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Santé-Bericht warnt vor Lockerungen
Politik 4 Min. 06.01.2021 Aus unserem online-Archiv

Santé-Bericht warnt vor Lockerungen

Die Maßnahmen der Regierung passen nicht zum Lagebericht der im Ministerium für die öffentliche Gesundheit zuständigen Gesundheitsdirektion.

Santé-Bericht warnt vor Lockerungen

Die Maßnahmen der Regierung passen nicht zum Lagebericht der im Ministerium für die öffentliche Gesundheit zuständigen Gesundheitsdirektion.
Foto: Chris Karaba
Politik 4 Min. 06.01.2021 Aus unserem online-Archiv

Santé-Bericht warnt vor Lockerungen

Annette WELSCH
Annette WELSCH
Mit der Effizienz der Covid-Maßnahmen in den letzten Wochen des Jahres 2020 befasst sich die Gesundheitsdirektion und mahnt: Trotz leichter Verbesserung sollte es keine Lockerungen geben.

Die generelle und internationale Situation lasse keine Erleichterungen bei den Maßnahmen zu - ganz im Gegenteil müssten sie verschärft werden, um eine neue noch stärkere Infektionswelle Anfang des Jahres zu vermeiden. Das ist die Kernaussage eines Berichts der Gesundheitsdirektion, der am Dienstag an die Abgeordneten verschickt wurde. Am selben Tag beschloss die Regierung allerdings weitere Lockerungen. 


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Zu den positiven Punkten zählt die Gesundheitsdirektion, die im Bericht vor allem die Entwicklung der vier Wochen zwischen dem 7. Dezember und dem 3. Januar beleuchtet, dass die Zahl der Neuinfektionen gesunken ist. In der Woche vom 7. bis 13. Dezember hatte Luxemburg mit über 550 die dritthöchste Zahl an Neuinfektionen pro Tag in der EU - ein Niveau, das über sieben Wochen Bestand gehabt hatte. 

Absenkung der Zahlen vorsichtig auslegen

Dann sanken die Zahlen bis auf 250 für die drei Tage der Woche vom 28. Dezember - allerdings bei ganz reduzierter Testanzahl, bei einer Positivitätsrate, die mit 6,59 Prozent noch weit über den empfohlenen drei Prozent liegt und einer Reproduktionszahl, die wegen der geringen Testzahl schwer zu interpretieren sei, mahnt die Santé-Direktion. 

„Malgré cette tendance encourageante, l’incidence de l’infection reste à un niveau élevé, et il est indispensable que le recul des nouvelles infections soit soutenu pendant quelques semaines non seulement afin de réduire le risque de recrudescence mais aussi afin d’assurer une efficacité optimale du contact tracing (< 150 infections/jour)“, heißt es im Bericht. 

Auch in den Krankenhäusern bleibe die Situation trotz geringerer Patientenzahl angespannt, angesichts des um 30 Prozent höheren Arbeitsaufwands für einen Covid-Patienten und den Personalausfällen wegen Covid-19-Erkrankungen, Quarantänen, familiären Urlauben und Burn-out. Auch deswegen müssten die Neuinfektionen auf unter 200 pro Tag sinken, mahnt die Santé-Direktion.   

Weiterhin hohe Sterbezahlen

Es wird auch darauf hingewiesen, dass die Infektionszahlen in allen Altersgruppen um 50 Prozent sanken, außer bei den über 75-Jährigen, wo die Inzidenz bei weit mehr als 200 Neuinfektionen pro 100.000 und pro Woche liege. Dabei sei der Hauptrisikofaktor für einen schweren bis tödlichen Krankheitsverlauf das (hohe) Alter. 


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Luxemburgs Sterbezahlen, die zum ganz großen Teil alte und sehr alte Menschen in Alten- und Pflegeheimen betreffen und von Oktober bis Dezember von 133 auf 511 stiegen, gehörten denn auch zu den höchsten der EU. Es zeige sich deutlich eine Übersterblichkeit in diesem Jahr verglichen mit der Zahl der vorherigen Jahre aufgrund von Covid-19. Allein vom 1. November bis 31. Dezember verstarben 340 Personen. 

Die Gesundheitsdirektion erwartet sich, dass die Zahl der Sterbefälle noch eine bestimmte Zeit weiter steigen wird, denn Maßnahmen wirken sich stark zeitverzögert auf die schweren Verläufe der Krankheit aus

Die EU-Kommission habe bereits am 2. Dezember die Entscheidungsträger gemahnt, sie sollten berücksichtigen, dass es bis zu 40 Tagen dauern kann, bis sich Maßnahmen auf die Krankheitsverläufe auswirken. Viel länger also als die reine Inkubationszeit. Es sei also ganz wichtig, zunächst die Auswirkungen einer Maßnahme genauestens zu studieren, bevor sie nach und nach aufgehoben wird, so die EU-Kommission. 

Auswirkungen der Ferien auf Schüler ungewiss

Stark gestiegen sind auch die Zahlen der Neuinfektionen bei den Kindern zwischen 0 und 14 Jahren: Die in den Schulen verzeichneten Fälle belaufen sich in den Wochen vom 7. bis zum 20. Dezember auf 700 bis 800 Fälle pro Woche. Welche Auswirkungen die Schulferien und die Woche Homeschooling hatten, werde sich erst zeigen, wenn die Testresultate der Schüler und Lehrer vorliegen. Sie wurden alle eingeladen, sich vor der Rückkehr in die Schulen am kommenden Montag testen zu lassen.  

Im Bericht der Santé-Direktion wird auch auf Mahnungen des Europäischen Seuchenzentrums ECDC und der EU-Kommission hingewiesen, die am 2. und 4. Dezember vor den Risiken der Jahresendfeiertage - Familien- und andere Feiern, Einkäufe und Reisen - sowie der sogenannten Pandemie-Müdigkeit warnten. Es wird auch eine Studie zitiert, nach der Ausgangssperren, Bleibt-zuhause-Parolen und die Schließung oder Zugangsbegrenzung von Orten, wo sich mehr oder weniger lange viele Menschen aufhalten wie Geschäfte, Restaurants oder Arbeitsplätze am wirksamsten sind.  

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Die Schlussfolgerung, dass die Zeit für Lockerungen noch nicht gekommen ist, begründet die Gesundheitsdirektion abschließend mit den Infektionszahlen, die ein wirksames Kontakt-Tracing noch nicht zulassen, mit den noch nicht absehbaren Auswirkungen der Feiertage, den Familienfeiern und -besuchen im Ausland - gemeinsam Essen trage nach Studien noch immer am stärksten zu den Infektionen bei - und mit der neuen Virusvariante aus Großbritannien. 

Auf Dauer müsse eine Inzidenzrate von 10 pro Tag und einer Million Einwohner angestrebt werden, schreibt das Gesundheitsministerium. Denn laut einem Wissenschaftsartikel wird geschätzt, dass schon bei 300 Neuinfektionen pro Tag und einer Million Einwohner - also etwas mehr als 200 pro Tag in Luxemburg - die wirtschaftlichen Auswirkungen enorm wären. Denn dann sind circa drei Prozent der Bevölkerung in Isolation oder Quarantäne, was eine nicht zu unterschätzende Schwächung der verfügbaren Arbeitskraft darstelle.  

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