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"Sars-CoV-2 Infektionen bei Kindern sind eindeutig möglich"
Politik 5 Min. 14.05.2020

"Sars-CoV-2 Infektionen bei Kindern sind eindeutig möglich"

Der Infektionsverlauf bei Kindern ist eher milde.

"Sars-CoV-2 Infektionen bei Kindern sind eindeutig möglich"

Der Infektionsverlauf bei Kindern ist eher milde.
Foto: Christian Charisius/dpa
Politik 5 Min. 14.05.2020

"Sars-CoV-2 Infektionen bei Kindern sind eindeutig möglich"

Annette WELSCH
Annette WELSCH
Research Luxembourg stellt drei Forschungsgebiete im Rahmen der Covid-19-Pandemie vor.

Wie hoch ist das SARS-CoV-2-Infektionsrisiko von Kindern im Vergleich zu Erwachsenen und älteren Personen, sind Kinder während einer Infektion  ansteckend und gibt es bei ihnen Symptome oder Risikofaktoren, die auf eine besondere Empfindlichkeit hinweisen? Das sind die drei Fragen,  für die der Direktor des Luxembourg Centre for Systems Biomedicine (LCSB), Prof. Dr. Rudi Balling den Stand der Wissenschaft zusammenfasste.

Er ist Teil von Research Luxembourg, der Taskforce zur Koordinierung der öffentlichen Forschung im Rahmen der Covid-19-Pandemie, der fünf Institute angehören. Sie wollen die politischen Entscheidungen begleiten, indem sie die nötigen Fakten und Daten liefern. 

Der Regierung Fakten liefern

Am Donnerstag stellten neben Prof. Balling auch Prof. Dr. Aline Müller,  CEO vom Luxembourg Institute of Socio-Economic Research (LISER) und  Prof. Dr. Benny Mantin, Direktor des Luxembourg Centre for Logistics and Supply Chain Management (LCL) ihre Arbeiten vor. Dabei geht es um die wirtschaftlichen Effekte von Covid-19 in Luxemburg sowie die Effekte auf die Versorgungskette und Logistik. 

Prof. Rudi Balling ist zwar kein Mediziner, stellte aber den Überblick der Forschung an Kindern zusammen.
Prof. Rudi Balling ist zwar kein Mediziner, stellte aber den Überblick der Forschung an Kindern zusammen.
Foto: Guy Jallay

"Sars-CoV-2 Infektionen bei Kindern sind eindeutig möglich", sagte Prof. Balling. Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft könne man aber festhalten, dass diese Viruserkrankungen mit dem Alter steigen und dass es vor allem für ältere Menschen gefährlich werden kann. Daran werde nun viel geforscht, denn es könnten sich auch Behandlungsmethoden ergeben, wenn man versteht, warum Kinder weniger hart getroffen werden. 

Milder Infektionsverlauf

Kinder zeigen zwar eine größere Vielfalt an Symptomen, die auch die Haut beispielsweise betreffen können. Generell sei der Infektionsverlauf bei Kindern aber fast immer sehr mild oder sogar asymptomatisch. Nur in sehr seltenen Einzelfällen komme es zu extremen Verläufen bis hin zum Tod. 


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Bislang waren in Luxemburg zehn Kinder hospitalisiert und zwei davon mussten intensivmedizinisch betreut werden. Luxemburg ist aber auch das erste Land weltweit, das darauf aufmerksam machte, dass es zu einer Erkrankung, die dem Kawasaki-Syndrom ähnelt, kommen kann, einer behandelbaren systemischen Entzündungserkrankung bei Kindern. "Später wurden 20 Fälle in Paris und  dann auch in New York beschrieben. Mittlerweile schaut man weltweit genau hin", sagte Prof. Balling.

Übertragungsrate niedriger als bei Erwachsenen

Für die anstehende Schulöffnung stellte sich die Frage: Wie ansteckend sind Kinder, wie ansteckend für andere Kinder und wie ansteckend für Lehrer, Eltern, Großeltern. Denn es gilt weiterhin, die Ausbreitung des Virus unter Kontrolle zu behalten und eine zweite Welle zu vermeiden. 

Die meisten Studien berichten von einer eher niedrigen sekundären Ansteckungsrate bei Kindern.

Prof. Rudi Balling

"Die meisten Studien berichten von einer eher niedrigen sekundären Ansteckungsrate bei Kindern - die Übertragungsrate ist wahrscheinlich geringer als bei Erwachsenen", betonte Prof. Balling. Es bestehe aber noch viel Klärungsbedarf und man müsse auf den Schutz des Lehrpersonals achten.  

Szenarien für die Wirtschaft

Prof. Aline Müller befasste sich mit den sanitären und wirtschaftlichen Konsequenzen der Covid-19-Maßnahmen - dem Lockdown sowie dem Exit daraus. Wobei Wirtschaft und Gesundheit miteinander verwoben sind, denn Entscheidungen, die die Arbeitswelt betreffen, können sich direkt auf die Gesundheit der Bevölkerung auswirken und umgekehrt. "Wir versuchen die Interdependenzen und die Komplexität zu verstehen und sammeln viele Daten." Die Politik habe ein wahres Interesse an Fakten, um Entscheidungen zu treffen.

Die LISER-Direktorin Aline Müller rechnet mit einer zweiten Welle mit Höhepunkt im August, wenn nicht großflächig getestet wird.
Die LISER-Direktorin Aline Müller rechnet mit einer zweiten Welle mit Höhepunkt im August, wenn nicht großflächig getestet wird.
Foto:Gerry Huberty

"Die Maßnahmen der sozialen Distanzierung durchtrennen die Infektionsketten, sie durchtrennen aber auch die Produktivität", beschrieb Prof. Müller die Situation. Wäre der Lockdown bis Ende des Jahres bestanden, hätte sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 25 Prozent reduziert. Das gelänge aber nur aufgrund der Telearbeit, denn ohne sie, läge der BIP-Einbruch bei 60 Prozent. "Die Telearbeit hat es erlaubt, den Schock zu absorbieren - sie rettet die Wirtschaft, schützt aber auch vor Infektionen." 

Large-scale testing essenziell

Das jetzige Szenario, die Öffnung der Bautätigkeit und der Schulen ermöglichte es, den Wirtschaftseinbruch auf 20 Prozent zu drücken und die seit dem 11. Mai geltende Wiederaufnahme der Wirtschaftstätigkeit führe zum auch vom Statec errechneten Minus von nur noch acht Prozent. So die Modelle von Prof. Müller.

Für die Infektionen heißt es allerdings: Würde nicht getestet, beginne Anfang Juni die zweite Infektionswelle, die Mitte August einen Höhepunkt von 20 000 Infizierten erreiche - 5 000 waren es bei der ersten Welle Ende März. Mit breitflächigen täglichen oder wöchentlichen Tests ließe sich die Kurve auf dem jetzigen Niveau halten. 

Es müssen nicht nur die Luxemburger, sondern auch die Grenzgänger getestet werden.

Prof. Aline Müller

Prof. Müller wies aber auch auf die Wichtigkeit der Koordination mit den Nachbarländern hin. "In unserer offenen Wirtschaft müssen nicht nur die Luxemburger, sondern auch die Grenzgänger getestet werden." Würden nur die Luxemburger auf Covid-19 getestet, bleibe es beim Peak von 20 000 Infizierten im August.

Versorgungsketten transparent machen

Prof. Mantin erklärte seine Forschung zu Lieferketten und Logistik: Dadurch dass die Wirtschaft heruntergefahren und die Grenzen geschlossen wurden, wurden die Phänomene des "lean manufacturing" - keine große Lagerhaltung - und die begrenzte Transparenz der Versorgungsketten offensichtlich. Die Wirtschaft war darauf nicht vorbereitet. 

"Betriebe sollten eine Karte ihrer Lieferketten zeichnen: Wer sind ihre Lieferanten und wer beliefert diese wiederum, wer sind ihre Kunden und wer wiederum deren Kunden?", schlug er vor. Jedes Unternehmen sollte zudem seine Risiken identifizieren und quantifizieren. 

Aktivitäten zurück nach Europa verlagern

Um die Widerstandskraft in einer globalisierten Welt zu erhöhen, müssten aber auch noch weitere Maßnahmen ergriffen werden: Wichtige Aktivitäten wieder nach Europa zurückverlagern, die Versorgungsketten kürzen und nach alternativen oder zusätzlichen Lieferanten suchen oder auch die Produkte  vereinfachen. 

Wie es in Zukunft weitergeht, hängt aber auch stark von uns selber ab.

Prof. Benny Mantin

"Es sind kurz-, mittel- und langfristige Vorschläge", so Prof. Mantin. "Wie es in Zukunft weitergeht, hängt aber auch stark von uns selber ab. Ob wir kritisch auf die Herkunft der Produkte und die Lieferanten schauen, ob wir mehr auf lokale und regionale Produkte umsteigen und Transparenz verlangen. Wir haben es in der Hand."

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