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"Schluss mit dem Unsinn"
Politik 2 Min. 19.01.2019 Aus unserem online-Archiv

"Schluss mit dem Unsinn"

Der SEW ist das Sprachrohr von vielen unzufriedenen Referendaren und Lehramtsstudenten.

"Schluss mit dem Unsinn"

Der SEW ist das Sprachrohr von vielen unzufriedenen Referendaren und Lehramtsstudenten.
Foto: Chris Karaba
Politik 2 Min. 19.01.2019 Aus unserem online-Archiv

"Schluss mit dem Unsinn"

Michèle GANTENBEIN
Michèle GANTENBEIN
Im Grundschulwesen in Luxemburg herrscht Lehrermangel. Das zweijährige Referendariat ist daran nicht ganz unschuldig. Der Stage wird von den jungen Lehrern als unsinnig, belastend und zeitraubend erlebt. Sie wollen, dass sich das ändert.

Die Referendare im Fondamental sind unzufrieden mit dem Referendariat. Vor allem die theoretischen Kurse am IFEN werden als Zeitverschwendung erlebt, weil es sich in der Mehrzahl um Wiederholungen aus der Grundausbildung handelt. Hinzu kommt die Angst, zu scheitern. Zwar wurde die Zahl der Bewertungsmomente reduziert, dennoch bleibt bei vielen die Angst, den Stage nicht zu schaffen.

Um ihrem Ärger Luft zu machen und ein Sprachrohr zu haben, wenden sich viele dem SEW (Syndikat Erzéiung a Wëssenschaft) zu. Und dass es nicht wenige Unzufriedene gibt, zeigte sich am Samstag bei der Protestveranstaltung im Bonneweger Casino syndical. Gut 250 Referendare und Studenten, aber auch erfahrene Lehrer fanden sich hier ein, um für einen sinnvollen Stage zu protestieren, der begleitet und unterstützt statt den jungen Lehrern ihre Zeit zu stehlen.

Das Casino syndical in Bonneweg war am Samstag bis auf den letzten Platz besetzt.
Das Casino syndical in Bonneweg war am Samstag bis auf den letzten Platz besetzt.
Foto: Chris Karaba

Das Grundproblem des Stage im Fondamental liegt SEW-Präsident Patrick Arendt zufolge darin, dass am IFEN dieselben Kurse wie an der Uni angeboten werden und die Berufsanfänger trotz Diplom, das ihnen bescheinigt, vollwertige Lehrer zu sein, erneut bewertet werden. "Jeder Lehrer wurde theoretisch und praktisch voll ausgebildet und geprüft", so Arendt. Erneut bewertet zu werden, sei komplett überflüssig und sogar kontraproduktiv. Für den SEW-Vorsitzenden steht fest, dass die Attraktivität des Lehrerberufs seit der Einführung des Referendariats gelitten hat und dass der Stage am Lehrermangel mitschuldig ist.

Druck von oben

Er beanstandete am Samstag auch, dass seitens der Schuldirektionen und des IFEN Druck auf die Lehrer ausgeübt werde, sich ruhig zu verhalten und sich nicht öffentlich zu äußern. "Das ist inakzeptabel", so Arendt. Lehrer würden zu Befehlsempfängern gemacht, "die sich ducken und alles umsetzen, was von ihnen verlangt wird, ohne zu kritisieren".

"Ich fühle mich noch immer wie auf der Uni", sagte eine Referendarin, die ihr zweites Stage-Jahr absolviert. Als Stagiaire sei man in den Augen anderer keine vollwertige Lehrkraft und werde nicht ganz ernst genommen, auch von Eltern, meinte sie. Was ihr am meisten missfällt ist, dass "im Stage nicht auf die Qualität des Unterrichts geachtet wird, sondern nur darauf, ob man genug Punkte hat".

Begleiter und Prüfer zugleich

Was den jungen Lehrern gut gefällt, ist die Unterstützung durch den Conseiller pédagogique, ein erfahrener Lehrer, der die Berufsanfänger während dem Stage begleitet und berät, vorausgesetzt die Chemie stimmt zwischen den beiden. Dass der pädagogische Berater auch bewertet, finden viele nicht gut. Luxemburg sei das einzige Land, in dem der Begleiter zugleich auch Prüfer sei, sagte ein anderer Lehrer am Samstag. Dieser Umstand verhindere eine Vertrauensbildung zwischen Referendar und Begleiter.

"Wir brauchen eine Reform des Stage"

Die Teilnehmer der Protestveranstaltung forderten am Samstag eine Reform des Referendariats. Der Stage dürfe nicht bewertend sein und der Conseiller pédagogique solle eine reine Begleit- und Vertrauensperson sein, die unterstützt und berät. Der Berufsanfänger soll sich diese Person aussuchen können, damit sichergestellt ist, dass die Zusammenarbeit klappt. Weiterbildungskurse dürften keine Wiederholung aus der Grundausbildung sein.

Gefordert wird auch eine Trennung zwischen dem Referendariat und den Stage-Bedingungen im öffentlichen Dienst. "So lange die Logik die gleiche bleibt, nützt auch eine Kürzung nichts", sagte Arendt. Er fordert eine Änderung des IFEN-Gesetzes, in dem die Stage-Bedingungen festgeschrieben sind, und hofft auf das Einsehen von Bildungsminister Claude Meisch. Ein Treffen sei jedenfalls angefragt.




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