mut und ich ließ den Kopf hängen.“

„Ich habe nicht rechtzeitig gemerkt, dass ich anfing, richtig faul zu werden.“

Bryans Glück war, dass er bereits vor seinem Abbruch regelmäßig das Jugendhaus Hesper aufsuchte. Dort fand er Unterstützung. Dass er sich aufgerappelt und mit 18 Jahren einen neuen Versuch in der Maison relais gestartet hat, ist aber auch einem glücklichen Umstand zu verdanken. Rein zufällig traf Bryan seine ehemalige Chefin an einer Tankstelle und sie forderte ihn auf, doch zurückkommen. Sie bräuchte gute Leute wie ihn.

Heute arbeitet Bryan in drei Betreuungseinrichtungen als Vertretung. Die Ausbildung zum Erzieher will er unbedingt machen. In Luxemburg ist dies aufgrund der fehlenden schulischen Basisausbildung nicht möglich. Deshalb versucht er sein Glück jetzt an zwei belgischen Schulen.

„Irgendwann verließ mich der Mut und ich ließ den Kopf hängen.“

Romain Juncker kennt sich aus mit Schulabbrechern. Als Leiter des „Jugendtreff Hesper“ hat er viele junge Menschen erlebt, die sich aufgegeben haben, weil sie für sich keine Perspektiven mehr sahen. Der Jugendhausleiter hat viele Schulabbrecher in eine Ausbildung oder einen Job begleitet, sie unterstützt und ihnen geholfen, wieder Mut zu fassen.

Betreuung und Orientierung

Als er hört, dass vergangenes Jahr 1.632 Schüler die Schule abgebrochen und nur ein Viertel von ihnen wiedereingegliedert werden konnten, zuckt er zusammen. „Das sind nicht viele“, sagt er nachdenklich. „Wir brauchen ein viel hartnäckigeres Auffangsystem: gute Betreuungskonzepte und eine bessere Orientierung“, ist er überzeugt.

„Ich hatte noch mit keinem Jugendlichen zu tun, von dem ich dachte, er sei es nicht wert, unterstützt zu werden.“

„Eben weil viele Schüler sich so früh für eine Ausbildung entscheiden müssen, muss Orientierung früher anfangen und besser in den schulischen Alltag integriert sein. Ist man erst einmal falsch unterwegs, ist es schwer, kehrt zu machen“, sagt Juncker. Man müsse verhindern, dass junge Menschen wie Bryan sich verlaufen, wertvolle Zeit verlieren und in der Perspektivlosigkeit enden. „Wäre Bryan richtig orientiert worden, hätte man ihm den Umweg ersparen können“, ist der Jugendhausleiter überzeugt.

Schlechtes Benehmen

Romains Erfahrung hat gezeigt, dass besonders junge Erwachsenen es schwer haben, wieder auf die Füße zu kommen. „Wer aus dem System raus ist, kommt so leicht nicht wieder rein“, sagt er. „Vielen fehlt die schulische Grundausbildung oder aber die Schulen wollen sie nicht haben.“

In vielen Fällen sind die Gründe im Benehmen der Jugendlichen zu suchen. „Ja, schlechtes Benehmen ist ein häufiges Phänomen bei Jugendlichen“, räumt Romain ein. Das ist aber seines Erachtens kein Grund, Jugendliche aus dem System auszuschließen und ihnen neue Chancen zu verweigern. „Ein solches Benehmen ist Teil der Entwicklung vieler Jugendlichen und in fast allen Fällen vorübergehend“, so der Jugendhausleiter. „Wir dürfen schlicht niemanden fallen lassen.“

Quasi allen Jugendlichen, die er betreut hat, sei es gelungen, ihre schwierigen Phasen zu überbrücken, wieder Mut zu fassen, aus ihrem Leben etwas zu machen, wieder Perspektiven für sich zu entdecken, „die meisten aber nur, weil sie dabei unterstützt und begleitet wurden“.

Das richtige Gespür

Diese Begleitung fordert Romain für alle Risikoschüler und Schulabbrecher ein, auch über die Zeit eines Volontariats oder einer Beschäftigungsmaßnahme hinaus, „sonst fangen wir wieder bei Null an“, so der Jugendhausleiter.

Romain hat kein Rezept, aber er weiß, worauf es ankommt: Auf das Gespür der Bezugspersonen (Lehrer, Erzieher, Betreuer) für die Lage und die Bedürfnisse der Jugendlichen. Selbst bei scheinbar aussichtslosen Fällen gab er den Glauben an die Jugendlichen nie auf. Und behielt in den meisten Fällen recht. „Ich hatte noch mit keinem Jugendlichen zu tun, von dem ich dachte, er sei es nicht wert, unterstützt zu werden.“

136 Aussteiger jeden Monat

Laut Eurostat lag die Schulabbrecherquote 2015 in Luxemburg bei 9,3 Prozent (EU: elf Prozent). Damit hat Luxemburg das europäische Ziel, wonach bis 2020 der Anteil der Schulabbrecher auf unter zehn Prozent gesenkt werden soll, erfüllt. Das Luxemburger Bildungsministerium hat eine Quote von 13,5 Prozent ermittelt. Grund für die Diskrepanz sind die unterschiedlichen Berechnungsmethoden. Die europäischen Zahlen basieren auf der „Enquête sur les forces de travail“. Das Bildungsministerium berechnet seine Quote mittels einer Kohortenanalyse – eine Kohorte entspricht einem Jahrgang – in die Zukunft. Daraus ergibt sich eine theoretische Schulabbrecherquote.

Übereinstimmung herrscht einzig in der Feststellung, dass die Quote in Luxemburg seit 2010 gestiegen ist, laut Eurostat von 7,1 auf 9,3 Prozent, laut Ministerium von neun auf 13,5 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist die Quote im EU-Durchschnitt von 14,1 auf elf Prozent gesunken. Die meisten Schüler steigen im Alter von 16 oder 17 Jahren aus, wenn die Schulpflicht endet. Ein Drittel aller Schulabbrecher findet man in der Berufsausbildung (DAP und CCP).

Die Gründe für den Schulabbruch sind vielfältig: schulischer Misserfolg, persönliche Probleme, falsche Orientierung, Mangel an Ausbildungsplätzen, besonders bei den CCP-Ausbildungen. Gegen Letzteres will man laut Marc Barthelemy vom Bildungsministerium gezielter vorgehen, u. a. mit der Schaffung von Ausbildungsplätzen beim Staat. Des Weiteren soll im Ministerium eine neue Abteilung geschaffen werden, die speziell für die Problematik rund um den Schulabbruch zuständig sein wird.

2014/15 haben in Luxemburg 1 632 Schüler die Schule frühzeitig abgebrochen. Das sind 136 Schüler pro Monat. 400 von ihnen sind im Laufe des Jahres wieder ins Schulsystem zurückgekehrt. Mit Hilfe der „Action locale pour jeunes“ (ALJ) versucht das Ministerium, Schulabbrecher zu kontaktieren, um mehr über die Gründe ihres Schulabbruchs zu erfahren, vor allem aber, um sie wieder in eine Ausbildung oder Beschäftigung zu bringen. 225 Schüler waren unauffindbar oder lehnten den Kontakt zur ALJ ab. Bleiben 1 007 Schulabbrecher, die von der ALJ ausfindig gemacht werden konnten. Die Mehrzahl (419 Schüler) gab an, auf der Suche nach einer Ausbildung oder einer Lehre zu sein. Die Zahl der „Unauffindbaren“ ist seit 2010 um mehr als die Hälfte zurückgegangen.

Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der identifizierten Schulabbrecher gestiegen. Beide Entwicklungen lassen sich z. T. aus der Tatsache erklären, „dass die Arbeit der ALJ sich verbessert hat und die Abbrecher jetzt genauer identifiziert werden können“, wie Gilles Hirt von der Statistikabteilung des Ministeriums erklärt. Eine weitere Erklärung für den Rückgang der Zahl der „Unerfassbaren“ könnte sein, dass Schüler, die mehrfach abgebrochen und den Kontakt zur ALJ zunächst verweigert haben, ihn dann doch zugelassen haben. 2015 waren 61 Prozent der Schulabbrecher Jungen. Etwas mehr als 50 Prozent der Aussteiger sind Luxemburger. Im Vergleich zu ihrem Anteil an der gesamten Schulbevölkerung aber (62 Prozent) machen sie einen geringen Teil der Abbrecher aus. Deutlich ausgeprägter ist der Anteil bei den Portugiesen, den Kapverdiern und den Kosovaren.

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